Architektur

Betrachtet man das Gebäude vom Opernring aus, also von seiner Vorderfront her, so hat man jenen historischen Teil vor sich, der vom ursprünglichen Bau von 1869 erhalten geblieben ist. Die Fassaden sind im Renaissance-Bogenstil gehalten, die Loggia der Ringstraßenseite soll den öffentlichen Charakter des Gebäudes unterstreichen.

Die beiden Reiterdarstellungen über der Hauptfassade der Loggia wurden erst 1876 aufgestellt. Sie wurden von Ernst Julius Hähnel geschaffen und stellen zwei geflügelte Pferde dar, die von der Harmonie und der Muse der Poesie (Erato) geführt werden.

Ebenfalls von Hähnel stammen die fünf Bronzestatuen (von links nach rechts: Heroismus, Melpomene, Phantasie, Thalia und Liebe) die auf Podesten in den Arkadenbögen der Loggia stehen.

Rechts und links des Hauses befinden sich die beiden alten Brunnen von Josef Gasser. Sie stellen gegensätzliche Welten dar. Links: »Musik, Tanz, Freude, Leichtsinn«, rechts: »Loreley, Trauer, Liebe, Rache«.

Der hintere Teil des zweiteiligen Baus, ist deutlich breiter und enthält die Bühne und die dazugehörigen Räumlichkeiten, der schmälere Vorderteil enthält das Auditorium und dem Publikum zugängliche Nebenräume. Bemerkenswert sind die unterschiedlichen Dachformen: das allseitig gewölbte Dach über dem alle Nebenräume überragenden Kernbau der Anlage, bestehend aus Auditorium und Bühne, die Walmdächer der Quertrakte, die Satteldächer der zweigeschossigen Verbindungsbauten zwischen den Quertrakten und die französische Dächer der Ecktürme.

Die senkrecht auf den Haupttrakt stehenden Querflügel dienten ursprünglich als Wagenvorfahrten. An den Quertraktfronten findet man die Wappendarstellungen der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Betritt man durch eine der Türen der Hauptfront das Kassenvestibül, das in seiner ursprünglichen Form erhalten geblieben ist, so gewinnt man einen unmittelbaren Eindruck vom Interieur des alten Opernhauses. In der ursprünglichen Form erhalten blieben die ganze Hauptfront und mit ihr das Hauptvestibül, die zentrale Treppenanlage (deren unterer Teil auch »Feststiege« genannt wird), Schwindfoyer und Loggia sowie der Teesalon im ersten Stock. Auf dem ersten Absatz der Feststiege, seitlich vom zentralen Eingang zu den Parterrelogen, sind die Porträts der beiden Erbauer August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll angebracht: zwei Medaillons, entworfen von dem Bildhauer Josef Cesar. Darüber sieht man zwei Hochreliefdarstellungen von Johann Preleuthner, die »Ballett« und »Oper« symbolisieren. Eine besondere Zierde des Treppenhauses ist das Deckengemälde »Fortuna, ihre Gaben streuend« nach einem Entwurf von Franz Dobiaschofsky. Von ihm stammen auch die drei in den Rundbögen befindlichen Wandgemälde auf Leinwand, die Ballett, komische und tragische Oper darstellen. Die sieben von Josef Gasser gestalteten allegorischen Statuen stellen die sieben freien Künste (Baukunst, Bildhauerei, Dichtkunst, Tanz, Tonkunst, Schauspiel und Malerei) dar.

Das Prunkstück des historischen Traktes ist der Teesalon (vormals Kaisersalon), der sich zwischen Feststiege und Mittelloge befindet. Die einstige Hoffestloge war, ebenso wie der dazugehörige Teesalon, dem Hof vorbehalten. Das Deckengemälde von Karl Madjera (»Die Musik auf Adlerschwingen«) mit den Darstellungen von lyrischer und tragischer Musik zu den Seiten, ist in frischen Farben erhalten. Decke und Wände zieren 22karätiges Blattgold. Weiters zu sehen sind Bildhauerarbeiten von August La Ligne, Wandstickereien aus dem Atelier Giani und Tapisserien mit den Initialen Franz Josephs I.

