"Kurzweilig, elegant und beeindruckend!"

Seit seinem Debüt an der Wiener Staatsoper 1996 (mit Andrea Chénier) hat Marco Armiliato hier eine Vielzahl an Vorstellungen geleitet. Nach seiner Trovatore-Premiere (mit Netrebko, Alagna und Tézier) im Februar 2017 folgt nun mit Samson et Dalila seine zweite Neuproduktion im Haus am Ring. Im Vorfeld sprach Andreas Láng mit dem vielbeschäftigten italienischen Dirigenten.

Zunächst wollte Saint-Saëns ein Samson-Oratorium machen, änderte dann aber die Richtung und schuf die bekannte Oper. Ist das Ergebnis nun eine oratorienhafte Oper oder ein opernhaftes Oratorium?

Marco Armiliato: Man merkt auf jeden Fall die ursprüngliche Absicht! Sehen Sie sich allein den Beginn an: das ist ein Oratorium. Nicht zuletzt die vielen Chorpassagen gehen in diese Richtung, ebenso die für Opern unüblichen Fugen im ersten und letzten Akt. Sie werden einwenden, dass Verdi den Falstaff auch mit einer Fuge beschließt, aber erstens ist auch das eine Ausnahme und zweitens hat die Falstaff-Fuge einen gänzlich anderen Charakter und vor allem eine vollkommen andere Funktion. Trotzdem überwiegt in Samson et Dalila das Opernhafte und zwar in erster Linie durch die, zum Teil sehr bekannten Arien, Duette und Ensemblestellen: Sie bringen gewissermaßen das dramatische Fleisch in die Aktion. Ich würde also sagen: Samson et Dalila ist etwas gänzlich anderes als die damals historisch fast schon überwundene Grand opéra, hat aber auch nichts gemein mit einem der Werke von Gounod oder Massenet. Wissen Sie, was Wagner über Saint-Saëns sagte: Er nannte ihn den besten französischen Komponisten, einen der unfähig wäre, schlechte Musik zu schreiben. Und ... ich muss ihm recht geben (lacht).

Der Wagner-Einfluss in dieser Partitur ist ja auch nicht zu leugnen …

Marco Armiliato: Wenn auch nicht in der formalen Gesamtidee, so doch immerhin in manchen klanglichen und harmonischen Passagen: Wenn Samson im dritten Akt geblendet auf die Bühne kommt, erklingt tatsächlich, oberflächlich betrachtet, reinster Wagner – manches davon scheint sogar schon mit Parsifal verwandt zu sein. Dessen ungeachtet handelt es sich um eine durchwegs französische Musik, um eine sehr abwechslungsreiche, kurzweilige, elegante französische Musik, in dem jeder einzelne Moment für sich ebenso beeindruckend ist, wie der Gesamteindruck!

Wie praxisorientiert war Saint-Saëns? Schrieb er sängerfreundlich?

Marco Armiliato: Absolut. Und das in mehrfacher Hinsicht: Zum einen finden Sie im Orchesterpart bei sehr vielen Passagen fast ausschließlich piano oder pianissmo-Hinweise, damit die Sänger ja nicht übertönt werden. Dann ist die Instrumentation durchwegs, trotz des in Wahrheit großen Orchesterapparats, sehr durchsichtig und fein – da zeigt sich der Könner, der sehr detailreich und extrem farbig malen kann, aber nie zu dick wird. Und schließlich wusste Saint-Saëns was er von den Sängern verlangen kann. Er wusste, dass eine Mezzostimme im Allgemeinen nicht so kraftvoll ist wie ein dramatischer Sopran, und die Anforderungen an den Tenor gleichen nicht jenen eines Heldentenors à la Siegfried. Insgesamt dachte Saint-Saëns bei Samson et Dalila eher an dunkle Stimmen, die ohne jegliche Bravour und vokale Pyrotechnik auskommen sollten – dadurch ist auch der Gesamtduktus der Oper dunkel grundiert.

Keine Oper der großen Vokalisen!

Marco Armiliato: Ganz im Gegenteil! Das Libretto ist extrem wortreich…

Ein Dauerparlando also?

Marco Armiliato: Wenn Sie so wollen: Ein Parlando in der französischen Manier unter dem Legatobogen und mit vielen schönen Melodien. Das ist für die Sänger eine der großen Herausforderungen: Die große Textmenge.

Wenn man über die Tempodramaturgie in Samson et Dalila nachdenkt, was fällt einem zuallererst ein?

Marco Armiliato: Dass diese Oper über große Strecken recht langsam ist, der Spannungsbogen aber dennoch nicht eine Sekunde lang abreißt.

Ist das Bacchanal der Höhepunkt der Oper?

Marco Armiliato: Es ist ein zweifellos ein wichtiger und vor allem musikalisch prächtiger Moment, aber für mich steht die Szene Samson-Dalila im zweiten Akt im Zentrum: Diese deskriptive Musik, die alles offenbart, alles erklärt, packt mich jedes Mal auf Neue. Aber wie gesagt, in dieser Oper reiht sich ein besonderer Moment an den nächsten. Es ist wahrlich eines der großen Rätsel der Aufführungsgeschichte, dass Samson et Dalila so verhältnismäßig selten aufgeführt wird. Es gibt Zeiten in denen weltweit wieder einige Produktionen nahezu parallel herauskommen aber dann kommt meistens wieder eine Samson- Durststrecke. Ich weiß wirklich nicht woran das liegt, denn kaum erklingt das Werk, sind alle – auf der Bühne und im Zuschauerraum – gleichermaßen der Meinung, dass es diese Oper Wert wäre regelmäßig gezeigt zu werden.


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