Macht der Vergebung

Interview |

Der »Kallirhoe«-Choreograf Alexei Ratmansky im Gespräch

Was hat Sie dazu in­spi­riert, die kom­ple­xe Ge­schich­te des Ro­mans Kal­lir­hoe als Bal­lett zu kre­ie­ren?

Mein ge­sam­tes Schaf­fen als Cho­re­o­graf ist ge­prägt von der Su­che nach Par­ti­tu­ren und Ge­schich­ten. In der Re­gel steht am An­fang die Mu­sik und im Fall von Kal­lir­hoe war es die groß­ar­ti­ge Par­ti­tur zum Bal­lett Ga­ya­neh des ar­me­ni­schen Kom­po­nis­ten Aram Chat­sch­a­tu­ri­an, die mich so­fort fas­zi­niert hat. 

Ich lie­be sei­ne Mu­sik schon lan­ge, doch die ur­sprüng­li­che »so­wje­ti­sche« Hand­lung die­ses Werks er­schien mir un­trag­bar. Was a­ber in die­ser Mu­sik steckt, ist ro­he E­ner­gie, durch­drun­gen von ei­ner al­ten ar­me­ni­schen Tra­di­ti­on, von kraft­vol­ler me­lo­di­scher und rhyth­mi­scher Viel­falt. 

Ent­schei­dend war dann der Hin­weis mei­nes Dra­ma­tur­gen Guil­laume Gal­li­en­ne. Er mach­te mich auf den Ro­man Kal­lir­hoe von Cha­ri­ton von A­phro­di­si­as auf­merk­sam, der als der äl­tes­te voll­stän­dig ü­ber­lie­fer­te Ro­man gilt. Ers­tau­ni­cher­wei­se ist er kaum be­kannt, kaum je­mand hat ihn je ge­le­sen. Ich ha­be ihn stu­diert und schnell fest­ge­stellt, dass er per­fekt ist.

Wa­rum ist die Ge­schich­te heu­te noch re­le­vant?

Trotz der his­to­ri­schen Dis­tanz er­kennt man an Kal­lir­hoe, dass sich grund­le­gen­de mensch­li­che Er­fah­run­gen kaum än­dern. Die po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen der letz­ten zehn Jah­re schei­nen zu zei­gen, dass sich vie­les wie­der­holt, dass Fort­schritt oft il­lu­si­o­när ist und wir nach wie vor Men­schen sind, die von E­mo­ti­o­nen ge­lei­tet wer­den. 

Das Werk macht deut­lich, dass ein Ver­ständ­nis für Gut und Bö­se, für Feh­ler und Ver­ge­bung, im­mer wie­der neu ver­han­delt wer­den muss. Die Fi­gu­ren mö­gen un­ter­schied­li­che Le­bens­um­stän­de ha­ben, doch im Kern sind sie die­sel­ben Men­schen wie wir heu­te und ih­re Ent­schei­dun­gen, ih­re Kon­flik­te und ih­re Ge­füh­le sind von zeit­lo­ser Re­le­vanz.

Was ist das Be­son­de­re an der Ti­tel­fi­gur Kal­lir­hoe?

Es ist die Ge­schich­te von der »schöns­ten Frau der Welt«, die mit der Fra­ge ein­her geht, was das ei­gent­lich be­deu­tet. Zu­nächst wirkt die­se Schön­heit wie ein Ge­schenk der Göt­ter, doch bald wird klar, dass es ei­ne Bür­de ist: Je­der Mann, der Kal­lir­hoe sieht, ver­liebt sich in sie und will sie be­sit­zen. Und den­noch ist sie kei­ne pas­si­ve Fi­gur, son­dern ei­ne au­ßer­ge­wöhn­lich star­ke Frau. 

Trotz al­ler Ge­walt, der Kal­lir­hoe aus­ge­lie­fert ist, trifft sie ih­re ei­ge­nen Ent­schei­dun­gen und steht am En­de vor der Fra­ge, ob sie dem Mann, den sie liebt und der ihr Schlim­mes an­ge­tan hat, ver­gibt – und das tut sie. Für mich ist ge­nau das der Schlüs­sel die­ser Er­zäh­lung: die Ver­ge­bung. 

Ich ha­be viel dar­ü­ber nach­ge­dacht, dass Men­schen heu­te oft kei­ne zwei­te Chan­ce mehr er­hal­ten. Feh­ler der Ver­gan­gen­heit füh­ren zu Aus­gren­zung, un­ab­hän­gig da­von, ob sich je­mand ver­än­dert hat. Doch das Le­ben ist ein Weg, wir sind nicht die­sel­ben in je­dem Sta­di­um un­se­res Da­seins. Feh­ler kön­nen uns et­was leh­ren oder auch nicht, a­ber ich fin­de es wich­tig, im­mer auch die Mög­lich­keit zur Ver­ge­bung in Be­tracht zu zie­hen.

Ihr Werk schöpft aus I­de­en der An­ti­ke. Was be­deu­tet das für Sie?

Mit Kal­lir­hoe tau­che ich in ei­ne Welt ein, die mir sehr am Her­zen liegt. Ich bin von der an­ti­ken grie­chi­schen und rö­mi­schen Kunst be­ses­sen. So war es ei­ne Ge­le­gen­heit für mich, mei­ne Ein­drü­cke, mein Wis­sen und die Bil­der, die ich lie­be, in die­ses Werk ein­zu­brin­gen. 

Auf der an­de­ren Sei­te steht die Ent­de­ckung der Schön­heit durch die Grie­chen – und die grie­chi­sche Äs­the­tik ist die Grund­la­ge des klas­si­schen Tan­zes. Die­ser ent­stand als Wie­der­ge­burt der I­de­en von Har­mo­nie, Pro­por­ti­on, Ge­wicht und Hal­tung, wie sie in den Skulp­tu­ren und Kunst­wer­ken der An­ti­ke zu fin­den sind. 

Auch der Büh­nen- und Kos­tüm­bild­ner Jean-Marc Puis­sant, ein Künst­ler mit gro­ßem Wis­sen und gleich­zei­ti­ger Sen­si­bi­li­tät, hat nach um­fang­rei­chen Re­cher­chen ei­ne Aus­stat­tung ge­schaf­fen, die nicht nur his­to­ri­sche Re­fe­ren­zen mit sich bringt, son­dern zu­gleich zeit­los und le­ben­dig ist.

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