© Mischa Christen
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Oper, die wirkt

Als Blonde in der Entführung aus dem Serail - Premierenserie stand die Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann zuletzt auf der Bühne der Wiener Staatsoper. Mit Oliver Láng sprach sie über den besten Grund, in die Oper zu gehen, über ihre Rolle als Sprachrohr für wichtige Themen und über das intensive Durchleben ihrer tragischen und heiteren Partien.

Wenn man auf Ihre Webseite kommt, findet man auch eine Galerie sehr guter, sehr unterschiedlicher Fotos von Ihnen. Hinter welchen der vielen Bilder verbirgt sich am ehesten die »wirkliche« Regula Mühlemann? Gibt es ein Bild, in dem Sie sich als Person ganz wiedererkennen?

Regula Mühlemann: Ja, das stimmt, es sind sehr unterschiedliche darunter, mehr und weniger gestylte. Und natürlich finde ich, dass manche mehr »Ich« sind als andere, also mehr so, wie ich mich selber sehe. Es gibt zum Beispiel eines in einem blauen Pulli (Bild links), das mag ich besonders. Und es gibt das Coverfoto der CD Lieder der Heimat (drittes Bild von oben), da war nur ein Fotograf und kein Stylist dabei: Ich war ganz bewusst fast ungeschminkt. Diese Aufnahme hat viel mit der Schweiz, mit meiner Herkunft, mit mir zu tun, auch damit, wie ich aufgewachsen bin: Da wollte ich auch auf dem Cover ganz natürlich rüberkommen, weil mir diese Natürlichkeit auch in der Musik wichtig ist. 

Nun sind Sie, ganz besonders in Ihrer schweizerischen Heimat, eine Person des öffentlichen Lebens, die nicht nur auf der Straße erkannt wird, sondern auch zu vielen Themen befragt wird. Ist das ein Aspekt, der Ihnen entgegenkommt? An diesen Bereich des Künstlerinnen-Lebens denkt man bei der Berufswahl ja selten.

RM: Es geht damit einher. Und man wächst hinein. Man wird mit zunehmendem Bekanntheitsgrad zur Botschafterin gewisser Themen. Ich erwähnte zum Beispiel einmal, dass ich eine Schwester mit Down-Syndrom habe – und werde darauf nun immer wieder angesprochen. Oder ich habe mich dafür eingesetzt, dass man junge Leute ins Theater holen soll. Und schon war ich ein Sprachrohr für dieses Thema.

Ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

RM: Ja, denn ich bin mit dieser Herangehensweise groß geworden. In meinem Freundes-Umfeld gibt es nur wenig klassikaffine Menschen und mir ist bewusst, dass man nicht davon ausgehen kann, dass alle von selbst in die Oper und Konzerte kommen. Man muss jeden und jede überzeugen, verzaubern. 

So wie Sie als Jugendliche von einer Nozze di Figaro-Aufführung verzaubert wurden und beschlossen, Sängerin zu werden.

RM: Genau so ein Schlüsselerlebnis will ich anderen bieten! Und als junge Sängerin kann ich leichter zu jungen Menschen eine Brücke schlagen. Nächste Woche besuche ich zum Beispiel eine Schulklasse in Luzern, die dann zu einer Orchesterhauptprobe ins Theater kommen wird. Diese Vermittlungsarbeit geht über den eigentlichen Beruf hinaus, aber ich finde sie unglaublich wichtig!

Künstler werden aber auch in vielen anderen Dingen als gesellschaftlich relevante Stimme angesehen. Man spricht ihnen erhöhte Sensibilität zu, ein seismografisches Gespür für soziale und politische Vorgänge. 

RM: Wobei ich gemerkt habe, dass man sehr genau steuern kann, zu welchen Fragen man sich äußern möchte. Die beiden genannten Themen: da setze ich einen Schwerpunkt. Ich habe jedoch beschlossen, dass ich nicht alles kommentieren will, manche Berufskollegen, wie zum Beispiel Igor Levit, sind da viel präsenter. Dieses öffentliche Äußern fordert viel Energie, denn neben dem Zuspruch, den man erhält, gibt es natürlich auch Gegenstimmen. Aktuell ist mir in der Covid-Diskussion aufgefallen, dass Leute oftmals nur wenig Ahnung von unserer Situation und der aktuellen Lage in den Opern- und Konzerthäusern haben. Das macht die Sache nicht leichter. Sich diesen Diskussionen zu stellen, kann kräftezehrend sein. Daher entscheide ich ganz klar, welche Themen ich anspreche und welche nicht, zu welchen Fragen ich etwas zu sagen habe und welche mir wichtig sind. Wobei ich ganz generell finde, dass wir Künstler die Verpflichtung haben, uns im öffentlichen Diskurs zu wirklich wichtigen Themen klar zu positionieren. 