Die Pausensäle der Staatsoper umrahmen das Haupttreppenhaus mit einer rund 120 Meter langen Kette zusammenhängender Räume. Rechts vom Stiegenhaus erstreckt sich der sogenannte Gustav Mahler-Saal, der bis Mai 1997 den Namen Gobelinsaal trug, benannt nach den von Rudolf Eisenmenger entworfenen Gobelins mit Motiven aus Mozarts »Zauberflöte«, die seine Wände zieren. In diesem Raum hatte sich bis 1944 die Direktionskanzlei befunden, hier amtierten alle Direktoren von Dingelstedt bis Karl Böhm. 100 Jahre nach Gustav Mahlers Dirigentendebüt an der Hofoper (11. Mai 1897), dem wenig später seine Bestellung zum Direktor folgte, wurde der Raum nach ihm benannt. Seitdem ziert auch ein Porträt des Künstlers von R. B. Kitaj die Stelle, an der einst Mahlers Arbeitszimmer lag. Ein Mauerdurchbruch schuf die unmittelbare Verbindung zwischen Gustav Mahler-Saal und dem original erhalten gebliebenen Foyer (in früheren Zeiten »Promenadensaal«). Sechzehn Ölgemälden nach Kartons von Moritz von Schwind verdankt dieser prachtvolle Saal auch seinen Beinamen »Schwindfoyer«. Die Gemälde stellen einstmals bekannte, heute zum Teil kaum mehr gespielte Werke des Opernrepertoires sowie ein Konzertstück dar. In der Loggia findet man den von Moritz von Schwind gemalten Zauberflöten-Zyklus.

Das Bühnenhaus wurde im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Kriege innerhalb der bestehenden Grundmauern neuerrichtet. Hier wurde ausreichend Platz für Probensäle geschaffen, an denen ein empfindlicher Mangel geherrscht hatte. Weiters brachte man hier nebst einer Theaterkantine auch die aus dem Zuschauerhaus ausgelagerten Direktionsräume mit allen administrativen Nebenräumen unter. Die meisten Räumlichkeiten, einschließlich der Künstlergarderoben, sind mit einer Lautsprecher- und einer Videomonitor-Anlage ausgestattet, die es erlauben, das Bühnengeschehen laufend zu verfolgen.

In den Sommermonaten 1991 bis 1993 sowie in einer längeren Schließzeit von Juli bis Mitte Dezember 1994 wurde die Wiener Staatsoper umfangreichen Erneuerungsarbeiten unterzogen. Auf den neuesten technischen Stand gebracht, ermöglichen seither die hydraulisch betriebenen Hubpodien und neue elektromechanische Prospektaufzüge einen noch präziseren und störungsfreien Bühnenbetrieb. Die Elektroanspeisung der Staatsoper, die bis dahin über die Hofburg erfolgt war, ist seit dem Umbau zwei Umspannwerken anvertraut. Während diese Maßnahmen, ebenso wie neue Heizungs-, Lüftungs-, Brandschutz- und Brandmeldesysteme, für das Publikum unsichtbar blieben, fanden auch im Zuschauerraum Renovierungsarbeiten statt: etwa Malerarbeiten und die Montage einer neuen Logenbestuhlung.

Ebenfalls im Rahmen der Schließzeit wurde ein bis dahin ungenützten Raum unter dem Walmdach der Staatsoper zu einem ein neuen Probensaal ausgebaut. Akustisch so adaptiert, dass er nicht nur für szenische, sondern auch für Orchesterproben nutzbar ist. Am 1. September 1995 wurde dieser Saal seiner Bestimmung übergeben. Sein Name, »Probebühne Eberhard Waechter«, hält das Andenken an den verstorbenen Sänger und Staatsoperndirektor lebendig.

Am 2. November 2004 wurde die größte Probebühne der Wiener Staatsoper in Carlos Kleiber Probebühne umbenannt. Auf diese Weise wird das Andenken an den außergewöhnlichen Dirigenten Carlos Kleiber, der trotz seiner zahlenmäßig eher geringen Auftritte Interpretationsgeschichte geschrieben hat, hochgehalten.

Neben diesen Probensälen besitzt die Staatsoper heute drei Säle für Ensembleproben mit Chor und Orchester sowie den Orgelsaal im 6. Stock. Dieser Raum dient nicht nur dem Probenbetrieb: seinen Namen erhielt er von der großen Orgel mit 2.500 Pfeifen (die Staatsoper ist weltweit das einzige Opernhaus mit einer so großen Pfeifenorgel), deren Klang bei Bedarf in den Zuschauerraum übertragen wird. Auch andere akustische Eindrücke werden live aus dem Orgelsaal zugespielt, so etwa das Hämmern der Ambosse in Wagners »Rheingold«. Weiters verfügt die Staatsoper über zehn akustisch isolierte Soloübungsräume sowie einen großen und einen kleinen Ballettprobensaal.

