Giuseppe Verdi

La Traviata

Text Francesco Maria Piave & Alexandre Dumas (Sohn)
Melodramma in drei Akten

Premiere Oper

04 März 2021

Besetzung | 04.03.2021

Musikalische Leitung Giacomo Sagripanti
Inszenierung Simon Stone
Bühne Robert Cousins
Kostüme Alice Babidge
Licht James Farncombe
Video Zakk Hein
 
Violetta Valéry Pretty Yende
Flora Bervoix Margaret Plummer
Annina Donna Ellen
Alfred Germont Frédéric Antoun
George Germont Igor Golovatenko
 

Inhalt

Bereits über den ersten zerbrechlichen Klängen dieser Oper schwebt Todesahnung – aber noch scheint die Amüsierwut der Violetta Valéry ungebrochen: Das It-Girl der Pariser Gesellschaft gibt ein rauschendes Fest, bei dem sie ihre schwere gesundheitliche Krise zu überspielen versucht. Ihr wird Alfredo vorgestellt, ein junger Mann aus der Provinz. Er hat sich in sie verliebt, aber sie weist seine leidenschaftlichen Avancen zunächst spöttisch zurück; für eine so heroische Liebe wie die seine sei sie nicht geschaffen. Doch die eindringlich-schwärmerische Liebeserklärung lässt sie nicht mehr los und sie entscheidet sich, ein neues Leben an seiner Seite zu beginnen. Beide ziehen sich aus der Gesellschaft zurück aufs Land. Nach wenigen Monaten des Zusammenlebens dringt Alfredos Vater in den Rückzugsort des Paares ein und nötigt Violetta, ihren Lebensgefährten zu verlassen: Sie sei eine Gefahr für dessen Familienglück und Familienehre. Violetta fügt sich, und um Alfredo die Trennung leichter zu machen, verschweigt sie ihm den wahren Grund. Als er sie auf einem Ball in der Hauptstadt zur Rede stellt, behauptet sie, einen anderen zu lieben, worauf der verzweifelte Alfredo sie in aller Öffentlichkeit als käuflich demütigt. Nach Wochen erfährt er, dass Violetta ihr gemeinsames Glück für seine Familie geopfert hat, doch es ist zu spät: Alle Hoffnung zerbricht am Sterbebett Violettas. Giuseppe Verdis 1853 uraufgeführte Oper basiert auf der »Kameliendame«, einem Roman und einem gleichnamigen Theaterstück von Alexandre Dumas d.J., die den Mythos der selbstlosen Sünderin in die Gegenwart von 1848 holten: Die Gestalt der Kurtisane wird den läuternden Mächten von Leid und Liebe ausgesetzt, natürlich auch, um sie bei aller Infragestellung bürgerlicher Moral einer bürgerlichen Leserschaft akzeptabel zu machen. Verdi wählte erstmals für eine tragische Oper einen zeitgenössischen Stoff, noch dazu mit einer »anstößigen« Hauptfigur. »Für Venedig mache ich die ›Kameliendame‹, die vielleicht ›Traviata‹ als Titel haben wird«, schrieb er an seinen Freund Cesare de Sanctis. »Ein zeitgenössischer Stoff. Ein anderer würde ihn vielleicht nicht gemacht haben, wegen der Kostüme, der Zeit und wegen tausend anderer dummer Skrupel … Ich mache ihn mit dem größten Vergnügen.«
Eine Aufführung in aktuellen Kostümen war dem Komponisten ein wichtiges Anliegen, doch konnte er sich gegen die Zensur nicht durchsetzen: Die Handlung musste »in die Zeit Richelieus«, d.h. in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts verlegt werden. Verdi konnte sich nur noch um Schadensbegrenzung bemühen, wie der Librettist Francesco Maria Piave in einem Brief an das Direktorium des Uraufführungstheaters festhielt: »Was schließlich die Kostüme angeht, erklärt sich Verdi mit größtem Missvergnügen damit einverstanden, die Handlung in die Vergangenheit zu verlegen. Perücken lässt er jedoch keinesfalls zu, weswegen Herr de Antoni angewiesen werden muss, Kostüme aus der Epoche unmittelbar vor Einführung der Perücken zu verwenden.« Diese Verfälschung hielt sich bis ins 20. Jahrhundert hinein, und auch in manchen Noten- oder Textausgaben ist bis heute als Handlungszeit »im 17. Jahrhundert« angegeben.
Die im Stück angelegte Kritik an bürgerlich-kapitalistischer Doppelmoral dürfte dennoch auch bei der Uraufführung erkennbar gewesen sein, vielleicht war sie deshalb ein Fiasko. Verdi war enttäuscht, zweifelte aber nicht an seinem Werk: »Ich für meinen Teil glaube, dass das letzte Wort über die ›Traviata‹ gestern nicht gesprochen wurde.« Sie wurde zu einer der heute weltweit meistgespielten Opern.
Die Musik des Werks reagiert auf das Thema der ablaufenden Lebenszeit, indem sie selbst ein hohes Tempo anschlägt – als gelte es, angesichts des nahenden Endes keine Zeit zu verlieren. Gleichsam atemlos grundieren Galopp- und Walzerklänge den mondänen Konversationston der Gesellschaftsszenen. Raffinierte Raumeffekte verschieben den Fokus der Handlung von der Masse auf die Einzelne: Mit ihrer Schwäche und ihrer Todesangst bleibt die Kranke im rauschenden Vergnügen allein. Das intime Drama der Protagonisten inspirierte den Komponisten, der den Stoff mit einem ungewöhnlich hohen Realismusgrad behandelt, zu szenischer Kammermusik. Auch der Einsatz von gesprochener Sprache bei Violettas finaler Agonie wirkt im Kontext einer weitestgehend dem gesanglichen Ideal der Belcanto-Oper verpflichteten Ästhetik bis heute mit unmittelbarer Kraft. Pretty Yende, die im September in »L’elisir d’amore« erstmals an der Wiener Staatsoper auftritt, ist nun als Violetta Valéry zu erleben, an ihrer Seite Frédéric Antoun als Alfredo. Und Dirigent Giacomo Sagripanti, Gewinner des International Opera Award als »Junger Dirigent des Jahres«, leitet nach »L’elisir d’amore« und »La Fille du régiment« erstmals eine Premiere an der Wiener Staatsoper.
Regisseur Simon Stone inszeniert Violetta Valéry als todkranke Influencerin, die selbst dann in ihrer Instagram-Welt gefangen bleibt, wenn es sich mit seinem Geliebten auf das Land zurückzieht. Alles Private ist bei ihr öffentlich, dafür wird der öffentliche urbane Raum zu ihrem einzigen Rückzugsgebiet für Momente der Schwäche.

Koproduktionspartner

Eine Koproduktion mit der Opéra national de Paris.