Wiener Staatsoper Repertoire

»›Symphony in Three Movements‹ ist eines von Balanchines typischen Black and White-Balletten – Trainingskleidung, zeitgenössische Musik, kantige Bewegungen –, nur, dass dieses schwarz, weiß und pink ist. Genaugenommen: drei Schattierungen von Pink.«  Nancy Goldner

»In ›Sinfonie Nr. 15‹ möchte ich Musik und Tanz musizierend und tanzend sich in der Essenz begegnen lassen, ein kraftvolles Ballett kreieren.« Martin Schläpfer

 

Drei Meister des zeitgenössischen Balletts an einem Abend: »Symphony in Three Movements« ist ein vollendetes Beispiel für George Balanchines elegante Virtuosität, Alexei Ratmansky bringt mit großer Natürlichkeit die Formen des klassischen Balletts zu neuem Leuchten und Martin Schläpfer gewinnt aus Schostakowitschs letzter Symphonie Nr. 15 seine Energien, Imaginationen und Bewegungsimpulse für ein neues Werk für das Wiener Staatsballett.

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»Ich erlaubte mir, in das Stück meinen eigenen Grad von Verrücktheit einzubauen, aber trotzdem eröffnet es eine tiefere Ebene: In den kurzen Anekdoten gibt es keine Gewinner, alle versuchen etwas Außerordentliches zu tun, alle werden aber besiegt von den Umständen.« Jerome Robbins über »The Concert«

 

Ein Tanzfest der amerikanischen Neoklassik! Für »Glass Pieces« ließ sich Jerome Robbins von den Energien urbanen Lebens und dem Post Modern Dance inspirieren, »The Concert« ist dagegen eine ebenso irrwitzige wie komische Folge von Pannen und Slapstick-artigen Nummern. Dazwischen mit »Duo Concertant« und »A Suite of Dances« zwei intime Kammerspiele, raffinierte Dialoge zwischen Tanz und Musik.

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»Crankos Stücke sind äußerst theatralisch, hochmusikalisch und treffen immer Mitten ins Herz.« Reid Anderson

 

Rastloser Dandy erkennt zu spät seine große Liebe. Zerrissene Briefe. Zerstörte Leben. Mit seiner Adaption von Puschkins Versroman schuf John Cranko ein Meisterwerk des Erzählballetts. Die Partitur kombiniert verschiedene Werke Piotr I. Tschaikowskis, es erklingt jedoch kein einziger Takt aus dessen Oper »Eugen Onegin«.

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»In der Gegend von Sillein herrscht der Volksglaube, dass die Seelen der nach der Verlobung gestorbenen Bräute keiner Ruhe genießen, sondern zu nächtigem Umherschweifen genötigt sind, wo sie zur Zeit des Neumondes Rundtänze halten und schaurige Lieder singen. Werden sie eines Mannes ansichtig, so muss er so lang mit ihnen tanzen, bis er todt ist.« Therese von Ardtner: Der Willi-Tanz (Wien 1822)

 

Das Ballett der Romantik mit seiner Faszination für Feen, Elfen, Sylphiden und andere Geisterwesen, verkörpert von auf Spitze schwebenden Ballerinen in zarten Tutus, fand in »Giselle« seinen Höhepunkt – mit dem Wiener Staatsballett zu erleben in einer 1993 von Elena Tschernischova für Wien geschaffenen Fassung: »Das Sujet ist ein Glücksfall für das Theater: voll natürlichen Lebens und einer geheimnisvollen überirdischen Welt. Liebe, Treue, Tod, Verrat, hier gibt es alles, was die Menschheit bewegt«, so die Choreographin.

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»Die Hauptperson des Balletts ist der Prinz, nicht der Schwan. ›Schwanensee‹ ist der Traum von der idealen Frau, der Versuch, das Ideal mit der Realität zu verquicken, der schließlich zur Katastrophe führt.« Rudolf Nurejew

 

Für Piotr I. Tschaikowski geriet die Moskauer Uraufführung seines »Schwanensees« 1877 zu einem desaströsen Misserfolg. Erst 1895, zwei Jahre nach dem Tod des Komponisten, schufen Marius Petipa und Lew Iwanow jene St. Petersburger Inszenierung, welche die traurige Geschichte des Prinzen Siegfried, der sich in die Schwanenfrau Odette verliebt, aber durch einen Betrug seinen Treueschwur bricht, zum berühmtesten Ballett aller Zeiten werden ließ. Auch Rudolf Nurejew diente diese für seine Wiener Choreographie 1964 als Ausgangspunkt.


Was uns der Tanz erzählt: Eine Gefühlserschütterung namens Liebe

von Andrea Amort

Die großen Tanzdramen »Giselle«, »Schwanensee« und »Onegin« bereichern das Repertoire in Martin Schläpfers zweiter Spielzeit. (…) Drei große Tanztragödien, die in ihrer unterschiedlichen Machart auf dramatische Weise von unerfüllten Sehnsüchten nur so bersten. In keinem der drei abendfüllenden Ballette erfüllt sich die Fantasie von dauerhaften glühenden Beziehungen. Sie lassen sich nicht herbei schwören und schon gar nicht erzwingen. Das jeweils theatralische intensiv ausgelebte Schicksal belehrt Frauen und Männer eines Besseren, wenn auch deutlich aus der Sicht männlicher Interpretation. Darin finden sich Standesdünkel ebenso wie schlichter Betrug, Eitelkeit, Eifersucht, die Hoffnung auf verzeihende Frauen und Rettungsengel sowie Dimensionen menschlicher Ohnmacht angesichts der großen Gefühlserschütterung namens Liebe.

