Was zählt, ist Erfahrung

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Oper: Auge in Auge mit dem Hai.

Wenn es ein Mot­to gibt, das ich über mei­ne Ar­beit als Mu­si­ker stel­len wür­de, dann die­ses: »Be­die­ne dich nicht an ei­nem Werk, son­dern die­ne ihm.«

Wo­bei Mot­to zu tech­nisch, zu pro­gram­ma­tisch klingt. Es han­delt sich viel­mehr um mei­ne in­ners­te Über­zeu­gung, das ei­gent­li­che Mo­vens, mich als Di­ri­gent ei­ner Par­ti­tur zu wid­men. Mit die­nen mei­ne ich na­tür­lich nichts, das an ei­ne Knecht­schaft er­in­nert. Es geht viel­mehr dar­um, die ei­ge­ne Per­sön­lich­keit, Er­fah­rung, Be­ga­bung und Ar­beit der je­wei­li­gen Kom­po­si­ti­on zur Ver­fü­gung zu stel­len. Als In­ter­pret ist man An­walt ei­nes Mu­sik­stü­ckes und tritt da­her hin­ter die­ses zu­rück. Und so ge­se­hen sind je­ne, die sich wich­ti­ger neh­men als das Werk, sich al­so ei­ner Sym­pho­nie, ei­ner Oper, ei­nes Lie­des, ei­ner So­na­te be­die­nen, um sich in den Vor­der­grund bug­sie­ren zu kön­nen, gar kei­ne wirk­li­chen Mu­si­ker. Kei­ne se­riö­sen je­den­falls. Da­rum ist der be­rühm­te Te­nor, der mir knapp vor ei­ner Bo­hè­me-Vor­stel­lung jo­vi­al zu­raunt: »Heu­te, Bertrand, wer­den wir das Stück neu schrei­ben«, auf dem Holz­weg. Es man­gelt ihm am nö­ti­gen Re­spekt des In­ter­pre­ten, der sich als Schöp­fer miss­ver­steht.

»Was kann ich dem Werk, das ich auf­füh­re, brin­gen? Bin ich im­stan­de, es ei­nem Pu­bli­kum best­mög­lich zu prä­sen­tie­ren? Kann ich es nach wie vor zum Le­ben er­we­cken?«

Die Fra­gen, die ich mir als Di­ri­gent da­her stel­le, stel­len muss, lau­ten: »Was kann ich dem Werk, das ich auf­füh­re, brin­gen? Bin ich im­stan­de, es ei­nem Pu­bli­kum best­mög­lich zu prä­sen­tie­ren? Kann ich es nach wie vor zum Le­ben er­we­cken?« Wenn näm­lich nicht, soll­te ich es zwin­gend aus mei­nem Re­per­toire strei­chen. Es gibt nun ein­mal Pha­sen, da ent­fernt man sich von be­stimm­ten Stü­cken oder Kom­po­nis­ten. Viel­leicht für im­mer, viel­leicht nur für ei­ne be­grenz­te Zeit. An­de­re be­glei­ten ei­nen das gan­ze Le­ben lang. 

Ich bei­spiels­wei­se kann mir ein Di­ri­gen­ten­da­sein oh­ne Mozart nicht vor­stel­len. Wich­tig ist nur, dass man er­kennt, ob die in­ne­re Be­zie­hung noch auf­recht ist oder nicht. Da­zu be­darf es des un­ent­weg­ten Stu­di­ums. Und das be­schränkt sich bei mir kei­nes­falls dar­auf, am Schreib­tisch sit­zend ei­ne Par­ti­tur zu ana­ly­sie­ren. Wenn man Mu­si­ker ist, wird das ei­ge­ne Le­ben zu hun­dert Pro­zent von Mu­sik durch­tränkt sein. »Du hast es gut«, hö­re ich oft, »du hast dei­ne Lei­den­schaft zum Be­ruf ge­macht«. Das stimmt. Aber das deut­sche Wort Lei­den­schaft drückt durch den Wort­stamm »Lei­den« sehr tref­fend ei­nen wich­ti­gen As­pekt aus: Ich bin, be­wusst und un­be­wusst, ge­trie­ben, mich un­ent­wegt mit Mu­sik zu be­schäf­ti­gen. Ge­le­gent­lich wür­de ich ger­ne die Stopp­tas­te drü­cken und ge­wis­ser­ma­ßen Ur­laub von mei­ner Lei­den­schaft neh­men. Aber das geht nicht.

Manch­mal wa­che ich in der Nacht auf, und et­was in mir zwingt mich ge­ra­de­zu, auf­zu­ste­hen und ein be­stimm­tes De­tail in ei­nem be­stimm­ten Takt nach­zu­se­hen, wo­durch ich aber der Es­senz der Kom­po­si­ti­on mit ei­nem Mal und ganz unerwartet näherkomme.

