L'orfeo

→ Favola in musica in fünf Akten
Musik Claudio Monteverdi
Text Alessandro Striggio

Premiere 11. Juni 2022

Premierenserie 11. / 13. / 16. / 18. Juni 2022

Einführungsmatinee 5. Juni 2022

Musikalische Leitung Pablo Heras-Casado
Orfeo Georg Nigl
Euridice Slávka Zámečníková
La Musica / La Speranza Kate Lindsey
Messaggiera / Proserpina Christina Bock
Plutone Andrea Mastroni

Concentus Musicus Wien

Inszenierung Tom Morris
Bühne & Kostüme Anna Fleischle
Licht James Farncombe
Video Finn Ross
Choreographie Jane Gibson
Dramaturgie Nikolaus Stenitzer

Was macht Claudio Monteverdis 1607 am oberitalienischen Hof zu Mantua uraufgeführte Favola d’Orfeo (Legende von Orpheus) zur ersten Oper? Natürlich gab es vereinzelte Vorläufer. Doch in diesem Werk ist es erstmals die Musik selbst, die nicht nur als Allegorie im Prolog sinnbildlich das Wort ergreift, sondern das gesamte szenische Geschehen kongenial durchwirkt. Die Orpheus-Dichtungen der Antike und Renaissance hatten den mythischen Sänger, der die ganze Natur zu bezaubern und selbst die Unterwelt zu erweichen wusste, eher als virtuosen Meister der Beredsamkeit, denn als Musiker interpretiert. Erst Monteverdi lud zu einer Feier der durch die Errungenschaften des neuen »darstellenden Stils« (stile rappresentativo) entfesselten musikalischen Triebkräfte. Vielstimmige, tänzerisch beschwingte oder feierlich gemessene Chöre und ein reich besetzter instrumentaler Apparat rahmen Monteverdis klingende Wort- und Affektausdeutung, die uns bis heute mit unverminderter Frische und Empfindungstiefe berührt.

Nach himmelhochjauchzenden Hochzeitsvorbereitungen, die durch die Nachricht vom Tod der Braut Eurydike, die durch einen Schlangenbiss verstarb, jäh unterbrochen werden, durchmessen wir mit dem verwaisten Orpheus Abgründe der Trauer und  Verzweiflung und begleiten ihn auf seinem Weg in die Unterwelt. Nachdem er »jede Hoffnung hat fahren lassen« stimmt er einen Gesang an, der alle Register verinnerlichter Empfindung und hochvirtuoser Entäußerung zieht. Paradoxer Weise führt uns aber dieses Herzstück der Oper nicht nur die Macht, sondern auch die Ohnmacht des Gesanges vor Augen: Charon, der Fährmann, bleibt diesem beschwörenden Bittgesang gegenüber taub und verweigert die Überfahrt ins Totenreich. Nur der Umstand, dass er in Schlaf fällt, ermöglicht es Orpheus, sich ganz unheroisch dort einzuschleichen. Und es ist auch nicht Orpheus’ Gesang unmittelbar, sondern erst die Fürbitte von Plutos Frau, die den Totengott veranlasst, in die Rückgabe Eurydikes einzuwilligen. Diese geschieht zudem unter einer Bedingung, die dazu führt, dass Orpheus sie ein zweites Mal verlieren wird. Triumph und Elend der Kunst sind der Gattung Oper somit seit ihrem Ursprung eingeschrieben: »Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern« (Beckett). Regisseur Tom Morris lädt alle Besucher zu einer Hochzeitsparty, die er als zeitgenössische Entsprechung zum höfischen Fest als Rahmen für seine Inszenierung gewählt hat.

 

SPOTIFY-Playlist zur Einstimmung





Tom Morris – Dramatiker, Schauspieler, Lyriker, Kritiker, Rundfunkjournalist und Regisseur – ist derzeit Intendant am Bristol Old Vic. Unter seiner Leitung hat das Theater, das bereits seit 1766 besteht, zuletzt eine preisgekrönte millionenschwere Transformation vollzogen. Er hat seinen reichen Erfahrungsschatz in diese Position eingebracht. Von 1995 bis 2004 rief er als Intendant des Battersea Arts Centre bahnbrechende Produktionen ins Leben wie Jerry Springer: The Opera; World Cup Final 1966; Jason and the Argonauts, sowie Ben Hur. Nach Battersea wurde Tom Morris Associate Director am National Theatre in London. Hier kam er auf die Idee, mit Hilfe modernsten Puppenspiels eine Theaterfassung des »unaufführbaren« Romans War Horse von Michael Morpurgo zu kreieren; für diese Inszenierung wurde er mit dem Tony Award als bester Regisseur ausgezeichnet.

Morris’ Geschmack ist eklektisch, exzentrisch und gelegentlich riskant, aber stets innovativ, wobei sein dramatisches Gespür einige der denkwürdigsten Augenblicke der britischen Bühne geprägt hat. Seinen jüngsten Erfolg am Bristol Old Vic kann man so zusammenfassen: außergewöhnliches Talent auf die Bühne des Bristol Old Vic zu bringen und Zuseher anzulocken, die sich zuvor wohl kaum als Theaterbesucher gesehen hätten. Zu seinen Produktionen am Bristol Old Vic zählen Pink MistCyrano; Touching the Void (Bristol, West End und Tourneen in UK sowie international); The Grinning Man (Bristol und West End); Swallows and Amazons (Bristol, West End und UKTournee); Juliet and Her Romeo; The Crucible; King Lear; Messiah; Jane Eyre (Bristol, West End und UKTournee), sowie A Midsummer Night’s Dream. Im Bereich der Oper zu nennen wären Breaking the Waves (Scottish Opera und Opera Ventures) und The Death of Klinghoffer (ENO und Metropolitan Opera).

Tom Morris besitzt Ehrendoktorate der UWE (University of the West of England) und Bristol University; außerdem wurde er mit dem OBE (Order of the British Empire) für seine Verdienste am Theater ausgezeichnet.