Liebe, Hoffnung & Utopie
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»Worum es in Fidelio geht? Um Menschlichkeit, den Glauben an die Liebe, um Brüderlichkeit – das schwebt durch die Musik. Und auch viel Pathos ist dabei. Alles zusammen: so wunderschön!« So spricht Malin Byström, die Leonore der Fidelio-Neuproduktion, die am 16. Dezember zur Premiere kommt. Und noch etwas sofort Augenfälliges: »Dass es im Gegensatz zum Großteil der Opern, die ich üblicherweise mache, ein ungemein ekstatisches Ende gibt. Voller Glück und Hoffnung«, fügt David Butt Philip, der Premieren-Florestan, hinzu. »Meine Mutter scherzte schon vor Jahren, dass ich praktisch nie in Opern mit einem Happy End singe. Und dann trat Fidelio in mein Leben, und nun ist es so berauschend, so aufregend, bei diesem vielstimmigen Jubel auf der Bühne zu stehen.«
Die Handlung in Kürze
Doch bis zu diesem Jubel muss erst einiges an Handlungsweg zurückgelegt werden. Die Oper erzählt vom unglücklichen Florestan, der seit mehr als zwei Jahren von seinem Widersacher Don Pizarro im Kerker gefangen gehalten wird. Gerettet wird er in buchstäblich letzter Sekunde von seiner Gattin Leonore, die verkleidet als Mann und unter dem Namen Fidelio sich auf der Suche nach ihm in ebendiesem Gefängnis verdingt. Nebenstränge, wie dass Marzelline, die Tochter des mitläuferischen Gefängniswärters Rocco, sich in die verkleidete Leonore verliebt, verdichten das Geschehen, wie auch das Leid der übrigen Gefangenen das Werk zu einer allgemeingültigen Anklage gegen ungerechte Herrschaft macht.
Ein Plädoyer für Freiheit und Brüderlichkeit
Zuletzt, im Finale, schlägt der Jubel ins Utopische um: Nicht nur um zwei Menschen geht es, sondern um den visionären Blick auf eine mögliche umfassende Gerechtigkeit. Denn um diesen ging es Beethoven in seinem Fidelio, dem Republikaner Beethoven, der auch Adeligen und gesellschaftlich Höhergestellten (sofern er sie nicht zur Protektion und Finanzierung benötigte) harsch dreinfahren konnte. »Die Oper ist im Finale eigentlich keine Oper mehr, an ihre Stelle tritt ein großes gesungenes Manifest, vergleichbar mit dem Schluss der 9. Symphonie oder dem Credo der Missa solemnis«, schreibt der Beethoven-Biograf Jan Caeyers. Es ist eine »Idealmusik«, wie einmal festgestellt wurde, also eine Verbindung der Kunst mit dem Ethischen, die Betrachtung der Kunst als Ausdruck des Über-den-Menschen-Hinausreichenden. Beethovens großer humanistischer Wille hinderte später freilich politische Machthaber nicht daran, das Werk für ihre jeweilige Sicht zu ge- oder auch zu missbrauchen.
Vorgeschichte
Doch der Reihe nach. Die Fidelio-Geschichte beginnt eigentlich bereits im Jahr 1798, als in Paris eine Oper namens Léonore, ou L’amour conjugal uraufgeführt wird. Komponist: ein politisch fragwürdiger Wendehals namens Jean Nicolas Bouilly. Die Handlung baut auf einer angeblich wahren Begebenheit aus der Zeit der Französischen Revolution auf, Beethoven lässt das französische Original-Libretto bearbeiten und übersetzen und macht sich an die Arbeit. Sein Ziel: Für Wien aus dem Stoff eine deutsche Oper zu machen. Er ist übrigens nicht der einzige, dem der Stoff gefällt: Sein Komponistenkollege Ferdinando Paër etwa hat zuvor eine italienische Fassung der Oper herausgebracht. Fidelio & Co waren schon länger Themen der Zeit, als Beethoven sie aufgriff, beinahe schon ein bisschen veraltet.
