Alban Berg

Lulu

Orchestrierung des 3. Aktes komplettiert von Friedrich Cerha

Oper
Oper in drei Akten, Orchestrierung des 3. Aktes komplettiert von Friedrich Cerha

Karl Kraus nannte sie die „Allzerstörerin, weil sie von allen zerstört ward“ – die Rede ist von Lulu, der tragischen Femme fatale, die von der Männerwelt und der Gesellschaft benützt, gedemütigt und letztendlich ermordet wird. Der Wiener Komponist Alban Berg schuf auf Basis der beiden skandalträchtigen Lulu-Dramen von Frank Wedekind die erste 12-Ton-Oper – und einen Markstein in der Operngeschichte. An der Wiener Staatsoper ist die von Friedrich Cerha vollendete dreiaktige Fassung der Oper nun zu erleben: von Willy Decker grandios und punktgenau inszeniert.

15 Dezember
Freitag
18:30 - 22:30
2 Pausen
Tickets kaufen Preise G in den Kalender übernehmen

Besetzung | 15.12.2017

Dirigent Ingo Metzmacher
Regie Willy Decker
Szenische Einstudierung Ruth Orthmann
Ausstattung Wolfgang Gussmann
Kostümmitarbeit Susana Mendoza
 
Lulu Agneta Eichenholz
Gräfin Geschwitz Angela Denoke
Dr. Schön/Jack the Ripper Bo Skovhus
Alwa, sein Sohn Charles Workman
Schigolch, ein Greis Franz Grundheber
Theatergarderobiere/Mutter Donna Ellen
Gymnasiast/Groom Ilseyar Khayrullova
Medizinalrat Konrad Huber
Maler/Neger Jörg Schneider
Tierbändiger/Athlet Wolfgang Bankl
Prinz/Kammerdiener/Marquis Carlos Osuna
Theaterdirektor/Bankier Alexandru Moisiuc
Polizeikommissär Konrad Huber
Fünfzehnjährige Maria Nazarova
Kunstgewerblerin Bongiwe Nakani
Journalist Manuel Walser
Diener Ayk Martirossian
 

Inhalt

Prolog
Ein Tierbändiger animiert das Publikum zum Besuch der Menagerie mit ihren "Wollust und Grauen" verheißenden Attraktionen Tiger, Bär, Affe, Kamel, Gewürm, Molch und Krokodil. Schließlich gewährt er einen Blick auf die gefährliche Schlange, "geschaffen, Unheil anzurichten", und beschwört in ihr Lulu, die "Urgestalt des Weibes". 

Erster Akt
1. Szene
Der Komponist Alwa betritt ein Maleratelier, um dort seinen Vater, den ZeitungsverIeger Dr. Schön, zu einer Theaterprobe abzuholen. Er ist überrascht, ihn in Gesellschaft der jungen Gattin des Medizinalrats anzutreffen, die dem Maler Modell steht. Ihr Mann, der Auftraggeber des Porträts, ist nicht anwesend. 

Dem Maler gelingt es nicht, sich und sein Modell zur Ruhe zu zwingen. Die erotische Spannung entlädt sich in einer Verfolgungsjagd, der erst ein Schwindelanfall "Nellys" - diesen Namen trägt Lulu in der Ehe mit dem Medizinalrat - ein Ende setzt. Der Maler erklärt ihr seine Liebe: "Ich werde Dich Eva nennen". Unerwartet erscheint der Medizinalrat. Vor Wut und Entsetzen bricht er tot zusammen. Lulu fühlt sich vom Blick des Toten beobachtet. Nur zögernd überzeugt sie sich: "Es ist ihm ernst. Der Tanz ist aus." 

Der Maler entrüstet sich über ihre Pietätlosigkeit, ist von dem "völlig verwilderten" Geschöpf aber zugleich im Innersten berührt. Auf alle Fragen des Malers nach ihrem ethischen Selbstverständnis antwortet Lulu mit den Worten: "Ich weiß es nicht." Der Maler gesteht dem Toten, dass er sich dem Glücksversprechen, das das Mädchen darstellt, nicht gewachsen fühlt.

