© Stuttgarter Ballett
Hyo-Jung Kang als Tatjana mit Roman Novitzky als Fürst Gremin
© Wiener Staatsballett / Ashley Taylor
Ketevan Papava als Tatjana mit Roman Lazik als Onegin

Traumrolle Tatjana

Mit John Crankos Onegin kehrt am 23. Dezember eines der erfolgreichsten und beliebtesten Handlungsballette des 20. Jahrhunderts auf die Bühne der Wiener Staatsoper, wo dieses Werk erstmals 2006 aufgeführt wurde, zurück. Meisterhaft erzählt Cranko die ergreifende Geschichte nach dem dramatischen Versroman von Alexander Puschkin (veröffentlicht 1833) von dem blasierten Dandy Onegin, der zu spät seine Liebe zu Tatjana erkennt, mit wahrhaftigen Emotionen. Die Entwicklung der Charaktere, deren Reifeprozesse und der Blick in die Seelen macht diese zu den attraktivsten Bühnenfiguren überhaupt. Die Rolle der Tatjana zählt dabei zu den begehrtesten Partien für viele Ballerinen. In der aktuellen Serie werden u. a. die Ersten Solotänzerinnen Hyo-Jung Kang und Ketevan Papava diese Partie verkörpern. Sie geben persönliche Einblicke in dieses Ballett.

Wann sind Sie erstmals mit dem Werk Onegin in Berührung gekommen?

HYO-JUNG KANG: Ich bin sozusagen mit Crankos Ballett Onegin aufgewachsen. Es wurde ja für das Stuttgarter Ballett choreographiert und ab dem Moment, als ich in diese Compagnie engagiert wurde, sah ich so viele Principals, inspirierende Künstler*innen ihre eigenen Interpretationen dieser Rollen tanzen: Tatjanas, Onegins, Olgas, Lenskis ... Es ist – mir fehlen fast die Worte dafür – so ein wunderschönes Meisterwerk, dass ich damals nicht einmal zu denken wagte, jemals die Tatjana zu tanzen. Als ich später diese Rolle erarbeiten durfte, habe ich zudem Puschkins Roman wiederholt gelesen. Wenn man reifer ist, entdeckt man darin immer neue Dinge, die man zuvor nicht gesehen hat, versteht manches besser. Interessant und berührend war auch, als ich mir im Oktober 2021 die Oper »Eugen Onegin«an der Wiener Staatsoper angesehen habe. Besonders spannend fand ich die unterschiedliche Perspektive, aus der erzählt wurde, und es hier Onegin ist, der das Stück weinend auf seinen Knien sitzend beschließt – es ist ja auch eine Geschichte über ihn. Im Ballett ist es Tatjana, die zum Schluss alleine und verzweifelt auf der Bühne zurückbleibt – Crankos Sicht war also eine andere.

KETEVAN PAPAVA: Puschkins Eugen Onegin ist mein Lieblingsroman – inhaltlich, aber auch sprachlich ist dieser so schön geschrieben. Ich habe das Buch immer wieder gelesen, zum ersten Mal im Alter von 14 oder 15 Jahren – wie Tatjana. Damals dachte ich, dass Onegin ein schlechter Mensch ist, weil er Tatjana das Herz gebrochen hat. Später habe ich meine Sichtweise darauf ein wenig verändert, ihn besser verstanden, korrekt gefunden, dass er mit Tatjana sehr ehrlich gesprochen und nicht ihre Gefühle benutzt hat. Als ich zum letzten Mal den Roman als Hörbuch gehört habe, empfand ich plötzlich großes Mitleid für Tatjana. Sie bleibt ihrem Ehemann, Fürst Gremin, treu, erwidert Onegins Liebesgeständnis nicht, obwohl sie diesen liebt. Dieser Roman ist für mich wie »Anna Karenina« von Tolstoi – man wächst mit diesem mit und die Themen, wie Liebe, Gefühle, sind immer gültig, aktuell.