Die Mittelloge gewährt einen eindrucksvollen Blick auf den hufeisenförmigen Zuschauerraum, der nach dem Zweiten Weltkrieg vollständig neu aufgebaut werden mußte. Erich Boltenstern, Professor der Technischen Hochschule und der Akademie der Bildenden Künste in Wien, wurde aufgrund eines Wettbewerbs mit der Ausführung des Zuschauerraums, der neuen Stiegenaufgänge auf die ehemalige 3. Galerie, sämtlicher Publikumsgarderoben und der Pausenräume in den oberen Rängen betraut; die Architekten Otto Prossinger, Ceno Kosak und Felix Cevela übernahmen die Ausgestaltung der Pausenräume im ersten Rang. Die Grundgestalt des Logentheaters mit drei Logenrängen und zwei offenen Rängen (Balkon und Galerie) nach den Plänen Sicardsburgs und van der Nülls wurde beibehalten.

Der Fassungsraum des Auditoriums beträgt statt wie zuvor 2881 nun 2284 Plätze (davon 1709 Sitz-, 567 Steh-, 4 Rollstuhl- und 4 Begleiterplätze). Die Verringerung der Anzahl ist durch strengere bau- und feuerpolizeiliche Vorschriften bedingt. Die Logenbrüstungen aus Eisenbeton wurden aus akustischen Gründen mit Holz verkleidet (die Akustik des Wiener Opernhauses ist von beispielloser Brillanz). Einige der seitlichen oberen Rangsitze mit eingeschränkter Sicht wurden mit Lampen zum Mitlesen ausgestattet. Die traditionellen Farben Rot-Gold-Elfenbein für das Auditorium wurden übernommen, der große Mittelluster wurde aus Sicherheitsgründen durch einen in die Decke eingebauten Beleuchtungskranz aus Kristallglas ersetzt. Dieser wiegt etwa 3000 Kilogramm und beinhaltet 1100 Glühbirnen. Die Konstruktion hat einen Durchmesser von 7 Metern, ist 5 Meter hoch und bietet Raum für einen Beleuchterstand und Gänge zur Wartung des Lichtkranzes.

Rudolf Eisenmenger gestaltete den eisernen Vorhang, der den Zuschauerraum von der Bühne trennt. Er zeigt ein Motiv aus Glucks Oper Orpheus und Eurydike. Im Frühjahr 1998 wurde museum in progress mit der Realisierung einer Serie von Großbildern - eines pro Saison - für die Staatsoper beauftragt. Die Umsetzung und Fixierung der Bilder erfolgt über ein eigens entwickeltes Verfahren, das sowohl die Erhaltung des Eisenmenger-Bildes als auch eine optimale Qualität des neu zu schaffenden zeitgenössischen Werkes garantiert. Mit der Schaffung eines Museumsraumes in der Wiener Staatsoper entspricht das Traditionsgebäude seiner Verantwortung, gegenüber zeitgenössischen künstlerischen Entwicklungen offen zu sein.

Der Orchestergraben beherbergt allabendlich die Musiker des vielleicht berühmtesten Ensembles der Welt: aus den Mitgliedern des Staatsopernorchesters rekrutieren sich die Wiener Philharmoniker. Der Orchesterraum bietet mit seiner Größe von 123m2 etwa 110 Musikern Platz.

Zur Feuersicherung dienen drei eiserne Vorhänge: die Hauptkurtine, welche die Bühne vom Zuschauerraum trennt, und zwei weitere, die Seiten- und Hinterbühne feuersicher abschließen. Im übrigen wurde schon bei der technischen Konstruktion der neuen Hausteile auf größte Sicherheit hingezielt: die früheren Holzdecken wurden durch Stahlbetondecken ersetzt. Anstelle des einstmaligen Schieferdaches mit Zwischenschindeln aus Holz trat eine feuer-, wasser- und windsichere Kupferhaut auf einer dünnen Eisenbetonschale, womit ein Wunsch des Architekten van der NüIl verspätet in Erfüllung ging.

Für den dreiundzwanzigsten »Eisernen Vorhang« in der Wiener Staatsoper wählte die Jury (Daniel Birnbaum, Hans Ulrich Obrist und seit diesem Jahr auch Bice Curiger) die international renommierte US-amerikanische Künstlerin Carrie Mae Weems aus. Ihr Werk »Queen B (Mary J. Blige)« kann von 7. September 2020 bis Anfang Juni 2021 vom Publikum vor und nach den Aufführungen sowie in den Pausen wahrgenommen werden. 