Kehren wir zu Ihrer Brückenfunktion zurück. Wenn ein Jugendlicher Sie fragt: Was ist der beste Grund, in die Oper zu gehen? Dann lautet Ihre Antwort …

RM: Das Berührt-Werden. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen die körperliche Berührung entschieden zu kurz kommt. In den zwei Monaten, in denen ich im Herbst in Wien war, konnten meine Liebsten mich wegen der Quarantäneregeln nicht besuchen. Es war keine einsame Zeit, aber auch nicht ganz leicht, damit umzugehen. Ich lechzte nach diesen tief berührenden Erlebnissen. In der Staatsoper, im Musikverein, in der Volksoper habe ich Momente erlebt, die mich so gepackt haben, dass ich noch lange davon zehren konnte. Sie waren so stark, so schön! Das hatte mit der Musik zu tun, mit den Stimmen, mit dem Orchester, mit der Darstellung auf der Bühne … wir alle kennen das. In diesen Augenblicken habe ich wieder einmal gemerkt, wie essenziell wichtig diese Seelennahrung Kunst ist. Und wie viel nachhaltiger als anderes. Man kann ja viele schöne Dinge konsumieren, auch in Covid-Zeiten, aber langfristige Wirkung hat davon nur Weniges. Manchmal kauft man sich etwas, um sich etwas Gutes zu tun, doch ist das schnell wieder aus dem Sinn. Musik, Oper: das wirkt einfach so viel länger. 

Sie erleben nicht nur solche Momente, sondern erzeugen sie auch. Fallen diese für Sie im Sinne einer Seelennahrung ebenso ins Gewicht?

RM: Ich muss sagen, ich habe in der Zeit, in der kulturell gar nichts mehr los war, bemerkt, wie wichtig es für mich ist, auf einer Bühne zu stehen. Aus zwei Gründen: Einerseits brauche ich ein Ziel, auf das ich hinarbeiten kann, eine Aufführung, eine CD-Aufnahme; andererseits brauche ich den Austausch mit anderen Künstlerinnen und Künstlern – und mit dem Publikum. Dieses Üben im stillen Kämmerchen, das ist natürlich wichtig, aber muss zu etwas hinführen und kann auf Dauer nicht für sich alleine bestehen. Es war erstaunlich, wie wenig Lust ich in dieser Zeit verspürte, nur für mich zu üben. Letztendlich geht es mir um die Wechselwirkung mit anderen, mit Kollegen, dem Orchester, mit den Zuschauern. Mir ist das nach dieser langen Zwangspause bei der Entführung wieder einmal aufgefallen: Die Dimension des Publikums wirkte enorm auf mich zurück, wenn da so viel kommt wie in diesen fünf Vorstellungen, dann ist das unglaublich inspirierend. Es ist ein Kreislauf: Ich gebe hundert Prozent, und bekomme zweihundert zurück. 

Diese Seelennahrung betrifft auch das Komödiantische, wie ihre erste Wiener Adele?

RM: Natürlich! Ich habe die Wiener Fledermaus erst auf DVD gesehen. Aber meine Güte – das ist ein Fest! Mich sehnend nach ausgelassenen Feiern, Tanz und Gesang, großen Diners mit vielen Menschen – sich amüsierend… Das tat ja nur schon gut, auf dem kleinen Bildschirm mitanzuschauen/hören. Ich freue mich ungeheuerlich, den guten Herrn Eisenstein an der Nase herumzuführen. Und hoffe, das Publikum freut sich mit.

Hat der Vorgang einer Werk-Erkundung für Sie auch eine entsprechend große Bedeutung? Bei Ihren letzten CD-Aufnahmen war ja viel Recherche im Vorfeld notwendig. 

RM: Bei der neuesten Erscheinung Mozart Arias II war das diesmal nicht so wild. Als ich Mozart Arias I aufnahm, habe ich mir alle(!) Sopran-Arien von Mozart gehört. Das waren ungefähr 72 Stunden Musik. Durch die Auswahl meiner Lieblingsarien kamen dann diese beiden Alben zustande. Bei der Lieder der Heimat-CD war der Aufwand sehr groß. Ein Experte für Schweizer Komponisten (Walter Labhart) hat und eine Vorauswahl gemacht mit Liedrepertoire aus der Romantik. Meine Pianistin Tatiana Korsunskaya und ich haben uns dann durch einen meterhohen Stapel an Noten gespielt, eine Auswahl getroffen, auch vieles wieder verworfen. Bei der Cleopatra-CD war es noch krasser, weil es sich zum Teil um historisches, nicht eingerichtetes Notenmaterial gehandelt hat. Die Recherche machte großen Spaß! Die Erkundung gehört also natürlich dazu, so wie ich schon als Jugendliche immer gerne unterschiedlichste Sängerinnen und Sänger gehört und verglichen habe. Eine Arie in 20 Interpretationen – da kann man viel lernen.

