10A. »Tanzbild«

Ein großer österreichischer Maler kehrt in dieser Saison an die Wiener Staatsoper zurück: Ein »Tanzbild« von Franz Grabmayr, entstanden 1983 (Acryl auf Leinwand, 200 x 298 cm), hat als Leihgabe seiner Erben eine neue temporäre Heimat gefunden und hängt nun in der Direktion des Hauses am Ring.

Den Kärntner Franz Grabmayr (1927–2015) verband eine besondere Beziehung mit der Staatsoper: Im Winter, wenn Grabmayr in Wien war, zeichnete und malte er hier jahrelang jeden Vormittag in einem Ballettsaal. Abends, während der Aufführungen, arbeitete er manchmal auf dem Boden kniend in einer der sogenannten »Gassen« auf der Bühne – das sind jene nicht einsehbaren Gänge, durch welche die seitlichen Auf- und Abtritte erfolgen –, während die Bühnenarbeiter die nassen Blätter zum Trocknen trugen. Eine ungewöhnliche Malsituation, die er mit Erlaubnis der Direktion bis 1982 beibehielt. Neben Edgar Degas war Franz Grabmayr somit der einzige Künstler, der in einem Opernhaus malte.

Erste »Tanzbilder« entstanden schon Ende der 1960er-Jahre an der Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz : Eine Pantomime hatte Grabmayr für die Dynamik und Ausdruckskraft des bewegten Körpers begeistert. Weitere »Tanzbilder«, bewegte hochdynamische Kompositionen beim Ballett-Training, folgten ab 1972. Nach und nach kamen die Tänzerinnen auch zu ihm ins Atelier.
»Die Malerei von Franz Grabmayr ist – vergleichbar dem Oeuvre eines Frank Auerbach oder Eugène Leroy, eines der großen, in seiner Bedeutung noch nicht völlig ins öffentliche Bewusstsein getretenen Werk der Epoche vom Abstraktem Expressionismus über die abstrakte Malerei der Nachkriegszeit bis hin zur Postmoderne. In den 1980er-Jahren wurde Franz Grabmayr zum Vorbild der Neuen Wilden im deutschsprachigen Raum, hielt sich jedoch vom Ausstellungsgeschehen weitgehend fern und blieb so einem breiteren Publikum unbekannt.« (Quelle: Robert Fleck, Caro Wiesauer anlässlich einer Publikation zu Franz Grabmayr 2017)

Staatsoperndirektor Bogdan Roscic: »Lord Duveen, der Operndirektor unter den Kunsthändlern, soll vor einem Bild von Turner gesagt haben: ‚If I owned that picture, I should want nothing else in this world‘. Das beschreibt ganz gut das Privileg, diese atemberaubende Arbeit von Grabmayr in der Oper sehen und ihr täglich nahe sein zu können. Dass es sich dabei auch noch um eine Art Heimkehr für eine unvergleichlich freie, wilde, von keiner Schule oder Gruppe zu vereinnahmende Figur der österreichischen Malerei nach 1945 handelt, vertieft das Erlebnis. Da die Arbeit leider nicht in einem öffentlichen Bereich hängen kann, haben wir sie nun virtuell zu einem Teil unseres Kunst- und Architektur-Rundgangs gemacht. Eine im Gustav-Mahler-Saal präsentierte Informationstafel erinnert an Grabmayr und führt über einen QR-Code zu dem online in hoher Auflösung ausgestellten Werk. Die Staatsoper dankt den Erben von Franz Grabmayr, die diese Rückkehr ermöglicht haben, für ihre großzügige Leihgabe.«