Ganz wich­tig ist für mich in die­sem Zu­sam­men­hang die Na­tur. Ich mer­ke im­mer wie­der, dass ich hin­aus muss, um tie­fer in ein Werk ein­drin­gen zu kön­nen. Was­ser und Ber­ge sind für mich da­her un­ver­zicht­bar. Nur ein Bei­spiel: Im Herbst di­ri­gier­te ich auf dem Ja­pan-Gast­spiel der Wie­ner Staats­oper Mozarts Noz­ze di Fi­ga­ro, ein Stück, das ich bis da­hin schon un­zäh­li­ge Ma­le auf­füh­ren durf­te und in- und aus­wen­dig ken­ne. Den­noch woll­te ich mich im Vor­feld er­neut in­ten­siv die­ser Oper wid­men. Al­so nahm ich ei­ne Pick­nick-De­cke und setz­te mich ei­ni­ge Stun­den lang – ich woh­ne in Lausanne – an ein Ufer des Gen­fer­sees: Im Hin­ter­grund die Ber­ge, vor mir ein paar vor­bei­schwim­men­de Schwä­ne und in mei­nem Schoß die Par­ti­tur und die Kon­zert­meis­ter­stim­me der Staatsoper. Da­zu ei­ne At­mo­sphä­re der Stil­le und Ru­he, wie ich sie in­ner­halb mei­ner ei­ge­nen vier Wän­de nie­mals vor­fin­den wür­de. Ich könn­te un­mög­lich ex­akt be­nen­nen, was ich da­mals, mir bis da­hin Ver­bor­ge­nes, im Fi­ga­ro ent­deckt hat­te. 

Aber mein Ver­ständ­nis die­ses im Letz­ten un­er­gründ­ba­ren Meis­ter­wer­kes war nach die­sen paar Stun­den de­fi­ni­tiv rei­cher, tie­fer. Und so ver­schafft je­der Spa­zier­gang, je­der Mu­se­ums­be­such, je­des Buch, je­de Be­geg­nung zu­sätz­li­che Er­fah­rung. Und die­se ist für mei­nen Be­ruf un­er­läss­lich. Der Satz, dass ein gu­ter Di­ri­gent min­des­tens 50 Jah­re alt sein soll­te, ist da­her nicht über­trie­ben. Wie ein gu­ter Bur­gun­der be­nö­tigt man Zeit, um zu rei­fen. Wäh­rend an­de­re in mei­nem Al­ter über die bal­di­ge Pen­si­on nach­zu­den­ken be­gin­nen, se­he ich mich erst am Be­ginn je­ner künst­le­ri­schen Rei­se, die mich im­mer wei­ter in die Welt der Mu­sik hin­ein­führt. Es ist schon be­mer­kens­wert, wie dia­me­tral das Le­ben und die Kunst zu­ein­an­der ste­hen: Im Phy­si­schen be­deu­tet Äl­ter­wer­den ab ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt Ver­fall, für den Künst­ler be­deu­tet Äl­ter­wer­den ei­ne Zu­nah­me an Tie­fe.

 

»Wer kei­ne Freu­de am Wer­den, am ge­ra­de ak­tu­el­len Mo­ment hat, wird grund­sätz­lich sein Glück nicht fin­den. Schon gar nicht in der Mu­sik.«

Da­zu passt ei­ne amü­san­te Fra­ge, die mir ein­mal in ei­nem In­ter­view ge­stellt wur­de: »Ist es nicht frus­trie­rend«, so der sicht­lich be­sorg­te Ge­sprächs­part­ner, »dass man sich als Di­ri­gent wäh­rend ei­nes Auf­tritts stets be­wusst sein muss, noch nicht am end­gül­ti­gen Ziel der ei­ge­nen In­ter­pre­ta­ti­on an­ge­langt zu sein, son­dern le­dig­lich an ei­ner Zwi­schen­sta­ti­on, da man mit noch mehr Er­fah­rung ein paar Jah­re spä­ter noch nä­her am Stück dran wä­re?« 

Nun, der be­rühm­te Satz des Kon­fu­zi­us, nach dem der Weg das Ziel sei, wird auch hier schla­gend. Wer kei­ne Freu­de am Wer­den, am ge­ra­de ak­tu­el­len Mo­ment hat, wird grund­sätz­lich sein Glück nicht fin­den. Schon gar nicht in der Mu­sik. Um ein Stück ein­mal noch bes­ser zu in­ter­pre­tie­ren, muss ich es eben im­mer wie­der in­ter­pre­tie­ren. Auch gro­ße Sport­ler sind nicht so­fort olym­pia­reif. Und oft sind es ge­ra­de die Irr­we­ge und Feh­ler, die ei­nen schließ­lich wei­ter­brin­gen. Da­rum sind mir auch je­ne Di­ri­gen­ten­stu­den­ten, die die ty­pi­schen Kin­der­krank­hei­ten mit­brin­gen wie »zu laut, zu schnell, zu ex­trem« und da­durch auf ei­ne au­then­ti­sche Per­sön­lich­keit schlie­ßen las­sen, lie­ber als je­ne, die ei­ne glatt­ge­bürs­te­te Main­stream-Um­set­zung an­bie­ten. Der Er­fah­rungs­pro­zess lässt sich nun ein­mal nicht be­schleu­ni­gen. Als ich Ver­dis Fal­staff vor vie­len Jah­ren zum ers­ten Mal di­ri­gie­ren durf­te, ver­senk­te ich mich in den Au­to­gra­fen. Ich hat­te mich in die Idee ver­liebt, das Ori­gi­nal zum Er­klin­gen zu brin­gen und spä­te­re Kor­rek­tu­ren und Re­tu­schen Ver­dis be­wusst aus­zu­klam­mern. Was soll ich sa­gen? Nach und nach muss­te ich fest­stel­len, dass Ver­di schon ge­wusst hat­te, was er tat. Je­de sei­ner Ver­än­de­run­gen war ei­ne ein­deu­ti­ge Ver­bes­se­rung des Vor­her­ge­hen­den. Mein et­was fun­da­men­ta­lis­ti­scher Um­weg war aber den­noch wich­tig, weil ich das War­um hin­ter der Kom­po­si­ti­on auf die­se Wei­se erst rich­tig er­grün­den konn­te.

