Wiederaufnahmen & Repertoire

Eine intensive künstlerische Auseinandersetzung mit dem Zentralgestirn, dem vielleicht größten Genie der Musikgeschichte gehört unbestritten zu den verantwortungsvollsten Aufgaben einer international renommierten Musiktheaterbühne. Und so stand die Pflege der Werke des zu Lebzeiten erfolgreich-erfolglosen Wahlwieners Mozart an der Wiener Staatsoper stets an vorderster Stelle: Als Eröffnungswerk 1869 w.hlte man Don Giovanni, präsentierte schon kurz darauf stolz einen ersten umfangreichen Mozart-Zyklus, brachte zur sehnlichst erwarteten Aufnahme des Spielbetriebs nach dem Zweiten Weltkrieg Le nozze di Figaro und als zweite Premiere zur Wiedereröffnung des Hauses am Ring ebenfalls Don Giovanni. Darüber hinaus sind Le nozze di Figaro und die Zauberflöte seit Jahrzehnten die mit Abstand am meisten gespielte Werke unseres Repertoires. Die Mozart-Pflege und damit verbunden das Anknüpfen an die Idee des legendären Mozart-Ensembles der Nachkriegszeit bildet auch einen der erklärten Schwerpunkte der gegenwärtigen Direktion. In dieser Saison sind, zusätzlich zur Don Giovanni-Neuproduktion noch Le nozze di Figaro, die Zauberflöte sowie die im Vorjahr nach 20 Jahren Pause in den Spielplan zurückgekehrte Entführung aus dem Serail in der Inszenierung Hans Neuenfels’ zu erleben.


LE NOZZE DI FIGARO

DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL

DIE ZAUBERFLÖTE

 

Niemand konnte nach Wagner Opern schreiben, ohne sich auf ihn zu beziehen, ohne mit Wagner verglichen und zu ihm in Bezug gesetzt zu werden. Nicht nur Harmonik, Instrumentation und Gesamtform einer Opernpartitur erfuhren bei Wagner eine Neubegründung, sondern auch als sein eigener Librettist leistete er Entscheidendes. Sein Anspruch, dass im »Gesamtkunstwerk Oper« Musik, Dichtung, Bühnenbild und Gestik eine Einheit bilden und im Dienste des Dramas stehen, prägt unseren Anspruch an Opernaufführungen bis heute.

Von der romantischen Oper Der fliegende Holländer über das vierteilige »Bühnenfestspiel« Der Ring des Nibelungen bis zum esoterischen »Bühnenweihfestspiel« Parsifal reicht (zusätzlich zur Tristan-Premiere) das Spektrum der in dieser Saison präsentierten Werke Wagners. Sagenstoffe bilden die Grundlage dieser Werke, doch passte Wagner alle Vorlagen sehr frei seinen Vorstellungen und seinem eigenen Lebensthema an: Die Suche nach Erlösung bildet stets eine zentrale Motivation der Protagonisten.

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER → Wiederaufnahme

PARSIFAL

DAS RHEINGOLD

DIE WALKÜRE

SIEGFRIED

GÖTTERDÄMMERUNG

 

Die Verbindung eines tief empfundenen humanistischen Ethos mit einem untrüglichen Theaterinstinkt charakterisiert alle Entwicklungsstufen von Verdis OEuvre und lief ihn zu einem Wahlverwandten des von ihm so sehr verehrten Shakespeare werden. Der mit, neben und trotz Wagner bedeutendste Musikdramatiker des 19. Jahrhunderts verlieh all seinen Bühnenfiguren, bis hin zu den Kleinsten, eine Wahrhaftigkeit, die den Zuschauer augenblicklich berührt und nicht mehr loslässt. Der Menschenkenner und Menschenversteher Verdi nähert sich den einzelnen Charakteren mit dem Instinkt des Tiefenpsychologen.
Ihn interessiert die Entwicklung seiner Personen, ihr Verhältnis zueinander und die sich daraus entwickelnden Konflikte. Ein lebendiges Theater, in dem die dramatische Ausstrahlungskraft und nicht der Gesang als Selbstzweck an erster Stelle steht. Verdis Fähigkeit der rein musikalischen Kommunikation, sein Talent schon in wenigen Takten eine ganz spezifische Atmosphäre und Farbe einer Szene, ja einer ganzen Handlung einzufangen, führt zu einer einzigartigen Intensität des Theaters. Selbst nach einem halben Jahrhundert im Theater blieb er stets neugierig, ohne sich zu verleugnen. Zugleich nahm er spätere musikalische Errungenschaften vorweg, etwa den französischen Impressionismus im Feenlied des Falstaff oder Klangmischungen im Don Carlos, die Farben der Mahlerschen Sinfonik antizipieren. An der Wiener Staatsoper nimmt das Verdi-Repertoire traditionell einen großen Raum ein. Dementsprechend werden auch in der neuen Spielzeit wesentliche Werke der frühen, mittleren und sp.ten Schaffensperiode gezeigt, die ein Eintauchen in den vielfältigen Kosmos dieses Komponisten ermöglichen.