Haben Sie den Text beim Tanzen im Kopf?

KP: Bei der »Briefszene« im 1. Akt schreibe ich wirklich immer den originalen Text. Wir mussten diesen in meiner Schule in St. Petersburg auswendig lernen – die Buben den Brief von Onegin und die Mädchen jenen von Tatjana. Es kommt bei mir automatisch, ohne nachzudenken. Bei jedem Blick, bei jeder Geste habe ich Puschkins Worte im Kopf.

HK: Da es beim Ballett keinen Text gibt, man nur durch den Körper sprechen kann, lese ich viele Bücher, sehe mir Filme an und versuche, all das in den Bewegungen auszudrücken.

Die Tatjana ist für viele Ballerinen eine Traumrolle. Was ist die Faszination daran?

KP: Ich glaube es gibt wenige Ballette, wo man wirklich reale Geschichten erzählen und wahre Gefühle zeigen kann. Die großen Klassiker wie La Bayadère oder Schwanensee basieren oft auf Märchenstoffen und spielen in einer überirdischen Welt. Onegin hingegen ist eine Geschichte, die jedem Menschen widerfahren kann – jeder ist einmal verliebt, hat ein gebrochenes Herz. Man erzählt somit nicht nur die Geschichte von Tatjana Larina, sondern auch ein bisschen von sich selbst, kann seine eigenen (Lebens)Erfahrungen hineininterpretieren und das macht diese Rolle für mich so besonders. Auch das Publikum kann seine eigene Tatjana oder Olga darin finden, seinen eigenen Onegin oder Lenski – natürlich ohne klassisches Duell, und statt Liebesbriefen werden heute sms geschrieben.

HK: Als ich meine Premiere in Stuttgart feierte, war es für mich der richtige Zeitpunkt, ich fühlte mich reif dafür. Was ich wirklich an dieser Rolle liebe, ist, dass sie sich immer verändert, natürlich mit dir wächst, wie eine zweite Haut und je älter man wird, desto tiefer wächst man hinein. Onegin nun hier in Wien zu tanzen, ist für mich so besonders, weil es ohne Zweifel mein Lieblingsballett ist und ich mich darin so wohl fühle – es ist für mich, wie ein Stück Heimat hierher zu bringen.

Das Herausfordernde, aber wohl auch Reizvolle an der Rolle der Tatjana, ist auch, dass man in etwa 95 Minuten eine große Wandlung vollziehen muss …

KP: Ja, anfangs ist Tatjana fast noch ein Kind, ein schüchternes Mädchen. Dann kommt die Phase der Verliebtheit, anschließend die Enttäuschung über nicht erwiderte Gefühle Onegins. Später ist sie eine schöne Frau der High Society, respektvoll an der Seite ihres Ehemanns Fürst Gremin, und im letzten Pas de deux mit Onegin schließlich voller Zerrissenheit und Verzweiflung, aber auch Leidenschaft. Ist der »Spiegel-Pas de deux« im 1. Akt noch schwierig zu tanzen, auch technisch, ist man für den Schluss-Pas de deux am Ende des 3. Aktes emotional bereit, es fließt wie von selbst.

HK: Das Publikum sieht, wie sich Tatjana vom jungen Mädchen zur reifen Frau entwickelt. Wenn man die Rolle tanzt, muss man sich emotional sehr schnell umstellen, vor allem auf den finalen Pas de deux. In Crankos Choreographie erfolgt jedoch alles natürlich. Es ist, als würde man Tatjana für diese ca. 95 Minuten leben.

Seit dem Tod Crankos 1973 sind die Rechteinhaber für die Bewahrung seiner Werke sowie die getreue Einstudierung verantwortlich. Für die aktuelle Wiederaufnahme in Wien obliegt diese Reid Anderson. Wie erfolgt die Arbeit an diesem Werk, wie viel Freiheit haben Sie in der Interpretation?

