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»In Sinfonie Nr. 15 möchte ich Musik & Tanz musizierend & tanzend sich in der Essenz begegnen lassen, ein kraftvolles Ballett kreieren.« Martin Schläpfer

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Balanchine – Ratmansky – Schläpfer: Drei Meister des zeitgenössischen Balletts treffen mit Tänzen zu Musik von russischen bzw. sowjetischen Komponisten aufeinander. Verbunden sind sie durch ihre Wurzeln. Die Choreographen durch die Danse d’.cole als Basis für eine Ballettkunst der Gegenwart; die Komponisten Strawinski, Mussorgski und Schostakowitsch durch die Musikkultur ihrer Heimat, von der aus ihre Wege in so unterschiedliche Richtungen führten. Premiere war am 26. Juni, weitere Aufführungen folgen ab September 2021. Das Wiener Staatsballett wird begleitet vom Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Robert Reimer. Am Klavier ist die rumänische Pianistin Alina Bercu zu erleben. 

Eine Tänzerin zieht einsame Kreise durch den Raum. In Bourées punktiert sie mit dem Spitzenschuh den Boden, versucht ihn zu spüren, einen Weg zu gehen. Sie wirkt verloren, ausgesetzt, ziellos kreiselnd in einer Welt, die keinen Halt gibt. Der erhobene Blick geht ins Innere. Ein Tänzer kommt dazu, hält sie mit einer energischen Armbewegung auf. Es folgt ein Pas de deux wie ein Kampf – zwei Menschen, die wissen, dass sie sich gegenseitig brauchen und doch auseinanderstreben, ein schmerzvolles Kräftemessen, in dem es keinen Gewinner und keinen Verlierer gibt. Ein anderer reißt sich aus der Erschöpfung nach einer langen Reise los. Auch er trifft auf eine Frau, wird von ihr geradezu magisch angezogen, als wäre sie ein Magnet. Doch auch hier gibt es kein Ankommen, kein Aufgehobensein, keine Beruhigung. Ein sanftes Fassen einer Hand löst einen emotionalen Schock aus, der sich in einem den ganzen Körper schüttelnden Zittern entlädt. Die katastrophische Grundstimmung der beiden Szenen wird von dem Adagio aus Dmitri Schostakowitschs 15. Symphonie getragen: eine düstere f-Moll-Klage ohne Worte, ein Trauermarsch, in dem zunächst ein Bläserchoral auf Rezitativisches in Violoncello und Violine prallt, bevor es in einer gewaltigen Klimax zur Eruption der aufgestauten Energien kommt.

»Es ist das zweite Mal, dass ich mich mit dem Komponisten Dmitri Schostakowitsch in einer Choreographie auseinandersetze. 2019 habe ich ein Ballett zu seinem zweiten Cellokonzert kreiert, nun habe ich mir für meine zweite Uraufführung mit dem Wiener Staatsballett seine Symphonie Nr. 15 vorgenommen. Es ist eine Musik, die mich in all ihren Farben ungemein inspiriert, mit dem ganzen Leben, das sie in sich trägt – ein Leben mit all seinem Glück und seiner Trauer, seinen Hoffnungen und Verwerfungen, seiner Leichtigkeit und seinem Ausgesetztsein. Es ist eine Musik, die mir – ohne programmatisch zu sein oder etwas Konkretes zu erzählen – einen ›Text‹ für meinen Tanz schenkt.« Mit diesen Worten umreißt Martin Schläpfer seine Wahl der knapp 45-minütigen letzten Symphonie Schostakowitschs als Basis eines neuen Balletts, für das er mit seinen Tänzerinnen und Tänzern nach der Uraufführung 4 zu Gustav Mahlers 4. Symphonie erneut in einen intensiven kreativen Prozess eintaucht. Bereits viele Monate vor Beginn der Arbeit drängten sich ihm beim Hören der Musik Assoziationen auf, die nun auch in die emotionalen Zustände und die Textur des Werkes eingewoben erscheinen: »geheimnisvoll sich anschleichend, überall und nirgends, unnahbar, unergründbar, fliehend, springend, nicht zähmbar.« 