FALSTAFF → Wiederaufnahme

LA TRAVIATA

OTELLO

NABUCCO


DON CARLO → Wiederaufnahme der italienischen Fassung

MACBETH

RIGOLETTO
 

»Ich glaube, dass Wien immer noch die führende Stadt der Welt ist – großartige Orchester, Konzerte, fantastische Chöre und ein herrliches Opernhaus von allererstem Rang!« Geradezu euphorisiert urteilte Giacomo Puccini 1923, nach einem seiner ausführlichen Aufenthalte, über die Stadt. Hier standen seine Werke fast durchgehend in unterschiedlichsten Theatern auf dem Spielplan, vom Rextheater bis zum Kaiserjubiläum-Stadttheater, natürlich auch

an der Wiener Staatsoper, die den Komponisten regelmäßig einlud. Wobei es im Haus am Ring etwas länger gedauert hatte: Erst 1903 wurde hier mit La Bohème die erste Puccini-Oper gegeben, fast widerwillig fügte sich Direktor Gustav Mahler dem brennenden Publikumswunsch. Schon bald entwickelte sich Puccinis Werk auch an der Staatsoper zur tragenden Repertoiresäule, einzig La rondine und Edgar standen bis heute nicht am Spielplan.

Mit Tosca und La Bohème sind in dieser Saison zwei beliebte und unvergängliche Produktionen des Repertoires zu sehen, die sich seit Jahrzehnten anhaltender Zuschauergunst erfreuen. Und mit der Wiederaufnahme von Manon Lescaut (mit Asmik Grigorian in der Titelrolle) erzählt Robert Carsen eine Geschichte der menschlichen Verführbarkeit durch Luxus und Wohlstand in heutigen, vom Leben abgeschauten Bildern.

TOSCA

LA BOHÈME

MANON LESCAUT 
→ Wiederaufnahme
 

»Wir dürfen mit erstklassigen Besetzungen der Hauptf.cher kein Geld sparen. Denn darnach wird die Qualität des Theaters beurteilt und der Credit bringt auch Einnahmen. Das Defizit will ich schon verantworten!« Also sprach Richard Strauss als Direktor der Wiener Staatsoper, ein Amt, das er von 1919 bis 1924 ausübte. In dieser künstlerisch fruchtbaren Zeit wurde die besondere Beziehung zwischen dieser Bühne und dem Komponisten zwar nicht begründet, aber vertieft und intensiviert. Als dirigierender Direktor prägte Strauss Orchester und Sänger nachhaltig. Bis heute verweist das Haus am Ring stolz darauf, dass das Staatsopernorchester ein Strauss’sches »Originalklangensemble« ist, das aus der lebendig erhaltenen und konsequent gepflegten Tradition heraus musiziert. Entsprechend reichhaltig ist die – inzwischen weit über 3.000 Abende hinausgehende – Aufführungsgeschichte seines Werks an der Staatsoper; diese umfasst auch die Uraufführungen der zweiten Fassung von Ariadne auf Naxos, der Frau ohne Schatten und des Balletts Schlagobers.

Mit Salome, Rosenkavalier und Capriccio stehen in dieser Saison drei sehr unterschiedliche Opern auf dem Staatsopern-Spielplan: Ein einstiges Skandalstück, das in 100 glühenden Minuten ein beklemmendes Psychogramm entwirft, eine genau kolorierte Topografie wechselhafter Beziehungen sowie eine reife, heitere Selbstreflektion des Musiktheaters.