Anlässlich des Projektes ist im museum in progress eine limitierte und signierte Edition von Carrie Mae Weems erhältlich. Durch ihren Erwerb leisten Kunst- und Opernfreunde einen wichtigen Beitrag zur Fortsetzung der Ausstellungsreihe »Eiserner Vorhang«.

Die Ausstellungsreihe »Eiserner Vorhang« ist ein Projekt von museum in progress in Kooperation mit der Wiener Staatsoper und der Bundestheater-Holding, das 2020 von der Christian Zeller Privatstiftung ermöglicht wird. Mit zusätzlichem Support von der PRIVAT BANK der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, ART for ART und Foto Leutner. Medienpartner: Die Furche. Courtesy: Jack Shainman Gallery.

→ mip.at/projects/eiserner-vorhang

Carrie Mae Weens: »Queen B (Mary J. Blige)« 2020/21
 © Katharina Schiffl

 


ÜBER CARRIE MAE WEEMS

Carrie Mae Weems befragt in ihrer Arbeit die Lebensrealitäten der schwarzen Bevölkerung weit über die USA hinaus. Dabei untersucht sie etwa Beziehungen innerhalb der Familien, kulturelle und gesellschaftliche Identitäten, Repräsentation, Sexismus, politische Systeme und die Konsequenzen von Macht. Im Lauf mehrerer Jahrzehnte hat sie ein reichhaltiges und komplexes Werk geschaffen. Ihre bevorzugten Medien sind Fotografie, Text, Stoff, Ton, digitale Bilder, Installation und Video. 

Aktuell engagiert sich Weems mit ihrer großangelegten Öffentlichkeits-Kampagne »Resist Covid – Take 6!« für die Sensibilisierung der überproportional stark betroffenen schwarzen US-Bevölkerung auf einfache Schutzmaßnahmen gegen eine Ansteckung mit dem Coronavirus. »Carrie Mae Weems war schon immer eine großartige Bilderzeugerin und moralische Kraft, zielstrebig und unbezähmbar.« (Holland Cotter, New York Times)

Carrie Mae Weems (*1953, Portland, Oregon) konnte 2014 als erste afroamerikanische Frau eine Einzelausstellung im Solomon R. Guggenheim Museum in New York realisieren. Ihre zahlreichen Ausstellungen inkludieren unter anderem: Tate Liverpool (2009); Centro Andaluz de Arte Contemporáneo, Sevilla (2010); Palais de Tokyo, Paris (2012); Frist Art Museum, Nashville (2012); Prospect.3, New Orleans Triennale (2014); Triennale di Milano (2015) und Milwaukee Art Museum (2019). Die Künstlerin lebt in Syracuse, New York.


Seit 1998 wurden im Rahmen der Ausstellungsserie die »Eisernen Vorhänge« folgender Künstler/innen verwirklicht: Kara Walker (1998/99), Christine und Irene Hohenbüchler (1999/2000), Matthew Barney (2000/01), Richard Hamilton (2001/02), Giulio Paolini (2002/03), Elmgreen & Dragset (Komische Oper Berlin, 2002/03), Thomas Bayrle (2003/04), Tacita Dean (2004/05), Maria Lassnig (2005/06), Rirkrit Tiravanija (2006/07), Jeff Koons (2007/08), Rosemarie Trockel (2008/09), Franz West (2009/10), Cy Twombly (2010/11), Cerith Wyn Evans (2011/12), David Hockney (2012/13), Oswald Oberhuber (2013/14), Joan Jonas (2014/15), Dominique Gonzalez-Foerster (2015/16 und 2019 in der Opéra de Théâtre Metz), Tauba Auerbach (2016/17), John Baldessari (2017/18), Pierre Alechinsky (2018/19) und Martha Jungwirth (2019/20). 

Die Ausstellungsreihe »Eiserner Vorhang« ist ein Projekt von museum in progress in Kooperation mit der Wiener Staatsoper und der Bundestheater-Holding.

Der Eiserne Vorhang wird 2020 von der Christian Zeller Privatstiftung ermöglicht.

Mit zusätzlichem Support von der PRIVAT BANK der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, ART for ART und Foto Leutner. Medienpartner: Die Furche. Courtesy: Jack Shainman Gallery.

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