George Balanchine, Alexei Ratmansky, Martin Schläpfer

Tänze Bilder Sinfonien

Premiere Ballett

26 Juni 2021

Besetzung | 26.06.2021

Symphony in Three Movements

Musikalische Leitung Robert Reimer
Musik Igor Strawinski
Choreographie George Balanchine
Licht Mark Stanley
Einstudierung Ben Huys
 

Pictures at an Exhibition

Musik Modest Mussorgski
Choreographie Alexei Ratmansky
Kostüme Adeline André
Licht Mark Stanley
Projection Design Wendall K. Harrington nach Wassily Kandinsky
 
Klavier Alina Bercu
 

Sinfonie Nr. 15 (Uraufführung)

Musikalische Leitung Robert Reimer
Musik Dmitri Schostakowitsch
Choreographie Martin Schläpfer
Bühne und Kostüme Keso Dekker
Licht Robert Eisenstein
 

Inhalt

Balanchine – Ratmansky – Schläpfer: Drei Meister des zeitgenössischen Balletts treffen mit Tänzen zu Musik von russischen bzw. sowjetischen Komponisten aufeinander. Verbunden sind sie durch ihre Wurzeln. Die Choreographen durch die Danse d’école als Basis für eine Ballettkunst der Gegenwart; die Komponisten Strawinski, Mussorgski und Schostakowitsch durch die Musikkultur ihrer Heimat, von der aus ihre Wege in so unterschiedliche Richtungen führten.

Modest Mussorgski, der radikalste Vertreter des »Mächtigen Häufleins«, fand 1874 in seinen »Bildern einer Ausstellung« zu überquellender Lebensfülle und visionären Klangbildern. Igor Strawinski, der weltläufige Kosmopolit, der es auf raffinierte Weise verstand, seine musikalischen Gesichter immer wieder zu wechseln, reagierte mit seiner zwischen 1942 und 1945 komponierten »Symphony in Three Movements« auf das Grauen des Zweiten Weltkriegs. Die großen gesellschaftlichen und politischen Fragen des 20. Jahrhunderts spiegeln sich in Dmitri Schostakowitschs Werk – angesiedelt auf dem schmalen Grat zwischen Anbiederung und Anprangern in einem System, das die Freiheit der Kunst nicht respektierte, sondern Kunst als Mittel der Propaganda instrumentalisierte. Die 1972 in Moskau uraufgeführte 15. Symphonie kommt zunächst wie ein heiteres Scherzo daher, doch bald schon kippt der so leichtfüßig scheinende Humor in die Groteske, verwandeln sich fröhliche Fanfaren in Drohkulissen und virtuose Spielfiguren in atemlose Getriebenheit. Wie Leuchtfeuer flackern ihrem Zusammenhang entrissene Zitate anderer Musik in einem musikalischen Klima auf, das sich mit Klängen der Trauer zu einem unter die Haut gehenden Epilog verdichtet.

George Balanchine hatte mit seinem so bedeutenden künstlerischen Partner Strawinski bereits in den 1940er Jahren über die »Symphony in Three Movements« gesprochen. Zur Choreographie des Werkes kam es allerdings erst, als Balanchine 1972 zu Ehren des ein Jahr zuvor verstorbenen Komponisten mit dem New Yorker Stravinsky Festival eine groß angelegte Hommage veranstaltete. Die für diesen Anlass choreographierte »Symphony in Three Movements« ist ein vollendetes Beispiel für Balanchines Kunst: seine elegante Athletik, virtuosen Schrittfolgen und komplexen Formationen im Raum, die ganz aus der Musik abgeleitet sind getreu der Überzeugung »Komponisten kombinieren Noten, Choreographen kombinieren Bewegung«.

Zu den Weltstars des klassischen Tanzes zählt Alexei Ratmansky, der nun erstmals dem Wiener Staatsballett ein Werk anvertraut. Wie für Balanchine führte auch für Ratmansky der Weg von St. Petersburg nach New York, wo er 2009 zum Artist in Residence des American Ballet Theatre ernannt wurde, nachdem er seit 2004 bereits dem Moskauer Bolschoi-Ballett als Direktor zu neuem Glanz verholfen hatte. Sein umfangreiches Œuvre öffnet sich in zwei Richtungen: Auf der einen Seite stehen die auf intensiven Quellenforschungen beruhenden Rekonstruktionsversuche, die den Blick auf die russischen Klassiker des 19. Jahrhunderts zurechtrücken. Auf der anderen Seite ist Ratmansky ein äußerst kreativer Kopf. Zu seinen eigenen Werken zählen die 2014 mit dem New York City Ballet uraufgeführten »Pictures at an Exhibition«. Im Design von Wendall K. Harrington, das mit Wassily Kandinskys Farbstudie »Quadrate und konzentrische Ringe« ein Werk des russischen Pioniers der Abstraktion lebendig werden lässt, bringen zehn Tänzerinnen und Tänzer mit großer Natürlichkeit die Formen, Schritte und Positionen des klassischen Balletts zu neuem Leuchten.

»Jeder Tanzabend gehört auch der Musik, und ich will große Aufgaben für dieses große Orchester der Wiener Staatsoper.« Mit diesen Worten begründete Martin Schläpfer die Wahl von Schostakowitschs 15. Symphonie, zu der er mit seinem Ensemble nach der Uraufführung »4« erneut in einen intensiven kreativen Prozess eintaucht. Für ihn selber geht es dabei aber auch um ein weiteres Befragen, welche Energien, Imaginationen und Bewegungsimpulse sich aus Schostakowitschs Musik schöpfen lassen. Viele Monate vor Beginn der Arbeit drängen sich Martin Schläpfer dabei Assoziationen auf wie »geheimnisvoll sich anschleichend, überall und nirgends, unnahbar, unergründbar, fliehend, springend, nicht zähmbar«. Mit einer Musik, die nicht nur Schlusspunkt eines großen symphonischen Œuvres, sondern auch Zusammenfassung eines ganzen Lebens ist – mit all seinem Glück und seiner Trauer, seinen Hoffnungen und Verwerfungen, seiner Leichtigkeit und seinem Ausgesetztsein – schaffen sie Grundimpulse für ein neues Tanzstück, das die Künstler des Wiener Staatsballetts, und damit den Menschen, ins Zentrum rückt.