SALOME

DER ROSENKAVALIER

CAPRICCIO 
Musikalische Neueinstudierung
 

Als typisches Merkmal der musikalischen Moderne gilt der Verzicht auf die traditionelle Kadenzharmonik – sodass diese Musik auch nach 100 Jahren noch überraschend und neuartig erscheinen kann. Doch die Musik des 20. Jahrhunderts zeichnet sich vor allem durch eine enorme Stilvielfalt aus, in der die Tonalität in unterschiedlichster Weise genutzt, ausgeweitet oder aufgehoben wird. Die drei Werke, die in dieser Saison das moderne Repertoire der Staatsoper bilden, knüpfen jedes auf seine Weise an die musikalischen Errungenschaften der Romantik an: Leitmotive, prägnante melodische Ausdrucksgesten, eine raffinierte Harmonik und opulente Klangfarben kommen zum Einsatz, um beunruhigende Geschichten zu erzählen.

Die Brüchigkeit der Realität und die Unzuverlässigkeit der Wahrnehmung spielen in allen drei Opern eine Rolle und spiegeln sich in unterschiedlicher Weise in der Musik: Der Eklektizismus und die Instabilität der Musik zu Peter Grimes verweist auf die Ambivalenz des Protagonisten und seine prekäre Situation im aggressionsgeladenen Fischerdorf. Die eingängigen Melodien in Erich Wolfgang Korngolds Die tote Stadt beseitigen jede reflektierende Distanz zur träumenden Hauptfigur, und Hans Werner Henzes mal leise, mal explodierende Musik verschafft überraschende Einblicke in die abgründige Psyche der drei Hauptfiguren.

DAS VERRATENE MEER
 
PETER GRIMES 
→ Wiederaufnahme

DIE TOTE STADT → Wiederaufnahme
 

Die Wiener Rezeptionsgeschichte von Tschaikowskis Opernschaffen beginnt eigentlich in Hamburg. Dort dirigierte 1898 der junge Hamburger Kapellmeister und spätere Hofoperndirektor Gustav Mahler den Eugen Onegin – zur größten Zufriedenheit des angereisten Komponisten, der in dem Musiker damals schon den »Geniu« erkannte. Im selben Jahr dirigierte Mahler zudem die erste Aufführung der Jolantha außerhalb Russlands. Beider Werke nahm er sich auch in seiner Wiener Direktionszeit persönlich an, wo er ihre Darbietung mit der Wiener Erstaufführung der Pique Dame flankierte, die er für das »reifste und artistisch gediegenste Werk« des Russen erachtete.

Tschaikowski, der als erster Berufsmusiker Russlands in die Kulturgeschichte des Landes einging, war der westeuropäischen Musikwelt nicht zuletzt durch zahlreiche Studien-, Konzert- und Erholungsreisen verbunden, was der internationalen Verbreitung seiner Werke günstig war. Der nahezu gleichaltrige Modest Mussorgski musste seinen Lebensunterhalt hingegen als Verwaltungsbeamter bestreiten. Die meisten seiner Opernprojekte blieben Fragment – mit Ausnahme von Boris Godunow, der nach einer Überarbeitung und Erweiterung 1874 zur Uraufführung am Petersburger Mariinskij-Theater freigegeben wurde. International wurde das Werk des russischen Au.enseiters bei einer Aufführung in Paris 1908 als Offenbarung empfunden. Die Wiener Erstaufführung erfolgte 1925, freilich noch in der glättenden Bearbeitung des Werks seines Weggefährten Rimski-Korsakoff. Die aktuelle Produktion stützt sich auf die 1928 erstmals herausgegebene und heute rehabilitierte Urfassung des Werks.

