© Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Peer Gynt

Am 15. Juni 2018 beging die Musikwelt den 175. Geburtstag von Edvard Hagerup Grieg (1843 bis 1907), dessen Musik Edward Clug zu einem Ausgangspunkt für sein Ballett Peer Gynt machte. „Peer Gynt, komplexe Figur und Titelheld des gleichnamigen dramatischen Gedichts, hat Ibsen Ende des 19. Jahrhunderts in den Rang eines der bedeutendsten Dramatiker erhoben. Grieg wiederum hat sich mit seiner feinfühligen nordischen Musiksprache als einer der charakteristischen Vertreter der Romantik durchgesetzt. […] Ibsen und Grieg haben jeweils eine eigene Version von Peer Gynt geschaffen. Mein Ziel war es, diese in ein neues Ganzes zu verschmelzen, in eine Landschaft mit vielen Türen“, sagt der Choreograph zu seinem Werk.
Neben Griegs Schauspielmusik zu Peer Gynt bildet u.a. dessen Klavierkonzert in a-Moll, op. 16 zentrale Momente im zweiaktigen Verlauf des Balletts, der – eindrucksvoll unterstützt durch die Ausstattung von Marko Japelj (Bühnenbild) und Leo Kulaš (Kostüme) – durch Traumwelten voller nordisch- symbolistischer Phantastik führt.
Das Klavierkonzert op. 16, aus dem der zweite und dritte Satz erklingen, wurde 1869 in Kopenhagen uraufgeführt, wobei Grieg bei der Komposition nicht nur dem in identer Tonart a-Moll stehenden Klavierkonzert op. 54 von Robert Schumann (1810 bis 1856) Reverenz erwies, sondern auch dem traditionellen Volkstanz „Halling“.
Höhepunkt dieses üblicherweise im 6/8- bzw. 2/4- Takt stehenden Männertanzes ist der „Hallingkast“, eine akrobatische Einlage, bei der die Tänzer versuchen, mit einem Sprungtritt einen Hut zu erreichen, der von einer weiteren Person an einem Stock in die Höhe gehalten wird, mit dem Ziel, selbigen herunterzuschlagen. Die Sprunghöhe kann dabei bis zu 280 cm betragen. Beim Peer Gynt Festival am Ufer des Galavatnet (Gebirgssee in Norwegen) zählt dieser tänzerische Wettstreit nach wie vor zu den alljährlichen Höhepunkten des Programms: Das erste Festival dieses Namens fand im Jahr 1928 in Vinstra statt, die Inszenierung von Peer Gynt auf der Seebühne führt ihre Tradition mittlerweile auf das Jahr 1989 zurück.
Gerade auch wegen dieser vitalen und unverwechselbar nordischen Elemente wie dem „Halling“ konnte sich Griegs Konzert rasch einen Spitzenplatz im Repertoire sichern. Unter den inzwischen nahezu unzähligen Interpretationen des Werkes bleibt die von Franz Liszt (1811 bis 1886) unvergessen: Als Edvard Grieg 1870 Franz Liszt in Rom besuchte und diesem sein op. 16 im Manuskript vorlegte, spielte Liszt dieses zur Verblüffung von Grieg mühelos vom Blatt.
Neben großformatigen Werken setzte Edvard Grieg sich auch in Form so genannter „Lyrischer Stücke“ ein Denkmal – Miniaturen für Klavier solo, von denen er eine Sammlung von 10 Bänden mit insgesamt 66 Werken hinterließ. Mit der Melodie aus dem vierten Heft, op. 47 der selbigen klingt der Ballettabend aus, wobei in diesem Stück mit seinen bordunartigen Bassklängen in leeren Quinten Einflüsse der so genannten „Hardangerfiedel“ – einem vor allem in Westnorwegen verbreitetem Instrument – und damit einmal mehr Volkstanzelemente anklingen.

Inspiriert von der Klangwelt Edvard Griegs werden in dieser Spielzeit Denys Cherevychko und Jakob Feyferlik in der Titelrolle sowie Nina Poláková bzw. Alice Firenze in der Rolle der Solveig dem weit ausschwingenden Erzählbogen von Henrik Ibsen (1828 bis 1906) folgen, der sich im Libretto von Edward Clug zu einer mit den Mitteln des Tanzes erzählbaren, höchst theatralischen Lebensreise verdichtet sieht.

Oliver Peter Graber


Peer Gynt | Edward Clug
2., 4., 5., 10. Dezember 2018

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