© Peter Warren

Dame Sarah gibt sich die Ehre

Ob in Glyndebourne, Covent Garden, an der New Yorker Met, in Paris, bei den Bayreuther Festspielen, in Baden-Baden, am Liceu, in Aix-en-Provence – überall wird die britische Mezzosopranistin Dame Sarah Connolly gefeiert – und zwar mit einem gewaltigen Repertoire, das vom Barock bis zur zeitgenössischen Literatur reicht und sowohl Opern als auch Konzerte und Liedprogramme beinhaltet. Nun debütiert sie in der Titelrolle von Händels Ariodante an der Wiener Staatsoper und gab im Anschluss an eine der Proben Andreas Láng das folgende Interview.

Viele Ihrer Kollegen jammern, weil sie in bestimmte Repertoire-Schubladen gesteckt werden. Sie hingegen erhalten regelmäßig in den unterschiedlichsten Stilrichtungen Engagements …

Sarah Connolly: … vielleicht, weil ich nicht in Österreich oder Deutschland geboren bin und nicht von Vornherein mit diesem Fachsystem konfrontiert war (lacht). Ja, ich komme eigentlich einerseits von Schubert und Mahler, habe andererseits viel Mozart und Barock gesungen, die Moderne hat mich ohnehin immer interessiert und Strauss, Britten und andere kamen mit der Zeit dazu. Wagner hingegen war ein eigenes Kapitel: Es war Donald Runnicles der mir sagte, dass er in meiner Stimme auch eine Brangäne hörte, was mich ehrlich gestanden zunächst überraschte, weil ich mich nicht eine Sekunde dieser Richtung zugehörig gefühlt hatte. Nichtsdestotrotz begann ich mit den Wesendonck-Liedern und sang dann unter Vladimir Jurowski konzertant den 2. Akt von Tristan und Isolde. Und es hat tatsächlich funktioniert. Ganz grundsätzlich fokussiere ich bei allen Komponisten sehr auf den Text, den ich emotional aufzuladen und psychologisch auszudeuten versuche. Und somit geht es mir bei Wagner respektive einer Fricka nicht um eine vokale Wucht und bei Händel nicht darum, die Koloraturen wie Maschinensalven abzufeuern.

Hat das Barockrepertoire Sie gefunden oder haben Sie das Barockrepertoire gefunden?

Sarah Connolly: Beides. In England wächst praktisch jeder mit der Musik von Händels Messias auf und als ehemaliges Mitglied der BBC Singers, war ich durch das Chorsingen zwangsläufig schon früh mit dem Barockrepertoire vertraut. Ganz grundsätzlich hat mich dieser Musikstil aber sowieso von Anfang an begeistert, ich konnte Bachs Weihnachtsoratorium stundenlang lauschen und auch als Pianistin tauchte ich unentwegt in die Welt des Wohltemperierten Klaviers oder in jene der Bach-Partiten ein. Von da war es nur mehr ein kleiner Schritt zu den Solokantaten, die ich fürs erste aus purem Vergnügen sang. Auf jeden Fall interessierten mich lange eher das Konzert-, Chor und Liedrepertoire. Die Oper war in meinem Fall eine Nachzüglerin.

Ariodante singen Sie nicht eben das erste Mal …

Sarah Connolly: (lacht). Warten Sie einen Warten Sie einen Augenblick, ich schau, ob ich es zusammenbringe … (denkt kurz nach): An der New York City Opera – da hatte ich dasselbe Kostüm wie einst Tatiana Troyanos, was ich als gutes Omen ansah –, an der Englisch National Opera auf Englisch, in Aix-en-Provence und dann noch in Amsterdam. Darüber hinaus nehme ich in meine Konzertprogramme, insbesondere in die reinen Händel-Recitals, immer auch Arien aus Ariodante auf.

Sie singen französischen, englischen, deutschen, italienischen Barock – was wäre ein Alleinstellungsmerkmal von Händel?

Sarah Connolly: Die französische Barockmusik, etwa jene von Rameau, ist sehr elegant, sauber, voller Dekorationen und Verzierungen. Händel hingegen zeichnet ein emotionaleres Bild, konzentriert sich auf die Schönheit der Melodie und schafft vielschichtige Charakterstudien. Vor allem letzteres ist eine, wenn Sie wollen, germanische Eigenheit, die vom Händel-Zeitgenossen Johann Adolph Hasse ebenso geteilt wurde und sich bis Richard Strauss durchzieht – denken Sie beispielsweise nur an einen Ochs auf Lerchenau.