EUGEN ONEGIN

PIQUE DAME 
→ Wiederaufnahme

BORIS GODUNOW → Urfassung: Wiederaufnahme
 

Kaum ein Begriff ist größeren Missverständnissen ausgesetzt, als der – wörtlich übersetzte – »schöne Gesang». Heute benutzen wir diesen Begriff für die gesamte italienische Opernproduktion der ersten Dekaden des 19. Jahrhunderts. Aber eigentlich bezeichnet er eine Gesangsästhetik, die – mit Entwicklung des instrumental begleiteten Einzelgesangs – im Italien des späten 16. Jahrhundert entstand. Sie umfasst eine beseelte Flexibilität der Tongebung in Verbindung mit gleichsam instrumentaler Agilität sowie vollkommener Artikulation des gesungenen Textes. Für den italienischen Gesangs.sthetiker Rodolfo Celletti korreliert dieser Begriff mit der italienischen Operngeschichte vom Barock bis Rossini. Rossinis Nachfolger fügten dieser jedem Naturalismus enthobenen Künstlichkeit leidenschaftliche Ausdrucksakzente hinzu und .ffneten damit die italienische Oper der Ästhetik der Romantik. An der Staatsoper sind aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts drei Opern des heiteren und drei Opern des tragischen Genres zu erleben. Wobei nicht erst in Donizettis L’elisir d’amore und in seinem Don Pasquale, sondern bereits in der Cenerentola des Altmeisters Rossini der brillantvirtuose Buffa-Stil mit Sentiment und Pathos angereichert ist. Vincenzo Bellini gelang es in I Puritani seine bewunderten »melodie lunghe, lunghe, lunghe« (Verdi) durch das chromatische Auskosten von Vorhalten und Halbtonschritten, Sequenzierung und Kadenzverzögerung zu Höhepunkten klanggesättigter Entladung zu führen. Das Beispiel des frühverstorbenen Bellini war es, das Donizetti ermutigte, als Musikdramatiker aus dem Schatten Rossinis zu treten und mit Anna Bolena und Lucia di Lammermoor zwei Meisterwerke des »dramatischen Belcanto« zu schaffen.

L’ELISIR D’AMORE

DON PASQUALE

LA CENERENTOLA

ANNA BOLENA 
→ Wiederaufnahme

LUCIA DI LAMMERMOOR

I PURITANI

 

Während die französische Oper im 17. und 18. Jahrhunderts stets eigene Wege ging, war die französische Oper des 19. Jahrhunderts ein hochgradig internationalisiertes Geschäft. Auch die Stoffe der französischen Opern dieser Saison reflektieren andere Nationalkulturen: Werther und Faust spielen in einem imaginären Deutschland ihres Stoff-Erfinders Goethe, während die Carmen in ein nicht weniger imaginäres Spanien führt. Charles Gounod, der den deutschen Nationalmythos Faust für ein Pariser Publikum vertonte, knüpfte an die spielerische, effektvolle Faust-Rezeption der Pariser Boulevard-Theater an und fand im schnellen Walzer einen Ausdruck der übermütigen Vergnügungssucht seiner Zeit. Jules Massenet suchte in seinem Werther das von Butzenscheiben geprägte Deutschlandbild seiner Zeit und verschmolz es mit der schwelgerischen Sehnsucht Werthers. Zum Scheitern verurteilte Liebesbeziehungen stehen im Zentrum aller drei Opern.

FAUST

CARMEN

WERTHER

 

Das Repertoire im Haus am Ring ist in seiner Größe, Reichhaltigkeit und Diversität international einzigartig. Neben exemplarischen Zeugnissen einer bestimmten Schule, Gattung oder Stilrichtung beleben auch ausgesuchte Solitäre den Spielplan – sei es als bedeutsame Rarität, als geschichtlich wirkungsmächtige Wegmarke der über 400 jährigen Gattungsgeschichte der Oper oder als unverzichtbar empfundenes Meisterwerk. Sie alle dienen nicht bloß als kostbare, willkommene Ergänzung, sondern öffnen den Blick auf Kontexte, Traditionslinien, Voraussetzungen und Fortschreibungen des Kernrepertoires. Sie können für sich alleine stehen und dokumentieren zugleich, wie sehr sich einzelne Bühnenschöpfungen gegenseitig bedingen. Die seit einigen Jahren weltweit wieder populär gewordene Adriana Lecouvreur zeigt seit 2014 auch an der Staatsoper einen musikdramatisch faszinierenden Sonderweg der italienischen Oper aus der unmittelbaren Nachbarschaft des Verismo; mit L’incoronazione di Poppea begann die an diesem Haus erstmalige Realisierung eines kompletten Monteverdi-Zyklus und damit die Ausweitung des Repertoires durch Einbezug der frühesten Höhepunkte der Opernliteratur. Und dass zu guter Letzt die Fledermaus als exquisiteste Vertreterin der Operette gerade hier mit Hingabe hochgehalten wird, versteht sich geradezu von selbst.

L’INCORONAZIONE DI POPPEA

ADRIANA LECOUVREUR

DIE FLEDERMAUS