2. Szene
Der Maler - durch die Heirat mit der jungen Witwe zu Wohlstand gekommen - macht mit Bildern, die er von ihr malt, international Karriere. In seinem Erfolgs- und Schaffens rausch als freier Künstler entgeht ihm, dass "Eva" von ihrer Ehe enttäuscht ist.

Die Alleingelassene erhält Besuch von einem alten asthmatischen Bettler, der sich Geld geben lässt und sich anerkennend über ihren sozialen Aufstieg äußert: Es ist Schigolch, der Mann, der sie, ein Mädchen aus der Gosse, als erster prostituierte. Dr. Schön betritt erregt den Raum: Er verlangt von „Mignon“ – wie er Lulu nennt – den endgültigen Abbruch der Beziehung, durch die er seine gesellschaftlichen und geschäftlichen Interessen zunehmend bedroht sieht. Er hat Lulu vor Jahren von der Straße aufgelesen, in sein Haus aufgenommen, ihre Erziehung finanziert und zu seiner Geliebten gemacht. Nach dem Tod seiner Frau hat er sie - um seine Heiratspläne mit einer Adeligen nicht zu gefährden - an den Medizinalrat verheiratet und sie nun in die Ehe mit dem Maler gedrängt, die Beziehung aber fortgesetzt. Jetzt kämpft er darum, dass Lulu ihn freigibt, damit er seine Braut "unter ein reines Dach führen" kann. Die Auseinandersetzung eskaliert. Der Maler tritt herein und verlangt eine Erklärung.

Dr. Schön öffnet ihm die Augen über seine vermeintlich harmonische Ehe mit "Eva". Der Maler überlebt den Zusammenbruch seiner Lebenslüge nicht; in einem Nebenraum schneidet er sich die Kehle auf, als Alwa mit der Nachricht, in Paris sei Revolution ausgebrochen, hereinstürzt. 

3. Szene
Als Tänzerin in einer von Alwa komponierten Revue macht Lulu Furore. In ihrer Garderobe erfährt Alwa von ihrer Verlobung mit einem Prinzen, der sie nach der Heirat mit nach Afrika nehmen wird. Alwa erinnert sich an den tiefen Eindruck, den seine erste Begegnung mit Lulu in ihm hinterlassen hat. Vor ihrem Auftritt klärt Lulu Alwa über die Hintergründe ihres Engagements auf: Dr. Schön will solvente Heiratskandidaten anlocken.

Alwa spielt mit dem Gedanken, über Lulu eine Oper zu schreiben. Der Prinz gibt seiner Verehrung für die Künstlerin Ausdruck. Lulu stürzt in die Garderobe, gefolgt von Garderobiere, Theaterdirektor und Dr. Schön: sie hat auf offener Bühne einen Ohnmachtsanfall erlitten und weigert sich, wieder aufzutreten, weil sie im Zuschauerraum Schöns Braut erkannt hat. Doch Schön bricht ihren Widerstand: nach einer kurzen Erholungspause soll sie zurück auf die Bühne. Er unterstellt ihr, die Ohnmacht fingiert zu haben, und will ihr für die nächsten acht Tage jeden Kontakt zu ihm verbieten, da seine Hochzeit mit der jungen Adeligen unmittelbar bevorsteht. Lulu: "Heiraten Sie sie: dann tanzt sie in ihrem kindlichen Jammer vor mir - statt ich vor ihr." Schön realisiert das Ausmaß seiner Abhängigkeit und Verstrickung und reagiert mit einem Zusammenbruch: "Sag mir um Gottes willen: was soll ich tun?" Lulu diktiert ihm den Abschiedsbrief an seine Braut: sein gesellschaftliches Todesurteil. 

Zweiter Akt
1. Szene
Gräfin Geschwitz ist beim Ehepaar Schön zu Besuch. Schön reagiert auf ihr intensives Werben um seine Gattin mit verhaltener Gereiztheit. Während Lulu die Gräfin hinausbegleitet, zückt Schön einen Revolver und sucht nach versteckten Liebhabern seiner Frau. Lulu beschwert sich bei Schön: "Seit Wochen und Monaten hab' ich nichts mehr von Dir."

