Macht der Vergebung
Interview |
Was hat Sie dazu inspiriert, die komplexe Geschichte des Romans Kallirhoe als Ballett zu kreieren?
Mein gesamtes Schaffen als Choreograf ist geprägt von der Suche nach Partituren und Geschichten. In der Regel steht am Anfang die Musik und im Fall von Kallirhoe war es die großartige Partitur zum Ballett Gayaneh des armenischen Komponisten Aram Chatschaturian, die mich sofort fasziniert hat.
Ich liebe seine Musik schon lange, doch die ursprüngliche »sowjetische« Handlung dieses Werks erschien mir untragbar. Was aber in dieser Musik steckt, ist rohe Energie, durchdrungen von einer alten armenischen Tradition, von kraftvoller melodischer und rhythmischer Vielfalt.
Entscheidend war dann der Hinweis meines Dramaturgen Guillaume Gallienne. Er machte mich auf den Roman Kallirhoe von Chariton von Aphrodisias aufmerksam, der als der älteste vollständig überlieferte Roman gilt. Erstaunicherweise ist er kaum bekannt, kaum jemand hat ihn je gelesen. Ich habe ihn studiert und schnell festgestellt, dass er perfekt ist.
Warum ist die Geschichte heute noch relevant?
Trotz der historischen Distanz erkennt man an Kallirhoe, dass sich grundlegende menschliche Erfahrungen kaum ändern. Die politischen Entwicklungen der letzten zehn Jahre scheinen zu zeigen, dass sich vieles wiederholt, dass Fortschritt oft illusionär ist und wir nach wie vor Menschen sind, die von Emotionen geleitet werden.
Das Werk macht deutlich, dass ein Verständnis für Gut und Böse, für Fehler und Vergebung, immer wieder neu verhandelt werden muss. Die Figuren mögen unterschiedliche Lebensumstände haben, doch im Kern sind sie dieselben Menschen wie wir heute und ihre Entscheidungen, ihre Konflikte und ihre Gefühle sind von zeitloser Relevanz.
Was ist das Besondere an der Titelfigur Kallirhoe?
Es ist die Geschichte von der »schönsten Frau der Welt«, die mit der Frage einher geht, was das eigentlich bedeutet. Zunächst wirkt diese Schönheit wie ein Geschenk der Götter, doch bald wird klar, dass es eine Bürde ist: Jeder Mann, der Kallirhoe sieht, verliebt sich in sie und will sie besitzen. Und dennoch ist sie keine passive Figur, sondern eine außergewöhnlich starke Frau.
Trotz aller Gewalt, der Kallirhoe ausgeliefert ist, trifft sie ihre eigenen Entscheidungen und steht am Ende vor der Frage, ob sie dem Mann, den sie liebt und der ihr Schlimmes angetan hat, vergibt – und das tut sie. Für mich ist genau das der Schlüssel dieser Erzählung: die Vergebung.
Ich habe viel darüber nachgedacht, dass Menschen heute oft keine zweite Chance mehr erhalten. Fehler der Vergangenheit führen zu Ausgrenzung, unabhängig davon, ob sich jemand verändert hat. Doch das Leben ist ein Weg, wir sind nicht dieselben in jedem Stadium unseres Daseins. Fehler können uns etwas lehren oder auch nicht, aber ich finde es wichtig, immer auch die Möglichkeit zur Vergebung in Betracht zu ziehen.
Ihr Werk schöpft aus Ideen der Antike. Was bedeutet das für Sie?
Mit Kallirhoe tauche ich in eine Welt ein, die mir sehr am Herzen liegt. Ich bin von der antiken griechischen und römischen Kunst besessen. So war es eine Gelegenheit für mich, meine Eindrücke, mein Wissen und die Bilder, die ich liebe, in dieses Werk einzubringen.
Auf der anderen Seite steht die Entdeckung der Schönheit durch die Griechen – und die griechische Ästhetik ist die Grundlage des klassischen Tanzes. Dieser entstand als Wiedergeburt der Ideen von Harmonie, Proportion, Gewicht und Haltung, wie sie in den Skulpturen und Kunstwerken der Antike zu finden sind.
Auch der Bühnen- und Kostümbildner Jean-Marc Puissant, ein Künstler mit großem Wissen und gleichzeitiger Sensibilität, hat nach umfangreichen Recherchen eine Ausstattung geschaffen, die nicht nur historische Referenzen mit sich bringt, sondern zugleich zeitlos und lebendig ist.