Brennen für Britten

Benjamin Britten schrieb A Midsummer Night’s Dream in – verhältnismäßig – kurzer Zeit, in rund sieben Monaten. Ist für Sie dieses Entstehungstempo im Werk zu spüren?
Simone Young: Ich denke, dass ihm das Shakespeare’sche Original und die Dramaturgie des Stücks so vertraut waren, dass er auf Grundlage dieses Wissens viel Zeit sparen konnte. Sonst wäre es vielleicht nicht möglich gewesen, aber mit diesem Startvorteil ... Dazu kommt der kammermusikalische Aufbau des Orchesters: rein von der Materialmenge ist da nicht so viel angefallen wie bei anderen Werken. Das schnelle Tempo der Arbeit ist jedoch an sich nicht zu spüren. Im Gegenteil, die Oper ist kompositorisch gesehen wahnsinnig reif. Jede einzelne Stimme ist wunderbar ausgearbeitet, sowohl was die Sänger, als auch was das Orchester betrifft. Der Orchesterpart ist hochanspruchsvoll, ohne dass er wirklich verflixt schwer wäre, und er ist sehr dankbar, weil die Instrumente oft solistisch zum Einsatz kommen.

Zum kammermusikalischen Aufbau des Orchesters: Britten schrieb die Oper für ein Theater, das einen kleinen Orchestergraben und rund 360 Zuschauer hatte. Die Dimensionen der Wiener Staatsoper sind ganz andere. Inwiefern nehmen Sie Anpassungen in der Besetzung vor?
Simone Young: Ich habe dasselbe gemacht wie schon in Hamburg: Britten gibt ein Besetzungs-Minimum vor, aber kein Maximum. Das Minimum bei den Streichern liegt bei vier ersten Geigen und der Rest gestaffelt. Das wäre hier doch gar klein. Mir schwebt eine Orchestergröße wie bei Ariadne auf Naxos vor, vielleicht sogar eine Spur größer. Also acht erste Violinen und entsprechend angepasst die anderen Streicher. So werden die Solobläser nicht übertönt, aber es gibt genug Substanz für den großen Saal. Wäre das Orchester noch größer, bekäme man womöglich Probleme mit den Kinderstimmen.

Die Herausforderung liegt also in der Balance.
Simone Young: Absolut. Wir haben sehr unterschiedliche Gesangsstimmen und Sänger, zum Beispiel als Liebespaare vier junge, frische Stimmen. Dazu einen Countertenor, die Kinder und viele andere mehr. Das muss alles in sich stimmen und passen. Diese Arbeit kann man aber erst bei den Bühnenproben im großen Haus machen.

Eine weitere Herausforderung liegt in der kleinteiligen Struktur der Oper: Besteht die Gefahr des Verirrens in Details?
Simone Young: Manche empfinden das Stück als sehr episodisch, gerade darum finde ich die Idee unserer Regisseurin Irina Brook, dass die Handlung in einem Einheitsbühnenbild spielt, sehr gut. Es wird so ein Zusammenhalt der einzelnen Sequenzen erreicht. Im Grunde ist es wie bei jeder anderen Oper: Man muss die Details sehen, aber den Blick für das Ganze nicht verlieren. Natürlich wird, da jede Darstellergruppe ihre eigene Musiksprache hat, die Struktur uneinheitlicher, aber es gibt doch einen roten Faden quer durch das Werk: und dieser Faden ist das Magische. Man stößt immer wieder auf die „Zauberklänge“, die durch die Glissandi in den tiefen Streichern ausgedrückt werden. Das klingt für mich wie ein großer Baum, der sich im Sturm windet. Ich wohne in England in einem idyllischen Ort, in dem man, um ins Pub zu gelangen, über den Kirchhof gehen muss. Dort steht ein Baum, der früher durch einen Blitz gespalten wurde. Wenn er sich nun bei starkem Wind wendet und wiegt, dann hat das etwas Geisterhaftes – und es erinnert mich stark an manches in der Oper. Diese Naturlaute sind auch die Welt Brittens, oder genauer: Die Welt Brittens um 3 Uhr morgens, zwischen Traum und Alptraum. Diese Klänge kehren in der Oper immer wieder und sind so ein Anhaltspunkt.

Versuchen Sie als Dirigentin diese einzelnen Klangsprachen der unterschiedlichen Gruppen nachzuschärfen, damit sie besonders klar zu erkennen sind oder ist es eher eine Suche nach dem Verknüpfenden?
Simone Young: Britten hat das alles faszinierend genau notiert. Wenn man einfach das befolgt, was er in der Partitur sagt, dann stimmt alles und ist richtig und klar. Natürlich kommt immer die eigene Interpretation dazu, man muss alles an die Gegebenheiten, an den Raum, die Besetzung etc. anpassen, aber im Wesentlichen hat Britten schon alles vorgegeben.

Manches in der Oper scheint auf den ersten Blick untypisch für Britten zu sein, diesem Komponisten mit dem Faible für die große Einsamkeit.
Simone Young: Das stimmt. Zunächst einmal ist es eine Komödie, und das gibt es bei ihm nicht so oft. Wobei Britten manchen Stellen, die im Theaterstück nur lustig sind, eine außergewöhnliche Unschuld gegeben hat. A Midsummer Night’s Dream bietet davon abgesehen eine gänzlich andere Klangwelt als zum Beispiel Peter Grimes oder Billy Budd oder War Requiem. Wer sich mit Peter Grimes im Ohr den Sommernachtstraum anhört, wird sehr überrascht werden!

Britten hat in seinem Sommernachtstraum ganz bewusst in die Vergangenheit geblickt und Henry Purcell-Bezüge eingebaut. Das war allerdings im Jahr 1960, was bedeutet: man erlebt die Barock-Sicht aus dem Jahr 1960. Sechzig Jahre später hören wir diese Epoche jedoch ganz anders.
Simone Young: Absolut! Wir haben heute ja eine gänzlich andere Sicht auf die Alte Musik. Ich finde das faszinierend! Wir kennen das auch aus anderen Opern, in Wagners Meistersinger von Nürnberg zum Beispiel verweist Beckmessers Lautenspiel musikalisch auf eine andere Epoche; Pfitzners Palestrina zeigt wiederum die 1917er-Sicht auf die Renaissancemusik. Wir können in diesen Werken erkennen, wie die jeweilig spätere Epoche die früheren gesehen hat.
Im Falle von Britten-Purcell ist es so, dass Purcell in England niemals gänzlich aus dem Repertoire gefallen ist und es daher eine Kontinuität vom Barock bis ins 20. Jahrhundert gab. Und da Purcell mit The Fairy Queen die erste wichtige
Midsummer Night’s Dream-Vertonung geschaffen hat, war es naheliegend, dass Britten ihm seine Reverenz erweist. Wir kennen aus dieser Zeit auch weitere Bezugnahmen, in Gloriana von Britten zum Beispiel oder Variations on Sellinger‘s Round, ein Stück, in dem unterschiedliche Komponisten jeweils eine Variation über ein Barockthema geschrieben haben: Das ist eine Barock-Sicht, die nichts mit der historisch informierten von heute zu tun hat. Dennoch beeindruckend – und eine Art Zeitdokument.


Benjamin Britten
A Midsummer Night's Dream
Premiere: 2. Oktober 2019
Reprisen: 5., 9., 13., 17., 21. Oktober 2019

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