Die Gräfin kommt heimlich zurück, um ein Bild Lulus zu stehlen. Im Wohnzimmer haben sich Schigolch und ein großmäuliger Athlet häuslich niedergelassen. Sie haben einen in Liebe zu Lulu entflammten Gymnasiasten mitgebracht. Lulu erscheint in Balltoilette. Als der Kammerdiener Alwa ankündigt, verstecken sich der Gymnasiast und der Athlet; Schigolch geht.

Alwa versucht vergeblich, die Faszination, die seine Ziehschwester Lulu auf ihn ausübt, abzuwehren. Anders als sein Vater, der heimlich zurückgekehrt ist und seinen Verfolgungswahn von der Wirklichkeit noch übertroffen sieht, bemerkt er weder den versteckten Athleten, noch dass der servierende Kammerdiener in Lulu verliebt ist. Als sie dem in ihrem Schoß Zusammengesunkenen bekennt, sie habe seine Mutter vergiftet, greift Schön ein.

Nachdem er seinen Sohn hinausgeführt, den Athleten vertrieben, die Gräfin Geschwitz entdeckt und ins Nebenzimmer gesperrt hat, drückt Schön Lulu seinen Revolver in die Hand mit der Aufforderung, sich zu erschießen. In der existentiellen Bedrohung findet Lulu die Worte für ihre Verbundenheit mit Schön. Als Schön den Revolver in Lulus Hand auf sie richtet, stürzt der Gymnasiast aus seinem Versteck. Lulu schießt in Notwehr auf Schön, den "Einzigen, den ich geliebt". Der tödlich Getroffene beschwört seinen herbeigeeilten Sohn, Lulu nicht entkommen zu lassen, und stirbt beim Anblick der Geschwitz mit den Worten: "Der Teufel".

Alwa liefert die ihn vergeblich anflehende Lulu der Polizei aus. Lulu wird zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Um sie zu befreien, infiziert Gräfin Geschwitz sich und dann Lulu mit der Cholera und erreicht dadurch, dass sie beide in dasselbe Krankenhaus überführt werden.

2. Szene
Die als geheilt entlassene, aber von der Krankheit gezeichnete Geschwitz und der Athlet warten im Hause Dr. Schöns auf Schigolch. Die Geldangebote des in unentschiedener Distanz zur Befreiung verharrenden Alwa lehnt die Geschwitz ab.

Schigolch erscheint und begleitet die Gräfin zurück ins Krankenhaus, wo sie mit Lulu die Kleider tauschen und an ihrer Stelle zurückbleiben will. Atemlos stürzt der Gymnasiast herein: er ist aus einem Erziehungsheim geflohen, um mit Alwa, zu dem sein Vertrauen seit dessen Zeugenaussage zugunsten Lulus grenzenlos ist, die geliebte Frau zu befreien. Doch Alwa bestätigt die Lüge des Athleten, Lulu sei an der Cholera gestorben, und weist dem Verzweifelnden die Tür.

Im Kleid der Geschwitz erscheint Lulu. Doch ihre hinfällige Erscheinung veranlasst den Athleten, der geplant hatte, sie als "graziöseste Luftgymnastikerin der Jetztzeit" auszubeuten, sie im Stich zu lassen. Die von Krankheit und Haft gezeichnete Lulu verzehrt sich nach zwei Jahren der Isolation nach menschlicher Berührung. Alwa berauscht sich an den Reizen der verlassenen und ihm ausgelieferten Frau: Anstelle des Athleten wird er Lulu - mit dem Vermögen aus dem Verkauf der Zeitung seines Vaters - über die Grenze bringen.

Dritter Akt
1. Szene
Lulu feiert mit den Gästen eines von ihr und Alwa im Pariser Spekulanten- und Prostituiertenmilieu betriebenen Casinos ihren Geburtstag. Das Interesse gilt allerdings mehr den von einem Bankier vermittelten Jungfrau-Drahtseilbahnaktien sowie einer fünfzehnjährigen Klosterschülerin. Die Gesellschaft begibt sich ins Spielzimmer.

Der Marquis, Polizeispion und Mädchenhändler in Personalunion und Lulus derzeitiger Geliebter, unterrichtet Lulu von seiner Absicht, sie – nachdem er ihr am Vortrag ihr letztes Geld abgenommen hat – noch diesen Abend als „die Mörderin des Dr. Schön“ der deutschen Polizei auszuliefern, um die Belohnung abzukassieren; als Alternative bietet er ihr an, sich von ihm an ein ägyptisches Bordell verkaufen zu lassen, was seine Gewinnspanne um 200 Mark erhöhte.

