Das verratene Meer

Musik Hans Werner Henze Text Hans-Ulrich Treichel nach Yukio Mishima
→ Musikdrama in zwei Teilen

Besetzung 15.12.2020

Musikalische Leitung Simone Young
Inszenierung Jossi Wieler Sergio Morabito
Bühne und Kostüme Anna Viebrock
Ko-Bühnenbildner Torsten Köpf
Licht Phoenix
Assistenz Kostüme Vera Liulko
Fusako Kuroda Vera-Lotte Boecker
Noboru/"Nummer Drei" Josh Lovell
Ryuji Tsukazaki Bo Skovhus

Inhalt

›Er‹ ist Seemann, Schiffsoffizier bei der japanischen Handelsmarine, ›sie‹ ist eine reiche, schöne, junge (wahrscheinlich Krieger-) Witwe. Die beiden verlieben sich natürlicher- und middle class gemäßer Weise ineinander. Er will deswegen sogar banaler Weise abmustern und sie heiraten – wer aber dagegen ist, intensiv und mit Hass und Verachtung und aus verschiedenen kindlich-pubertären Gründen, das ist Noboru, Madame Fusakos halbwüchsiger Sohn.« So umreißt Hans Werner Henze (1926–2012) die Ausgangssituation seiner 1990 uraufgeführten Oper »Das verratene Meer«.
Mit der Wahl des Sujets folgt Henze seiner Faszination für das Schaffen des enfant terrible der japanischen Nachkriegsliteratur Yukio Mishima (1925–1970), dessen Roman »Gogo no Eiko« (auf Deutsch erschienen unter dem Titel »Der Seemann, der die See verriet«) der Oper zugrunde liegt. Dieser Roman entwirft, wie nahezu alle Schöpfungen dieses Autors, ein klaustrophobes Szenarium der Ausweglosigkeit, in dem das Ringen um Normalität zum Scheitern verurteilt ist: Die Spannungen des Figurendreiecks werden im grauenhaften Lynchmord einer Jugendbande eskalieren.
Die nahezu gleichaltrigen Künstler Henze und Mishima teilten die Traumatisierung durch faschistische Systeme, deren Zusammenbruch bei beiden eine geradezu entfesselte künstlerische Produktion freisetzte, sie aber auch auf Extrempositionen des politischen Spektrums katapultierte, wie sie gegensätzlicher kaum denkbar sind: Henze trat der Kommunistischen Partei Italiens bei, Mishima wurde zum ultranationalistischen Revisionisten, der nach einem gescheiterten Putschversuch den rituellen japanischen Freitod starb.
Seinen sehr besonderen Standpunkt zwischen Tradition und Avantgarde hat Henze einmal mit Bezug auf das Theater formuliert: »Theater, genau wie Musik, muss immer wieder neu erfunden werden und lebt doch von Jahrhunderten der Erfahrungen, die uns befeuern, herausfordern, um sich zerstören zu lassen, um uns zu steigern, anzutreiben. Nichts wird ausgerichtet mit der gekonnten Form, der gelungenen Formulierung …, aber auch nichts mit Verneinung, Entsagung, Enthaltung, aber alles kann ausgerichtet werden durch Entäußerung, ungeachtet der Folgen, ungeachtet des Gelächters der Altklugen.« Seine freitonale Partitur knüpft an musikdramatische Gestaltungsprinzipien in der Tradition eines Richard Strauss an. In sie eingebettet ist eine hochdifferenzierte Sprachregie, die vom Schönberg’schen Sprech- bis zum Koloraturgesang alle stimmlichen Register zieht. Neben Geräuschklängen integriert der Komponist – anknüpfend an Verfahrensweisen Alban Bergs – auch Elemente der Unterhaltungs- und Tanzmusik.
Zentrales Anliegen der Partitur ist zudem eine plastische Figurencharakteristik, deren Durchführung einer je eigenen Instrumentengruppe anvertraut ist: Das musikalische Porträt von »Madame Fusako«, Direktrice eines exklusiven westlichen Modegeschäfts in Yokohama, hat Henze mit einer spezifisch »pariserischen« Note versehen und mit dem Streichorchester grundiert. Dem Offizier Ryuji sind die Blasinstrumente zugeordnet – darunter auch ungewöhnliche wie Kontrabassklarinette, Sopransaxophon und Tenorposaune –, die seine Verbindung zum Klang des Meeres herstellen, während seine Gesangslinie mit »baritonaler, edler aber durchschnittlicher Sentimentalität« ausgestattet ist. Für Noboru hingegen werden die perkussiven Ostinati einer von Klavier, Celesta, Harfen und Schlagzeug skandierten »Klavierstundenmusik« zum Exzess geführt. Das Quintett der Jugendbande umfasst das Spektrum der Männerstimmen vom Countertenor bis zum Bass, wobei deren Ensemblesätze an Techniken der frühbarocken Madrigal- Tradition anknüpfen. Das luxurierende Orchester verleiht in symphonischen Zwischenspielen dem Titelhelden eine Stimme: dem zürnenden »verratenen Meer«.
Mit »Das verratene Meer« debütiert das Regieteam Jossi Wieler/Sergio Morabito an der Wiener Staatsoper, an der Seite der Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock, mit der gemeinsam sie weltweit bereits über 20 Opern inszeniert haben. Unter der scheinbar realistischen Oberfläche des Geschehens ertastet ihre Aufführung paranoide Wahrnehmungsstrukturen und spürt den Gefährdungen und der Zerbrechlichkeit von Identität nach.
Die neu ins Ensemble der Staatsoper eintretende Sopranistin Vera-Lotte Boecker hat gerade auch durch ihre Darstellung von Henze-Partien wie der Natalie im »Prinzen von Homburg« oder der Autonoe/Proserpina in den »Bassariden« international auf sich aufmerksam gemacht. Mit der Fusako erweitert sie nun die Reihe ihrer Henze-Heldinnen. Der in Wien etablierte dänische Bariton Bo Skovhus kehrt mit seinem Rollendebüt als Ryuji an den Mittelpunkt seines künstlerischen Wirkens zurück. Der junge kanadische Tenor Josh Lovell, seit 2019/20 Mitglied im Solistenensemble der Staatsoper, ist Noboru. Sein Hausdebüt gibt Counterton Kangmin Justin Kim als »Nummer Zwei«. Die Musikalische Leitung liegt in den Händen von Simone Young, die damit an ihr erfolgreiches Engagement für die musikalische Moderne im Haus am Ring anknüpft.