3. Krieg & Wiederaufbau

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Weiterführende Informationen:

Der Anschluss und die Folgen

Die Folgen der nationalsozialistischen Machtergreifung sind im Haus am Ring katastrophal. Bereits unmittelbar nach dem 13. März 1938 folgen erste Entlassungen, systematisch werden jüdische und politisch Andersdenkende ausgegrenzt verfolgt, vertrieben und ermordet. Nicht nur große Teile der künstlerische Spitze der Staatsoper, sondern der gesamte Betrieb – von der Bühnentechnik bis zur Direktionsetage – sind betroffen. Protegés und NS-Künstler nehmen zum Teil ihren Platz ein. Werke jüdischer Komponisten und Librettisten werden verboten, KdF-Vorstellungen erzwungen und Eingriffe in die Spielplangestaltung sind an der Tagesordnung. Die künstlerischen Folgen sind für das Haus am Ring verheerend.

Unmittelbar nach dem sogenannten Anschluss 1938 werden mit pervertierter Gründlichkeit Listen mit Namen von Künstlerinne und Künstlern sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses in Umlauf gebracht, die sofortig beurlaubt, gekündigt oder zwangspensioniert werden. Die unmenschliche Verfolgung nimmt ihren Lauf.

 

Verbote

Die Zerstörung durch das Regimes betrifft alle Bereiche: Auch zahlreiche Werke werden verboten und dürfen nicht mehr gespielt werden, wie zum Beispiel: Wozzeck, Les Contes dHoffmann, Die tote Stadt, La Juive, Das Wunder der Heliane, Eine florentinische Tragöde, Violanta, Die Königin von Saba und viele mehr.

Andere hingegen waren auf höheren Befehl ins Repertoire aufzunehmen: So muss etwa die Oper Königsballade des Komponisten und Dirigenten Rudolf Wille, der unter anderem Chorwerke wie Musik zur Morgenfeier der SS verfasste, im Haus am Ring uraufgeführt werden. Mangels Publikumszuspruch bleibt es allerdings bei nur vier Vorstellungen.

Skurriler Weise kommt es knapp vor dem Zweiten Weltkrieg an der Wiener Staatsoper am 10. Juni 1939 zur Erstaufführung von Strauss’ Friedenstag. Der Vorstellung wohnt auch Adolf Hitler bei. Einer der Sänger schreibt auf seinen, aus dem Staatsopernarchiv ausgeborgten Klavierauszug der Oper das Wort Krieg.

 

Die letzten Vorstellungen

Da der reguläre Vorstellungsbetrieb wegen der Theatersperre im Zuge des totalen Krieges mit 30. Juni 1944 auch an der Wiener Staatsoper eingestellt wird, liest man immer wieder, dass die letzte Aufführung vor der Zerstörung des Hauses Wagners Götterdämmerung gegolten hätte. In Wahrheit finden bis Anfang 1945 weiterhin immer wieder einzelne Vorstellungen statt. Die definitiv letzte Aufführung im alten Haus ist jene von Flotows Martha am 5. Jänner 1945.

 

Zerstörung und Wiedereröffnung

Am 12. März 1945 erleidet die Wiener Staatsoper einige Bombentreffer: Bühne, Werkstätten, Probesäle sowie der gesamte Zuschauerraum werden zerstört. Zehn Jahre wird es dauern, bis das Haus am Ring wieder aufgebaut und der Vorstellungsbetrieb wieder aufgenommen werden kann. In der Zwischenzeit spielt die Wiener Staatsoper in den Ausweichquartieren Theater an der Wien und Volksoper.


Direktor der Stunde Null

Bereits wenige Tage nach Kriegsende kann der Betrieb im Ausweichquartier Volksoper wieder aufgenommen werden – als interimistischer Direktor fungiert ab dem 27. April 1945 der Sänger und Regisseur Alfred Jerger, der dem Ensemble des Hauses angehört und eine Vielzahl von Rollen verkörpert hatte (bislang der einzige Direktor in der Geschichte der Staatsoper, der vom Ensemble des Hauses gewählt und nicht von einem politischen Entscheidungsträger bestellt wird). Er organisiert den Vorstellungsbetrieb der ersten drei Monate (man spielt den ganzen Sommer hindurch) und erstellt somit auch den ersten Aufführungsplan.

 

Feierliche Wiedereröffnung

Für die Wiederöffnung der wiederhergestellten Wiener Staatsoper bereitet Karl Böhm (seit 1. September 1954 Operndirektor) ein glanzvolles Opernfest vor, in dessen Rahmen innerhalb von nur vier Wochen acht Premieren über die Bühne gehen sollten. Mit Karl Böhm stand an diesem Abend zugleich der letzte Direktor des Hauses in der NS-Zeit und der erste Direktor der neuen Staatsoper am Pult.
Am Vormittag des 5. Novembers, dem Tag der feierlichen Wiedereröffnung, findet ein Festakt statt. Die Mitglieder der Regierung, angeführt von Bundeskanzler Julius Raab, Vizekanzler Adolf Schärf und Außenminister Leopold Figl, nehmen in der Mittelloge Platz, Bundespräsident Theodor Körner in der linken Proszeniumsloge.
Am Abend bei der Galapremiere von Ludwig van Beethovens Fidelio zeigte sich ein noch viel eindrucksvolleres Bild: zahlreiche Musikenthusiasten und Opernfreundinnen und -freunde versammeln sich vor der Wiener Staatsoper, um aus den Lautsprechern die besonderes Vorstellung mitzuverfolgen.
Ungefähr 40 Rundfunkanstalten aus aller Welt sind angeschlossen, und im Grunde schlägt an diesem 5. November 1955 auch die Geburtsstunde des noch jungen Österreichischen Fernsehens.


Quelle: Láng Andreas, Láng Oliver, Graber Peter, Frey Iris, Chronik der Wiener Staatsoper – 150 Jahre Haus am Ring, Hrsg: Wiener Staatsopern GmbH, Opernring 2, 1010 Wien, 2020.