Der lange Weg zur Uraufführung
Als Beethovens Oper fertig ist, braucht es allerdings noch die Aufführungsgenehmigung der Zensur. So ganz glücklich ist diese mit dem Werk nicht. Man beäugt und verbietet, um schließlich doch zu gestatten. Und dann auch noch das: Die geplante Uraufführung wird verschoben, zu anspruchsvoll ist das neue Werk Beethovens für Sänger und Orchester. Als am 20. November 1805 die Oper endlich im Theater an der Wien uraufgeführt wird, kann von einem Erfolg keine Rede sein. Vor allem aber fehlt es an Publikumsinteresse. Denn seit einer Woche sind französische Soldaten als Besatzer in der Stadt, viele Einheimische (und Adelige) haben Wien verlassen, und die, die bleiben, haben keine Lust auf Theaterbesuche. Die leeren Reihen, so erzählt man, wurden kurzerhand mit französischen Soldaten gefüllt, die wiederum den deutschen Text nicht verstanden. Nach nur zwei Folgeaufführungen verschwindet Fidelio in der Versenkung, eine Umarbeitung folgt, die auch keinen bleibenden Erfolg bringt.
Endlich der Durchbruch
Dann endlich. 1814 kommt es erneut zu umfassenden Änderungen und zur Uraufführung der dritten Fassung – diesmal lässt der Erfolg nicht auf sich warten. Beethoven, am Gipfel des Rumes, wird nun auch als Opernkomponist akzeptiert. Von nun an sollte der Fidelio die internationalen Spielpläne nicht mehr verlassen – allein im Haus am Ring wurden in 150 Jahren rund achthundert Vorstellungen der Oper gegeben.
Nach 55 Jahren ein neuer Fidelio
Mehr als 55 Jahre nach der Premiere der letzten Fidelio-Neuproduktion (dazwischen gab es eine Aufführungsserie der Urfassung) kommt im Dezember ein neuer Fidelio an der Wiener Staatsoper heraus. Geleitet wird er von Franz Welser-Möst, der damit als Premierendirigent an das Haus am Ring zurückkehrt. Die aktuelle Besetzung bringt premierenerfahrene Sängerkräfte zusammen: Christopher Maltman, der Pizarro, sang zuletzt u. a. Don Alfonso in der Così fan tutte-Neuproduktion, David Butt Philip war u. a. der Walther von Stolzing in der Meistersinger-Premiere 2022 und der Lohengrin 2024, Malin Byström sang zuletzt in den Premieren von Lohengrin und Tannhäuser. Trotz allem Wagner-Wumms spielt die musikalische Annäherung via Mozart eine große Rolle. So meint Byström: »Meine Kariere hat mit viel Mozart angefangen und ich spüre, dass ich bei der Leonore zu ihm zurückkehre. Natürlich: Man braucht schon eine dramatische Qualität, aber die technische Annäherung ist doch sehr verwandt. Insofern bin ich über meine Mozart-Vergangenheit sehr froh.« Für Butt Philip wiederum ist die Partie des Florestan – in Hinblick auf seinen Wagner-Schwerpunkt – eine verblüffend kurze Rolle. »Doch ungemein intensiv!« Ungewöhnlich ist für ihn auch die Epoche: »Ich singe zumeist ein Repertoire ab der Mitte des 19. Jahrhunderts – insofern ist der Florestan für mich die früheste meiner Partien. Fast so etwas wie Alte Musik!«
Theaterkosmos Habjan
Inszeniert wird die Produktion von Nikolaus Habjan, der sein Hausdebüt an der Staatsoper gibt. Habjan, ein Theater-Tausendsassa, deckt ein ganzes Universum der Künste ab: »Regisseur, Puppendesign, Puppenspiel & Kunstpfeifen«, so begrüßt einen sein Webauftritt, und tatsächlich ist er noch mehr: Schauspieler, Autor, scharfsinniger Kommentator, einer jedenfalls, der mit großen Abenden und wichtigen Themen den Blick auf das Wesentliche lenken kann. Wer kennt nicht seinen Zawrel-Abend, das Karl Böhm-Projekt und viele andere seiner Programme? Die Bühnen jedenfalls reißen sich um ihn, Volkstheater und Josefstadt, Burgtheater und Bayreuth, Salzburg und Berlin, Basel und Zürich, Semperoper und Theater an der Wien, überall begeistert er mit seinen Abenden und zahlreichen hochgelobten (Musik-)Theater-Inszenierungen. Ein enger Vertrauter ist ihm seit Jahren der Autor Paulus Hochgatterer, mit dem er zahlreiche Projekte umgesetzt hat. Auch an der Staatsoper übrigens: denn Hochgatterer hat die Dialogpassagen des aktuellen Fidelio überarbeitet.