Während sich die von spektakulären Gewinnen animierte Gesellschaft ins Speisezimmer bewegt, konfrontiert die Geschwitz Lulu erregt mit ihrer gemeinsamen, von Lulu verratenen Geschichte. Lulu, die gerade einen Erpressungsbrief des Athleten erhalten hat, schleudert ihr niederträchtige Beschimpfungen an den Kopf. Der Athlet bedrängt Lulu tätlich: wenn sie ihm bis morgen Abend nicht 20 000 Mark verschafft, erstattet er Anzeige. Ein Telegramm informiert den Bankier vom Sturz der Jungfrau-Aktien, was dieser für sich behält. Lulu bleibt allein zurück. Ein Groom meldet den Besuch von Schigolch, der auch Geld will. Lulu bricht zusammen. Schigolch verspricht, den Athleten zu beseitigen. Fiebernd entwickelt Lulu einen Mordplan; sie wird den Athleten mit der Geschwitz verkuppeln und beide in Schigolchs Absteige schicken, wo dieser dem Athleten auflauern wird – wofür sie ihm ihren Körper versprechen muss.

Der Marquis verschafft sich beim Athleten Klarheit über dessen Erpressungsversuch und geht, um sie als erster anzuzeigen. Lulu vermag den Athleten davon zu überzeugen, dass die Geschwitz sich nach ihm verzehre. Deshalb sei sie bereit, Lulu die 20 000 Mark zu leihen, wenn es dieser gelänge, den Athleten zu überreden, mit der Geschwitz ins Bett zu gehen. Dann nimmt Lulu die Geschwitz beiseite: nur wenn sie, die Gräfin, sich dem Athleten zur Befriedigung seiner Eitelkeit hingäbe, wolle er darauf verzichten, sie zu denunzieren. Für dieses Selbstopfer verspricht sie ihr die Erfüllung ihrer Liebe. Der Plan gelingt: die Geschwitz verlässt am Arm des Athleten das Etablissement.

Der Sturz der Jungfrau-Aktien kommt an den Tag: die Teilhaber, unter ihren Alwa, stehen vor dem Ruin. Die Gesellschaft löst sich auf. Der Marquis, der mit einem Polizeikommissar zurückgekommen ist, trifft nur noch den Groom in Lulus Kleidern an, in dessen Uniform Lulu die Flucht mit Alwa geglückt ist.

2. Szene
In einer Londoner Dachkammer warten Alwa und Schigolch, dass Lulu, die sie auf den Strich geschickt haben, mit einem Freier zurückkommt. Lulus erster Kunde ist ein distinguierter Herr, der sich in Schweigen hüllt und sich Zärtlichkeiten verbittet. Er bezahlt gut. Gräfin Geschwitz erscheint. Sie bringt Lulu ihren letzten besitz: Lulus Bild. Lulu reagiert mit einem Aufschrei „Mir aus den Augen! Werft es zum Fenster heraus.“ Alle vier erinnern sich beim Anblick des Bildes an Bruchstücke der Vergangenheit. Lulu rennt auf die Straße, die Geschwitz hinter ihr her.

Schigolch verlässt die Dachkammer. Lulu kommt mit einem Farbigen (dem „Neger“), der sie vergewaltigen will. Alwa versucht sie zu schützen und wird erschlagen. Die Gräfin Geschwitz will sich umbringen. Doch sie erkennt, dass Lulu auch ihrem Tod keine Beachtung schenken wird. Lulu betritt mit einem Kunden den Raum, der unnachgiebig um die Bedingungen ihres Geschäftes feilscht. Schließlich lässt er sich von Lulu, die ihn erfolglos zu bewegen sucht, die ganze Nacht bei ihr zu bleiben, ein Geldstück geben und folgt ihr in ihre Kammer. Die Geschwitz versucht, sich von Lulu innerlich zu lösen. Sie will für Frauenrechte kämpfen. Jack the Ripper tötet Lulu und die zu Hilfe eilende Geschwitz. „Lulu, mein Engel, lass dich noch einmal sehn“.

Willy Decker