Wenn man nun aber während einer Rollen-Vorbereitung 20 verschiedene Aufnahmen einer Arie hört, woher weiß man am Ende auf der Bühne, was das Eigene, was das Übernommene ist?

RM: Das Eigene ist es, wenn es ehrlich ist. Das ist für mich essenziell. Man sagt ja, Mozart ist zu einfach für Kinder und zu schwierig für Erwachsene. Das hat mit der kindlichen Neugierde zu tun. Kinder spielen nicht etwas, sie sind etwas bzw. werden, was sie darstellen. Für uns Erwachsene bedeutet das (und das gilt natürlich nicht nur für Mozarts Werk), dass wir alle Filter rausnehmen und eine direkte Verbindung zu dem finden müssen, was wir aufführen. Wenn einem diese Ehrlichkeit gelingt – dann ist die Interpretation die eigene. 

Sie sprachen davon, dass Sie hundert Prozent Energie investieren, meinten Sie da körperliche oder eher psychische Energie?

RM: Alle Arten von Energie. Schon in der Vorbereitung versuche ich so genau wie nur möglich zu sein. Und auf der Bühne schöpfe ich je nach Rolle die körperlichen Möglichkeiten aus, aber vor allem auch die emotionalen: Eine Aufführung hat immer auch etwas mit Sich-Ausliefern zu tun. An die Grenzen des Abhangs heranzutreten, weil die Magie meistens dort passiert. Aber es kommt eben auch viel zurück. Als ich die Juliette (Gounod) sang und am Ende, erschöpft und in Schweiß und Tränen gebadet auf der Bühne lag, spürte ich, wie die Schwingungen des Publikums meine Leere wieder füllten. Man gibt – und bekommt. Es ist ein wunderbarer Kreislauf.

Ist dieses emotionale Leer-Werden ein Privileg? Oder fühlt es sich letztendlich gar nicht so gut an, wie Normalsterbliche es vielleicht erwarten?

RM: Es ist ein absolutes Privileg, auf der Bühne etwas sein zu dürfen, was man sonst nicht ist und Dinge ausleben zu können, die man sonst nicht rauslassen kann. Ich glaube ja, dass das Singen, das laute Singen, das aus dem ganzen Körper geschöpft wird, etwas Befreiendes hat. Man muss allerdings lernen, mit all dem umzugehen. In den ersten Tagen der Juliette-Proben berührte mich die Handlung so sehr, dass ich fast weinte und meine Stimme nicht mehr unter Kontrolle hatte. Ich empfand das als ungeheuer peinlich. Dann aber gelang es, die Emotionen so zu kanalisieren, dass mir zwar die Tränen herunterliefen, die Stimme aber dennoch losgelöst und unbehelligt blieb. So hatte ich eine gewisse, wahrscheinlich notwendige Distanz. Ähnlich ging es mir übrigens bei meiner ersten Bühnenproduktion nach dem Studium, dem Don Giovanni von Gazzaniga. Ich hielt es fast nicht aus, dass es einen Giovanni gibt, der mich zu verführen versucht, einen Masetto, den ich betrüge und ich zuhause, im echten Leben, auch noch einen echten Partner habe. Ich fand es irgendwie schwierig, meine Emotionen im Theater vom echten Leben zu unterscheiden und dachte: »Oh Gott, ich bin für diesen Beruf nicht geeignet.« Aber man lernt schnell zu trennen und abends mit dem Kostüm auch die dargestellte Figur im Theater zu lassen.

Bei aller Distanzierung: Beschleicht Sie nicht dann und wann ein gruseliges Gefühl? Im Sinne, dass Sie sich fragen: Was passiert da mit mir, dass ich weine? Was wird da angesprochen, ausgelöst?

RM: Natürlich ist es ein wenig unheimlich. Man merkt, welche Kraft die Psyche hat und was in einem alles drinsteckt. Ich habe das Gefühl, dass tragische Rollen mir durchaus zusetzen, am Tag nach einer Aufführung fühle ich mich emotional und auch körperlich etwas mitgenommen. Ich frage mich manchmal, wie groß die Kraft einer solchen Partie ist. Sie kennen das: Wenn man bewusst lächelt, ohne dass man wirklich glücklich ist, gibt es eine Rückkopplung auf die Psyche – und man wird tatsächlich fröhlicher. Ist es womöglich mit der Darstellung tragischer Augenblicke genauso? 

Insofern blicken Sie der Adele sehr entspannt entgegen – die fröhlichen Tage nach den Auftritten sind garantiert.

RM: Ganz bestimmt!