KP: Reid Anderson passt die Choreographie, vor allem Gesten und Blicke, schon den jeweiligen Persönlichkeiten an. Die Schritte müssen aber wie im Original bleiben.

HK: Ich war in Stuttgart so privilegiert, da ich von vielen lebenden Legenden gecoacht wurde, die Onegin teilweise aus erster Hand kennen, wie auch Reid Anderson. Beim ersten Mal studierte ich die Rolle der Tatjana mit Georgette Tsinguirides, die bereits in der Stuttgarter Compagnie war, als dieses Ballett kreiert wurde. Was ich wirklich genossen habe, ist, dass sie mich nicht nur die korrekten Schritte lehrte, sondern mir auch den Freiraum gab, meine eigene Interpretation der Tatjana zu finden. Gewisse Dinge muss man aber machen, da es wichtig ist, die originale Choreographie beizubehalten. Marcia Haydée, die Tatjana der Uraufführung, hat uns viel über die Entstehung dieses Balletts erzählt – bei einer Vorstellung war sie sogar meine Amme, was sehr berührend war. Auch von Tamas Detrich, der viele Male die Titelrolle getanzt hat, konnte ich viel lernen.

Was ist das Besondere an Crankos Choreographie?

KP: Ich habe dieses Ballett zum ersten Mal bei der Premiere 2006 an der Wiener Staatsoper gesehen und war sofort verliebt. Es ist genial gemacht durch das perfekte Zusammenspiel von Bühnenbild, Kostümen, Musik und Choreographie. Die Schritte ergeben sich aus den Emotionen, sind sehr organisch. Das alles macht das Stück so stark. Man braucht die Geschichte nicht zu lesen, es wird alles klar erzählt und man versteht diese ohne Worte.

HK: Ich liebe an Crankos Choreographien, dass man eine Rolle, einen Charakter, im Moment leben kann – die Schritte führen dich dorthin, ohne dass man sich pushen muss. Jeder Schritt bedeutet etwas, erzählt eine Geschichte. Jede Probe, jede Vorstellung ist anders, hängt von der jeweiligen Tagesverfassung und Stimmung ab. Viele Solist*innen möchten darin ihre Abschlussvorstellung geben, die Männer als Onegin, die Damen als Tatjana – es ist einfach ein Meisterwerk!

Welcher Moment in diesem Ballett liegt Ihnen persönlich am meisten am Herzen, ist Ihre »Lieblingsszene«?

KP: Einerseits das Duell zwischen Onegin und Lenski am Ende des 2. Aktes, wo Tatjana mit nur einem einzigen Blick all ihre Verachtung ausdrückt, andererseits der Schluss-Pas de deux mit seiner großen Emotionalität.

HK: Auch für mich ist der stärkste Moment der letzte Pas de deux – der Moment, wenn sie beim Schreibtisch sitzt und Onegin eintritt. Da fühle ich mein Herz ganz offen, als würde es brennen, und gleichzeitig so müde, emotional erschöpft. Alleine in Gedanken daran kommen mir die Tränen – auch, wenn sie den Brief zerreißt, an Onegin gibt und ihn bittet, zu gehen. Er möchte sie noch einmal umarmen, aber sie muss stark bleiben, ihm widerstehen. Da geschehen in kurzer Zeit wahre Gefühlsexplosion, alles passiert ganz schnell. Es fühlt sich so schmerzvoll an, als würde jemand dein Herz zerreißen. Auch der »Spiegel-Pas de deux« ist ein sehr starker Moment – vor allem zu Beginn, wenn Onegin durch den Spiegel auf die Bühne tritt. Dabei bekomme ich jedes Mal Gänsehaut – es ist die ganze Atmosphäre dieser Szene, gepaart mit der Musik. Es ist, als würde man fliegen.

Das Interview führte Iris Frey