© Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn

Ein König zwischen Volk und Familie

"Worum geht es in Idomeneo? Es geht um Menschen, die nach einem langen, furchtbaren, konsequenzenreichen Krieg – über den wir bis in die heutige Zeit noch sprechen – nach Hause
kommen, aber die Last der Ereignisse noch mit sich tragen. Sie alle haben gewissermaßen Gepäck, das sie nicht ablegen können.“ So fasst der Regisseur der aktuellen Idomeneo-Produktion, Kasper Holten, den Sinn und Inhalt der Mozart-Oper zusammen. Und zieht das Werk in die Ebene der Zeitlosigkeit. Nun geht es nicht um den trojanischen Krieg, nicht um Griechen, nicht um einzelne Figuren aus der Sagenwelt, sondern um das Befragen von Themen, die stets aktuell sind. Die Wunden des Krieges, die Schatten der Vergangenheit, das Verhältnis von Vater und Sohn, die erfüllte – und unerfüllte Liebe. Der Umgang mit Macht. Und um die Frage des Menschlichsten: Wie geht ein Vater damit um, sich zwischen seinem Sohn und seinem Volk entscheiden zu müssen?

Idomeneo, die erste „große“ Oper von Wolfgang Amadeus Mozart behandelte zur Zeit ihrer Uraufführung ein Thema aus der griechischen Mythologie, das allgemein bekannt – und sehr beliebt war. Das Libretto, das der Salzburger Hofkaplan Giambattista Varesco verfasst hatte, basierte auf französischen Quellen, die Varesco geschickt in eine Dramenform leitete – aber ein offenes Ohr für Mozarts Änderungswünsche behielt. Mozart wiederum, und das war nicht ungewöhnlich, wurde vor seiner Kompositionsarbeit vor vollendete Tatsachen gestellt: Die zur Verfügung stehenden Sänger waren schon längst ausgesucht und der Komponist hatte ihnen seine Musik „in die Kehle“ zu schreiben. Das wiederum führte dazu, dass Komponisten ihre Werke oftmals für unterschiedliche Produktionen umschrieben – um sie auf die geänderte Sängerbesetzung oder an neue Aufführungsumstände anzupassen. Mozarts Wiener und Prager Fassung des Don Giovanni ist das bekannteste Beispiel, aber auch im Falle von Idomeneo schrieb Mozart die Oper für die erste Wiener Aufführung im Palais Auersperg um. Fast konsequent also, dass Richard Strauss in seiner Direktionszeit an der Wiener Staatsoper sich ebenfalls erlaubte, Mozarts Partitur zu überarbeiten und für die Opernsituation anno 1920 anzupassen. Änderungen, die übrigens kurz darauf wieder zurückgenommen wurden…
So oder so: Idomeneo wurde 1781 in München mit großen Erfolg uraufgeführt, und doch ist es ein Werk, das innerhalb Mozarts OEuvres einen Schattenplatz hat: Nur knapp 70mal erklang die
Oper seit 1955 seitens der Wiener Staatsoper. So gesehen ist es nun wieder höchste Zeit, eine Idomeneo-Serie im Haus am Ring zu spielen und dieses wichtige Werk wieder vors Publikum zu bringen. Diesmal dirigiert Tomáš Netopil, der an der Wiener Staatsoper eine noch eher kurze, aber sehr bewegte Geschichte hat: 2014 debütierte er mit Dvoráks Rusalka, um im selben Jahr auch
Das schlaue Füchslein zu leiten. Mozarts Così fan tutte folgte 2016, Janáceks Kátja Kabanová 2017 und 2018 schließlich die Premiere von Webers Freischütz. Es singt eine fast gänzlich neue Sänger-Besetzung: der Tenor Bernard Richter (man hörte ihn bisher als Pelléas) ist Idomeneo, Irina Lungu, die im Haus am Ring bisher Donna Anna und Violetta gestaltete, singt die Elettra, die restliche Besetzung ist fest in der Hand der Staatsopern- Ensemblemitglieder: Rachel Frenkel (Idamante), Valentina Nafornita (Ilia), Pavel Kolgatin (Arbace), Carlos Osuna (Oberpriester) und Peter Kellner (Stimme des Orakel).

Oliver Láng


Idomeneo | Wolfgang Amadeus Mozart
16., 19., 22. Februar 2019

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