© Dario Acosta

Unser Ensemble

Vor dem Gespräch hängt sie noch schnell die Kopfhörer zum Aufladen ans Netz. Was sie hört? Eine neue Rolle? Legendäres aus der Opernwelt? Oder stilistisch ganz etwas anderes, Opernfremdes? Nichts dergleichen. Der akustische Begleiter ist ein Hörbuch, amerikanische Belletristik. Kein Wunder, hat sie doch Musik, Musiktheater ohnedies immer um sich. Und das seit der frühen Kindheit. „Musik ist in meiner Familie, besonders für meine Mutter sehr wichtig“, erzählt Virginie Verrez. „Wir hatten zwar bisher keine professionellen Musiker in der Familie, aber eine meiner Tanten ist Malerin und mein Urgroßvater war ebenfalls Maler. Insofern kann man vielleicht sagen, dass die Kunst doch ein bisschen in den Genen liegt.“ Da es jedoch in der Musikschule ihrer kleinen Heimatstadt keinen Platz in der Klavierklasse mehr gab, lernte sie zunächst Saxophon. Dazu kam das Singen, anfangs nur aus reiner kindlicher Freude, später immer bewusster. In einem Kinderchor der Schule fiel sie dem Musiklehrer auf, bereits mit 13 Jahren erhielt sie erste Gesangsstunden. Doch noch war alles nur Hobby, nur eine schöne Beschäftigung.
Die Schulzeit verging, im letzten Jahr verschlug es sie nach Wien, ans Lycée Français. „Es war so eine tolle Zeit“, strahlt Virginie Verrez noch heute. „Ein Abenteuer! Ich komme aus St. Denis, einer kleinen Stadt mit 50.000 Einwohnern und dann eine große Stadt, in der ich so viele Freunde fand!“ Mit denen sie, wohlgemerkt, trotz Wien nur französisch sprach, wie sie lachend zugibt. Und nur als Detail: In diesem Jahr entdeckte sie auch den Stehplatz der Wiener Staatsoper für sich.
Der Wunsch zu singen aber ließ sie nicht mehr los. Nach einer ersten, misslungenen Aufnahmeprüfung am Pariser Konservatorium probierte sie es zwei Jahre später noch einmal – und bekam nicht nur in Paris, sondern auch an der renommierten New Yorker Juilliard School einen Studienplatz angeboten. „Das war der Moment, an dem ich mir gedacht habe: Vielleicht bin ich doch ganz gut“,  lacht Verrez heute. Es folgten acht Jahre Studium in New York: „Das war wie ein Traum! Manhattan kennt man ja eigentlich nur aus den Hollywood-Filmen, und plötzlich hatte ich die Gelegenheit, dort zu sein! Und die Juilliard School! Für meine Eltern war es finanziell nicht einfach, aber sie nahmen es auf sich.“
Damit war der Weg für die künftige Karriere vorgezeichnet. Es folgten eine Reihe von Wettbewerbs-Gewinnen, Meisterklassen, Auszeichnungen, Engagements in Europa und in den USA – und seit Anfang dieser Spielzeit ist sie Ensemblemitglied im Haus am Ring, an dem sie als Zerlina debütierte und zuletzt als Alisa in der Neuproduktion von Lucia di Lammermoor zu hören war. Wobei Verrez kein präzises Zukunfts-Karriere-Management betreibt, sondern vieles einfach passieren lässt: „Genaue Pläne funktionieren normalerweise ohnehin nicht, manches geschieht, ohne dass es in irgendeiner Planung gestanden wäre.“ Was nicht ausschließt, dass es Wünsche und Zukunftsvorstellungen gibt: Wenn Verrez etwa über den Octavian im Rosenkavalier spricht, dann leuchten die Augen. „Die Musik, die Mischung aus Ernst und Komödie – ich liebe das einfach!“
Und der Octavian-Charakter, die Bühnenfigur? „Die ist doch auch sehr unterhaltsam“, schmunzelt sie. Wobei, und darauf legt sie besonderen Wert, sie sich niemals ganz in die Figur verwandelt, niemals ganz nur-Darstellerin wird, sondern immer auch die Sängerin Verrez bleibt. „In Glyndebourne sang ich im Sommer die Erika in Samuel Barbers Vanessa. Eine großartige Rolle, perfekt für mich! Aber dennoch war ich auf der Bühne nie wirklich Erika. Denn ich muss ja noch singen, die Emotionen, die der Bühnencharakter durchlebt, dürfen mich nie vollkommen ergreifen. Sonst funktioniert das Singen ja nicht mehr. Es geht also um die Gratwanderung: Glaubhaft sein, die Figur fühlen, aber immer auch die Kontrolle behalten.“ Immer wieder, so erzählt sie, passiere es ihr beim Üben daheim, dass die emotionale Kontrolle versagt und sie sich ganz in die Gefühlswelt einer Figur vertieft. „Dann bin ich aufgewühlt, weine vielleicht sogar – und schon klappt es mit dem Singen nicht mehr so gut. Das kann man sich als Sängerin einfach nicht erlauben.“ Diese Balance zwischen Gefühl und Fassung – das sei ein Lernprozess, der zum Sängerinnenleben gehöre, beschreibt Verrez. Wobei es dann schon auch diese Momente gibt, in denen das gesamte Drumherum versinkt und man nur noch musiziert. „Das ist natürlich das Schönste! Ich machte einmal Robert Schumanns Maria Stuart-Zyklus, da war ich wie in Trance. Ich vergaß alles: Die Bühne, das Publikum. Ich erzählte einfach eine Geschichte, ohne viel Nachzudenken.“
Das Erzählen, das liegt der Sängerin besonders am Herzen. „Manche Zuschauer gehen vielleicht gerade durch eine schwere Phase ihres Lebens. Es geht ihnen womöglich nicht gut, sie sind nicht glücklich. Und wollen etwas sehen, das ihnen eine neue Welt eröffnet und sie aus dem tristen Alltag entführt. Darin sehe ich auch meine Aufgabe als Sängerin, Menschen für einige Stunden in eine andere Dimension zu entführen.“ Das bezieht sich besonders auch auf das Emotionale, wie Verrez erläutert. „Es gibt so viel Gewohntes, so viel Routiniertes im Leben, dass manche immer weniger fühlen oder überhaupt aufhören, große Gefühle zu empfinden. Das ist schade! Wenn man aber in die Oper geht, will man etwas Besonderes erleben. Man will eben etwas fühlen! Nehmen wir zum Beispiel Abende mit Franco Corelli: Er konnte außergewöhnlich sein, manchmal hatte er aber auch weniger gute Abende. Für sein Publikum war das egal, denn so oft waren seine Auftritte ja absolut beglückend und mitreißend.“ Also geht es in der Kunst nicht nur um das Sehr-Gute, sondern um das Überdurchschnittliche, Ungewöhnliche. „Unbedingt! Das „normal“ Gute… das ist es eigentlich nicht, was wir suchen. Sondern das Außerordentliche.“ Das aber, und das sei eben die Crux, auch ein außerordentliches Risiko erfordert. „Aber ich denke“, meint Verrez, „dass es das Risiko wert ist. Für uns – und für das Publikum.“


Le nozze di Figaro | Wolfgang Amadeus Mozart
4., 7., 9. März 2019
KARTEN & MEHR