Die 1972 in Moskau uraufgeführte Komposition ist der Schlusspunkt von Schostakowitschs symphonischem OEuvre, das in der Musiklandschaft des 20. Jahrhunderts in seinem Facettenreichtum, seinen Bezugspunkten und seinem Umfang einzigartig dasteht. Auf existenzielle Weise spricht die Musik des sowjetischen Komponisten immer auch von den großen gesellschaftlichen und politischen Fragen – angesiedelt auf dem schmalen Grat zwischen Anbiederung und Anprangern in einem System, das die Freiheit der Kunst nicht respektierte, sondern Kunst als Mittel der Propaganda instrumentalisierte. Die Symphonie Nr. 15 kommt zunächst wie ein heiteres Scherzo daher, doch bald schon kippt der so leichtfüßig scheinende Humor in die Groteske, verwandeln sich fröhliche Fanfaren in Drohkulissen und virtuose Spielfiguren in atemlose Getriebenheit. Wie Leuchtfeuer flackern ihrem Zusammenhang entrissene Zitate anderer Musik – darunter Rossinis Ouvertüre zu Wilhelm Tell sowie das Schicksalsmotiv aus der Todesverkündigungsszene von Wagners Walküre – in einem musikalischen Klima auf, das sich mit Klängen der Trauer zu einem unter die Haut gehenden Epilog verdichtet und in einem über 40 Takte langen Orgelpunkt der Streicher mit einer leeren Quinte ungelöst ins Offene verklingt.

Für Martin Schläpfer spielte – neben der Suche nach einer Musik für ein eigenes Stück – auch der Kontext des dreiteiligen Programms eine Rolle, an dessen Beginn er George Balanchines Symphony in Three Movements zu Igor Strawinskis gleichnamiger Komposition setzte, kombiniert mit Alexei Ratmanskys choreographischer Interpretation der Bilder einer Ausstellung. Mit diesen hatte Modest Mussorgski, der radikalste Vertreter des »Mächtigen Häufleins., 1874 eine musikalische Bilderfolge von überquellender Lebensfülle und visionären Klangbildern geschaffen. Igor Strawinski, der weltläufige Kosmopolit, der es auf raffinierte Weise verstand, seine musikalischen Gesichter immer wieder zu wechseln, hatte dagegen mit seiner zwischen 1942 und 1945 komponierten Symphony in Three Movements auf das Grauen des Zweiten Weltkriegs reagiert. »In einem solchen Programm brauchte ich ein Orchesterstück, das neben Strawinskis Symphonie nicht nur bestehen kann, sondern ein Stück weit das, was dort passiert, aufgreift, widerspiegelt und zugleich vielschichtiger und vielleicht doch komplexer Strawinski entgegnet«, so Martin Schläpfer, der der Überzeugung ist, dass »jeder Tanzabend auch der Musik gehört.«

Die Tänzerinnen und Tänzer des Wiener Staatsballetts präsentieren sich in Tänze Bilder Sinfonien in unterschiedlichsten Facetten: Martin Schläpfers intensiver, hochexpressiver Bewegungssprache, die die Chiffren und Formen des klassischen Balletts durch eine starke Körperlichkeit zu dunklem Glühen bringt, steht mit der 1972 uraufgeführten Symphony in Three Movements ein vollendetes Beispiel für George Balanchines Kunst gegenüber: seine elegante Athletik, virtuosen Schrittfolgen und komplexen Formationen im Raum, die ganz aus der Musik abgeleitet sind getreu der Überzeugung: »Komponisten kombinieren Noten, Choreographen kombinieren Bewegung.« Mit Alexei Ratmansky ist es Martin Schläpfer gelungen, einen der bedeutendsten zeitgenössischen Ballett-Choreographen ans Wiener Staatsballett zu verpflichten.