Mahler, Live

Choreographie Hans van Manen, Martin Schläpfer

Besetzung 29.12.2020

LIVE

Komponist Franz Liszt
Choreographie Hans van Manen
Video Balázs Delbó
Kostüme Keso Dekker
Licht und Produktionsleitung Bert Dahlhuysen
Einstudierung Rachel Beaujean
Klavier Schaghajegh Nosrati

4 (Uraufführung)

Musikalische Leitung Ramón Tebar
Komponist Gustav Mahler
Choreographie Martin Schläpfer
Bühne Florian Etti
Kostüme Catherine Voeffray
Licht Thomas Diek

Inhalt

Eine Frau allein auf der großen Bühne, mit dem Rücken uns zugewandt. Sie trägt ein leuchtend rotes Kleid und Spitzenschuhe. Auf ihre Füße ist eine auf dem Boden liegende Kamera gerichtet. Ein Mann kommt dazu. Er hebt die Kamera auf und lässt sie über uns – die Zuschauer – schweifen. Riesengroß auf eine Leinwand geworfen, sind wir es, die sich unerwarteter Weise als Protagonisten in jenem Vexierspiel wiederfinden, das Hans van Manen im ersten Videoballett der Tanzgeschichte entwirft: ein raffiniertes Ausloten von Perspektiven, Distanz und Nähe. Kein anderes Werk aus dieser Zeit spielt derart meisterhaft mit den Mechanismen der Wahrnehmung und öffnet zugleich den Raum – wenn nämlich die Tänzerin, von der wir zunächst nur den Rücken sehen, während sie uns von der Leinwand anschaut, gegen Ende des Stücks die Bühne verlässt, im Foyer der Wiener Staatsoper einen Danseur Noble zum Pas de deux trifft und schließlich in die Wiener Nacht enteilt.

Hans van Manen, 1932 im holländischen Nieuwer-Amstel geboren, zählt mit seiner einzigartigen Ästhetik zu jenen stilprägenden Tanzschöpfern der Moderne, die einen immer wieder staunen lassen. Seine Choreographie »Live« zu Klaviermusik von Franz Liszt ist eine Ikone der Tanzgeschichte und gehörte bisher ausschließlich der Compagnie, für die Hans van Manen sie 1979 geschaffen hat: Het Nationale Ballet Amsterdam. Für seine erste Premiere in der Wiener Staatsoper vertraut der Niederländer sein Werk nun Martin Schläpfer an und macht damit eine Aufführung durch ein weiteres Ensemble möglich. Eine Eröffnung wie eine Initiation, das Erlebnis eines historischen Werks, das heute aktuell wie damals ist – nicht nur, weil wir Zuschauer selbst Teil des Ganzen sind.

Der intimen, mit nur zwei Tänzern, einem Kameramann und einer Pianistin besetzten Hans van Manen-Miniatur antwortet Martin Schläpfer auf kontrastierende Weise. »Um meinen Einstand als neuer Direktor und Chefchoreograph des Wiener Staatsballetts zu geben, möchte ich kein Risiko scheuen, nach vorne gehen, mit dem gesamten Ensemble und dem großartigen Staatsopernorchester arbeiten und so den tänzerischen und musikalischen Bereich von Beginn an verbrüdern«, erläutert er. Als musikalische Basis seines neuen Werks wählte er sich Gustav Mahlers im Januar 1901 als Abschluss der »Wunderhorn«-Trias vollendete 4. Symphonie – eine Komposition, deren Heiterkeit eine nur scheinbare ist, ist die Idylle doch von Beginn an gestört und auch das Finale mit seinen »himmlischen Freuden« ganz und gar keine transzendierende Vision eines himmlischen Paradieses, sondern vielmehr ein bitterböser Scherz.

Die Musik Gustav Mahlers begleitet Martin Schläpfer seit jungen Jahren und rahmte seine Karriere als Tänzer mit zwei herausragenden Produktionen: 1979 schrieb ihm Heinz Spoerli in seinem Ballett »Wendung« zu Mahlers »Rückert-Liedern« die erste große Hauptrolle auf den Leib; zum Abschluss seiner Solistenlaufbahn tanzte Martin Schläpfer 1989 dann die von Maurice Béjart für Rudolf Nurejew kreierten »Lieder eines fahrenden Gesellen«. Wissend, welch eine Herausforderung es ist, den symphonischen Riesenarchitekturen auf Augenhöhe mit dem Tanz zu begegnen, machte der Choreograph Martin Schläpfer dann viele Jahre einen Bogen um den Komponisten.

Als er sich im Herbst 2013 schließlich entschied, für das Ballett am Rhein Mahlers 7. Symphonie zu choreographieren, entstand ein tänzerisches Welttheater über die Sehnsüchte, Verlorenheiten und Verwerfungen des modernen Menschen, das mit Gastspielen in Taiwan, Moskau, Bilbao, München sowie beim Edinburgh International Festival ein großes Publikum begeisterte. Dass ihn die faszinierenden Klangwelten auf der Schwelle zwischen Romantik und Moderne mit all ihren Brüchen, Auftürmungen, aber auch Entrückungen in traumverlorene Gegenwelten, die der Realität nicht nur diametral entgegengesetzt erscheinen, sondern immer auch gefährdet sind, so schnell nicht wieder loslassen würden, stand für Martin Schläpfer seither fest. Mit der Uraufführung »4« zur 4. Symphonie folgt nun ein weiteres Gustav Mahler-Ballett, erscheint ihm die Partitur »mit ihrer hintergründigen Schönheit und Noblesse, ihrer teils verfänglichen Suggestion von Paradies und dann geradezu hinterlistig auch Neuland aufreißend, doch prädestiniert« für seine erste Wiener Arbeit.