Die Bühne, was sonst?

Wann immer der Lehrer an die Klasse die Frage stellte, wer denn beim nächsten Stück des gut besuchten und qualitativ hoch stehenden Schultheaters die Prinzessin oder eine vergleichbar positiv besetzte Rolle spielen wolle, schossen Dutzende Mädchenarme in die Höhe. Nur Monika Bohinec meldete sich nicht. Wenn aber die danach folgende obligate Frage kam, ob es jemanden gäbe, der Interesse an der Hexe, der bösen Zauberin und ähnlichen Bösewichtinnen hätte, war es immer Monika Bohinec, die sich euphorisch um diese Charaktere bemühte (und sie zumeist auch bekam). Machen wir nun einen kleinen Zeitsprung in die Gegenwart und wechseln aus dem Klassenzimmer an die Wiener Staatsoper: Die aus Slowenien stammenden Mezzosopranistin scheint, ihr Rollenspektrum verrät es, ihrem Faible für Magierinnen aller Farbschattierungen ziemlich treu geblieben zu sein: Da findet sich die Knusperhexe in Hänsel und Gretel ebenso wie die dämonische Fremde Fürstin aber auch die Hexe Ježibaba in Rusalka, die Wahrsagerin Ulrica in Ballo in maschera – letztlich passt auch die mythisch verhangene Norn in der Götterdämmerung irgendwie hierher. Natürlich auch die mit Zauberkräften ausgestattete Erzintrigantin Ortrud, die sie für ein Gastspiel außerhalb der Staatsoper vorbereitet und selbst die prophetische Erda könnte man, mit etwas Nachsicht, ebenfalls diesem mit außergewöhnlichen Kräften begabten, außerhalb der Gesellschaft stehenden Frauentyp zuordnen.

Das Verkleiden, das Jemand-Anderer-Werden, das Spiel an sich reizen Monika Bohinec, mit solch vielschichtigen Charakteren vor das Publikum zu treten. Und wenn es sich natürlich auch nicht immer um Hexen aller Art handelt – liebe, etwas eindimensionale Prinzessinnen sind in ihrem persönlichen Repertoire auf jeden Fall Mangelware. Alle anderen Möglichkeiten sind herzlich willkommen: Die ins Verderben ziehende junge Verführerin ebenso wie die Lustige Alte, die mitleidende, getreue Freundin nicht weniger als die geheime Nebenbuhlerin. Kurzum: So lange es etwas zu gestalten, etwas auszuloten gibt, so lange es gilt, eine interessante Persönlichkeit zum Leben zu erwecken, ist Monika Bohinec Feuer und Flamme.

Dass sie ursprünglich, parallel zum Gesangsstudium, eine Medizinerlaufbahn in Erwägung gezogen hat, erwähnt sie nur en passant. Passenderweise wäre es in Richtung einer HNO-Ärztin gegangen. Doch das vielfältige Leid, das sie im Rahmen ihrer Praktika in den Krankenhäusern erlebte, machte sie traurig – gerade weil sie die Menschen in ihrer Gesamtheit schlicht und einfach gern hat. Und da beides zugleich unmöglich war, entschied sich Monika Bohinec für die Welt der Bühne, die ihrem extrovertierten Charakter optimal entgegenkam. Lampenfieber? Für sie ein Fremdwort! Kaum, dass sie die Minuten vor dem Moment ihres Auftritts abwarten kann, um endlich dem Publikum entgegentreten zu können – einem Rennpferd gleich, das dem so inniglich ersehnten Start entgegenfiebert. Eines der Geheimnisse ihrer Vielseitig ist ihre sehr „lange“ Stimme, die es ihr ermöglicht sowohl Altpartien als auch hoch liegende Mezzorollen zu meistern. Es waren vor allem ihre Lehrerin, Biserka Cvejić – manche Zuschauer werden sich noch an ihre Auftritte an der Wiener Staatsoper erinnern – und später Claudia Visca die streng darauf achteten, dass Monika Bohinec ihr Material in allen Lagen ideal ausbildete. Und so kann sie nach der tiefen Erda – ein persönliches Rollendebüt –, der hohen Fremden Fürstin, nun im Juni die wiederum tiefe Mrs. Quickly in Falstaff zum Besten geben – ebenfalls ein persönliches Rollendebüt. Apropos Erda: Wer die Möglichkeit wahrnahm Monika Bohinec’ Entwicklung allein an der Wiener Staatsoper mitzuverfolgen (sie ist seit dem Herbst 2011 fix im Ensemble), wird wohl die vorsichtige, immer stärkere Zuwendung zum Werk Richard Wagners festgestellt haben: Als ihre vokalen Schutzheiligen, durch deren Werke sie stimmlich in der Balance bleibt, bezeichnet die Mezzosopranistin allen voran Donizetti und Verdi (zu den an der Staatsoper gesungenen diesbezüglichen Partien kommen noch Amneris und Azucena dazu). Hier findet sie den sicheren und geliebten Boden von dem aus sie den Radius konsequent erweitert, wobei sie in puncto Wagner zunächst eher Vorbehalte empfand und sich daher nur tastenden Schrittes, unterstützt und behütet von den hauseigenen Solorepetitoren, in diesen Kosmos vorwagte, jederzeit bereit bei der kleinsten stimmlichen Beeinträchtigung den Rückwärtsgang einzulegen. Grimgerde in der Walküre war gewissermaßen der diesbezüglich erste ungefährliche Vorposten, dem aber bald schon Mary im Fliegenden Holländer folgte. Zu ihrer eigenen Überraschung entpuppte sich Wagner für sie nicht als Gefahr, sondern als eine Welt, die ihrer Stimme sogar entgegenkam und ihr ein freudvolles Betätigungsfeld eröffnete – ihre beiden jüngsten erfolgreichen „Einspringer“ als Erda im Rheingold beziehungsweise Siegfried bestätigen diese Einschätzung. Außerhalb der Staatsoper kamen noch Brangäne und beide Frickas dazu, die schon erwähnte Ortrud mutierte mittlerweile sogar zu einer Art Lieblingspartie und ein Engagement für die Kundry liegt ebenfalls vor. Oder anders formuliert: Beide Frickas, beide Erdas und eine Norn innerhalb von drei Monaten machen aus einer Sängerin durchaus eine Wagner-Sängerin.

Wie gesagt, Monika Bohinec mag die Menschen und so geht es ihr natürlich nicht nur darum, selbst Freude am Beruf zu haben, sondern in erster Linie darum, die Stimmungen, die sie aus der Partitur herausliest so zu transportieren, dass sie die Zuhörer entsprechend erreichen – wie sagte Beethoven doch so schön: „Von Herzen möge es wieder zu Herzen gehen!“ Entsprechend legt sie auch Dirigenten gegenüber Wert darauf, dass ausreichend Zeit, genauer Raum für die Gestaltung gelassen wird – und die Zuschauer können es bestätigen, Monika Bohinec vermag bereits Sekunden mit musikalischem Inhalt und Wert aufzuladen.

Ein abschließender Blick in den Staatsopern-Kalender des nächsten Jahres verrät übrigens, neben erneuten Knusperhexen, Ježibabas und Erdas, eine weitere spannende Aufgabe: Monika Bohinec gehört zu den Auserwählten, die das große Uraufführungsprojekt im Dezember, Johannes Maria Stauds Die Weiden, mittragen und aus der Taufe heben dürfen…

Andreas Láng


Giuseppe Verdi
Falstaff

21., 24., 27., 30. Juni 2018

KARTEN & MEHR