»Geht man ei­ne künst­le­ri­sche Be­zie­hung zu ei­nem Stück ein, ge­hört zur Er­fah­rungs-Ak­qui­rie­rung üb­ri­gens auch ei­ne ge­wis­se For­scher­tä­tig­keit da­zu. Wenn ich et­wa Pou­lencs Dia­lo­gues des Car­mé­li­tes ma­chen möch­te, bringt es wohl we­nig, mich un­ter ei­ne Guil­lo­ti­ne zu le­gen, um mir die Angst der ein­zel­nen Non­nen vor­zu­stel­len, die am En­de die­ser Oper hin­ge­rich­tet wer­den.«

Aber ich muss mich his­to­risch in­for­mie­ren, muss wis­sen, wie es da­mals ge­sell­schafts­po­li­tisch aus­sah, die Vor­la­gen und Be­ge­ben­hei­ten ken­nen, die dem Su­jet zu­grun­de la­gen. Ich ha­be zu wis­sen, ob und wo sich der Kom­po­nist in dem Stoff wie­der­fand be­zie­hungs­wei­se wel­che per­sön­li­chen Er­leb­nis­se und Mei­nun­gen der Schöp­fer ein­ge­flos­sen sind. Ich wer­de al­so zu mei­nem ei­ge­nen Dra­ma­tur­gen, der mir je­nes Wis­sen ver­schafft, das hin­ter den No­ten ver­bor­gen ist.

Zum Ab­schluss noch ein klei­ner Aus­flug un­ter den Mee­res­spie­gel: Ich bin pas­sio­nier­ter Tau­cher. Die­ses Hob­by be­gann ich vor un­ge­fähr zwan­zig Jah­ren auf Wunsch mei­ner Toch­ter, um mit ihr ge­mein­sam die rät­sel­haft-schö­ne Welt der Se­en und Ozea­ne er­kun­den zu kön­nen. Zu ei­nem der dies­be­züg­li­chen Hö­he­punk­te ge­riet ein Tauch­gang vor der Küs­te Me­xi­kos. Un­ser Leh­rer hat­te ei­nen Ort ge­wählt, der re­gel­mä­ßig von (träch­ti­gen und da­her im Prin­zip un­ge­fähr­li­chen) Hai­en auf­ge­sucht wird und als Tauch­at­trak­ti­on gilt. Ich hat­te na­tür­lich, im Ge­gen­satz zu mei­ner Toch­ter, gro­ße Angst, über­wand mich aber, und so harr­ten wir in 25 Me­ter Tie­fe zu dritt aus, bis sich end­lich zu­nächst die Schat­ten der Haie zeig­ten und schließ­lich ein­zel­ne von ih­nen nach und nach im­mer nä­her her­an­schwam­men. Mei­ner Toch­ter und mir war ein­ge­schärft wor­den, kei­ner­lei Be­we­gung zu ma­chen und dar­auf zu ver­trau­en, dass die Haie in uns kei­ne Nah­rungs­quel­le er­bli­cken wür­den. Als dann ei­ner der Haie plötz­lich auf mich zu­steu­er­te und un­mit­tel­bar vor mir ver­harr­te, er­klang in mir, wie auf Knopf­druck, der Be­ginn der Ou­ver­tü­re zu Der flie­gen­de Hol­län­der. Ei­ne Ein­ge­bung oh­ne je­de Vor­war­nung. Pas­send zur (ver­meint­li­chen) Dra­ma­tik des Ge­sche­hens.

Ei­ni­ge Se­kun­den spä­ter dreh­te der Hai ab und ver­schwand – seit­her er­bli­cke ich je­doch, wann im­mer ich den Hol­län­der di­ri­gie­re, bei dem näm­li­chen The­ma vor mei­nem in­ne­ren Au­ge je­nen me­xi­ka­ni­schen Hai. Ich weiß nicht, ob die­se Mee­res­be­geg­nung et­was mit mei­ner In­ter­pre­ta­ti­on ge­tan hat, aber die un­mit­tel­ba­re da­ma­li­ge As­so­zia­ti­on be­weist, wie durch­drun­gen und er­füllt mein ge­sam­tes We­sen von Mu­sik ist und dass es kei­ne Le­bens­la­ge gibt, in der sie sich in mir nicht be­merk­bar macht.

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