Die großen zeitlosen Emotionen kommen angesichts der tradierten Wiener Produktionen, in geschichtsträchtigen Bildern, eingeführt, angetrieben und befördert von Musik, auf der Bühne daher. »Schwanensee« (Piotr I. Tschaikowski) hatte in der Fassung von Rudolf Nurejew 1964 Premiere, »Giselle« (Adolphe Adam) von Elena Tschernischova folgte 1993, »Onegin« (Piotr I. Tschaikowski / Kurt-Heinz Stolze) wurde in der Fassung John Crankos vom Stuttgarter Ballett 2006 ins Repertoire übernommen. Sie weisen durch ihr Konzept, ihre Dramaturgie und die Art der Tanzregie, aber auch des Einsatzes der musikalischen Komposition, die jeweils zum Synonym des Bühnenstücks geworden ist, auf ihre Verbundenheit mit der Choreographie- und Inszenierungsgeschichte des 19. Jahrhunderts hin: Akademischer Tanz, Charaktertanz, Schauspiel, geformt an Vorlagen, in eindeutigen Szenen arrangiert über mehrere Akte, meist auf die stimmungsvolle Wirkung großer einheitlicher Ensembleszenen setzend.

Die Leidenschaft einer Giselle, eines Albrecht, einer Odette, eines Siegfried, einer Tatjana, eines Onegin erreicht Zeitgenoss*innen dann, wenn sich der Einsatz von Schauspiellust, die mitunter mehr der spezifischen Ballett-Pantomime oder dem ganzkörperlichen Ausdruck im Tanz geschuldet ist, individualistisch im Zusammenklang mit der Musik entfaltet. Zweifellos ist die choreographische Handschrift Crankos einer mehrschichtigen psychologischen Ausdeutung seiner Figuren näher als Gestaltungen, die ganz bewusst auf einflussreiche Vorbilder setzen wie das etwa Elena Tschernischova in ihrer »Giselle« tat. Rudolf Nurejew, gerade einmal 25, ging in seiner Wiener Inszenierung des »Schwanensee« weit über das Verwenden russisch-sowjetischer Versatzstücke hinaus und rückte Siegfried in die Nähe eines existentialistischen Eigenbrötlers, der im lyrischen vierten Akt in einem schmerzvollen Duo mit Odette auch Abschied von seiner Vermessenheit nimmt, sie gewinnen zu können.

Trotzdem scheint so manche dramatische Handlung in der Hochzeit des klassischen Erzählballetts im 19. Jahrhundert einprägsamer Vorwand für die Kreation berauschenden, auch virtuosen Tanzes gewesen zu sein. Bei allem Hang zur Aktualisierung von Klassikern: Was wäre »Giselle«  ohne die Wahnsinnsszene im ersten Akt, ohne den ätherisch-magischen Auftritt aus dem Grab? Was wäre ein »Schwanensee« ohne die weißen Duette und Soli der Protagonist*innen, ohne den verschwörerischen »Schwarzen Schwan-Pas de deux«, ohne die Wirkung des großen Schwäne-Ensembles?

Das Vermögen des (klassischen) Tanzes in seiner Artikulationsvielfalt ein Maximum an Ausdruck und Eindruck zu erreichen, ohne einem linearen Libretto wohl aber choreographischer und musikalischer Intention zu folgen, stellt einen Reichtum an sich dar. In diesem Sinne erzählt uns absichtsvoller Tanz, mag er noch so »handlungslos« sein, immer von sich, von Stimmungen und Bewegtheit, vom Menschen, von der Conditio humana.

Wie sehr die aktuelle Gender-Debatte den Umgang mit den Klassikern des Balletts auf großen traditionsreichen Bühnen beeinflussen und verändern wird, beobachten wir gerade. Heute diskutieren Staatsballette international Themen wie Diversität, Body Positivity und White facing. Die Veränderungen in der gesellschaftspolitischen Realität durchlöchern immer wieder fest gezurrte Wertvorstellungen: der klassische Bühnentanz im (steten) Wandel.

Die ungekürzte Version dieses Essays finden Sie in unserem Saisonbuch 2021/22.

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»Mir war es wichtig, den Prozess zu zeigen, was während des Tanzens mit einem Menschen geschieht. Auch wenn es ganz einfache Bewegungen und Gesten sind – Haare, Arm, Hand, Füße –, so nah ist das Publikum sonst nie, selbst mit einem Opernglas nicht. Das ist nur mit der Kamera möglich.« Hans van Manen

»Es geht eine göttlich heitere und tief traurige Melodie durch das Ganze, dass ihr dabei nur lachen und weinen werdet.« Gustav Mahler über seine 4. Symphonie

 

Hans van Manens Videoballett »Live« ist ein Ikone der Tanzgeschichte: ein intimes Ausloten von Mechanismen der Wahrnehmung für eine Ballerina, einen Danseur Noble, einen Kameramann und eine Pianistin. Martin Schläpfer ließ sich dagegen von Mahlers 4. Symphonie zu einem großen tänzerischen Welttheater über die Sehnsüchte und Verlorenheiten, Träume und Verwerfungen des modernen Menschen inspirieren.

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