Sie mögen Jazz, Soul, Barock, Klassik, Romantik, die klassische Moderne: Mögen Sie an all diesen unterschiedlichen Kategorien Unterschiedliches oder immer dasselbe, wenn auch in immer anderem Gewand?

Sarah Connolly: Mich faszinieren Harmonien, ganz besonders Dissonanzen und Reibungen – ich bin ja jetzt in der Stadt Sigmund Freuds und kann vielleicht analysieren lassen, wieso das so ist (lacht). Ich liebe auch diese Dur-Mollbeziehungsweise Hell-Dunkel-Wechsel, die bei Monteverdi und Purcell ebenso vorkommen wie beispielsweise bei Gustav Mahler oder Benjamin Britten (singt zur Demonstration einige Beispiele von Mahler).

Wenn Sie jedem einzelnen Komponisten eine Farbe zuordnen müssten – welche würde Ihrer Meinung nach zu Händel passen?

Sarah Connolly: Umbra – dieses Erd- bis Sepiabraun ist warm und scheint viel Vergangenes in sich gespeichert zu haben. Eigentlich ist es mehr als eine Farbe, eher eine Substanz, die das Lebendige, die Natur in allen Facetten widerspiegelt, eine Balance von Traurigkeit und Freude hörbar macht.

Sie arbeiten oft mit Ariodante-Regisseur David McVicar zusammen – gibt es einen roten Faden, der sich durch all seine Produktionen durchzieht?

Sarah Connolly: Ja, ohne Zweifel! Er legt großen Wert auf die Entwicklung der Charaktere und die Beziehungen zwischen den Figuren, kann, wenn es sein muss, aus wenigen Ingredienzien Bezauberndes hervorholen und besitzt überdies das Talent, eine Geschichte auf mehreren Ebenen zu kommunizieren. Darüber hinaus liebt es David nicht nur mit Sängern zusammenzuarbeiten, sondern würde von uns nie etwas Szenisches verlangen, was den Gesang erschwerte. Er ist diesbezüglich sogar sängerfreundlicher als die Sänger selbst! Dass er nicht mit vorgefertigten Regieanweisungen zu einer Neuproduktion kommt, uns also nicht als Schachfiguren behandelt, sondern als Partner, macht ihn doppelt sympathisch. Bei ihm habe ich immer das Gefühl einer lang ersehnten Heimkehr.

Wagner hatte klarerweise ein anderes künstlerisches Credo als beispielsweise Händel. Wie schafft man es als Interpretin glaubwürdig von einer künstlerisch-philosophischen Überzeugung zur nächsten umzusteigen?

Sarah Connolly: Das ist nicht nur möglich, sondern sogar notwendig. Es ist, als ob man einfach in ein anderes Zimmer ginge. Tür auf, man betritt den Nebenraum, Tür zu, der frühere ist vergessen. Bei einem gemischten Liederabend der etwa bei Schubert beginnt und mit Elgar endet, passiert dies sogar innerhalb kürzester Zeit! Ich muss als Interpretin das Credo des Komponisten kennen und ausfüllen, ich muss es nicht unbedingt teilen oder ich kann sehr viele teilen, ohne irgendeiner Richtung den Vorzug zu geben (lacht).

Bleibt trotz Ihres dichten Kalenders noch Zeit für die Beschäftigung mit anderen Kunstrichtungen?

Sarah Connolly: Ich suche manchmal, wenn ich in der Umsetzung eines Charakters an Grenzen stoße Antworten in der Literatur, in der bildenden Kunst, im Schauspiel, im Film. Ich frage mich zum Beispiel: Wie würde Judi Dench diese Szene spielen, was würde sie hier machen, wie würde sie einen Gedanken mit einer Geste ausdrücken? Das hilft zumeist. Davon abgesehen würde ich gerne ein Stück für einen Chor komponieren, etwas in meinem persönlichen Stil – schließlich habe ich auch Komposition studiert. Ob das dann zur Aufführung käme? Ob sie mir die Noten dankend zurückgeben würden? Kurz gefasst: Ja, es muss unbedingt auch Zeit für andere Kunstrichtungen bleiben.


Ariodante | Georg Friedrich Händel
Premiere: 24. Februar 2018
Reprisen: 26. Februar, 1., 4., 8. März 2018
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Einführungsmatinee: 18. Februar 2018, 11.00 Uhr
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