A Diva is born 2.0
Interview |
Fünf, sechs Mal im Jahr bekommen ausgewählte namhafte Sängerpersönlichkeiten auch an der Wiener Staatsoper die Möglichkeit, sich in einem Solo-Konzert zu präsentieren. Dass jemand wie Asmik Grigorian, die mit ihren Interpretationen grundsätzlich auf keinen ausgetretenen Pfaden wandelt, sondern mutig und maßstabsetzend künstlerisch neues Terrain erkundet, auch in diesem Fall mit keinem 08/15-Programm vor das Publikum treten würde, war von Anfang an klar. Auch der von ihr angekündigte Titel des Abends – A Diva is Born – versprach Neuartig-Ungewöhnliches. Und so war die Spannung förmlich spürbar, als am 28. Mai 2024 die Lichter im Zuschauerraum gedämpft wurden und alles dem Auftritt der Ausnahmesopranistin entgegenfieberte. Was dann folgte, übertraf alle Erwartungen.
Grigorian changierte auf höchst kreative Weise zwischen unzähligen Stilen und Genres, verwob Biografisches mit humorvollen Seitenhieben auf das Starwesen, zeigte die Fragilität jener, die sich täglich den höchsten Anforderungen des Künstlerdaseins zu stellen bereit sind, und ließ ein frenetisch jubelndes Publikum zurück. Mitterweile hat sie den Abend auch auf anderen Bühnen wiederholt – stets durch neue Facetten bereichert – und wird ihn am 2. Dezember, konzeptuell weiterentwickelt, erneut an der Wiener Staatsoper geben. In einem Gespräch mit Andreas Láng sprach Asmik Grigorian unter anderem über Charisma, unendliches Leben und die Neugier nach neuen künstlerischen Ausdrucksweisen.
Sie gehen, wie auch bei diesem Konzert, gerne ungewohnte Wege, singen grundsätzlich nur Rollen und Stücke, die Sie interessieren – ganz gleich, ob jemand davon abrät oder nicht. Wann haben Sie gelernt, sich von anderen nicht verunsichern zu lassen und nur dem eigenen Instinkt zu vertrauen?
Das weiß ich gar nicht, vermutlich bin ich so geboren worden. (lacht) Es ist wohl eine Charaktereigenschaft – nicht immer von Vorteil, aber unveränderbar. Sicher ist, dass meine Eltern bereits ganz früh aufgegeben haben, mir etwas vorgeben zu wollen, da ich schon aus Prinzip nicht das tat, was man von mir erwarte. Da half einfach nichts! Und auch heute, als Künstlerin, kann mich niemand zu etwas überreden, das mich nicht interessiert. Umgekehrt werde ich alles daransetzen, Dinge, die mir Freude bereiten, Wirklichkeit werden zu lassen.
Was war die Grundidee bei der Entwicklung von A Diva is Born? Wollten Sie mit diesem Konzert Ihre Wurzeln zeigen, eine biografische Skizze, wesentliche Facetten Ihres künstlerischen Werdegangs?
Nein, da gab es zunächst kein Ziel, keine Marschrichtung. Das Programm und seine Ausrichtung sind gewissermaßen aus dem Nichts entstanden. Ausgangspunkt war ein Benefizkonzert vor ungefähr zehn Jahren, in das ich zufällig hineinkam, weil jemand anderer erkrankt war und bei dem der Pianist Hyung-ki Joo den Sting-Song Moon of the Bourbon Street sang. Jedenfalls fanden er und ich, dass es Spaß machen würde, gemeinsam etwas zu entwickeln, und so haben wir die folgenden Jahre herumexperimentiert. Weil ich aber zunächst überhaupt keine Zeit hatte, etwas Spezielles zu lernen, fing ich mit den Vokalisen an, da hier keine Texte zu memorieren waren. Irgendwann begann ich mich dann für Lady Gaga zu interessieren und so tastete ich mich Schritt für Schritt in Richtung Pop vor – einfach, weil ich neugierig auf verschiedene mir bis dahin unbekannte Gesangstechniken war. Geübt habe ich diese unterschiedlichen Lieder immer nur als Einsingprogramm vor den Opernauftritten. Später fügte ich dieses Repertoire mit Arien und den erwähnten Vokalisen zu einer ersten Abfolge zusammen, die unentwegt weiterwuchs, bis wir auf die Idee kamen, meine eigene Lebensgeschichte einzubauen, persönlich Erlebtes, Gehörtes und Gesagtes aufzunehmen. Und je weiter Hyung-ki Joo und ich an dem Abend feilen, desto klarer scheinen einzelne Aspekte und Details durch, die alle mit mir und meinem Künstlerdasein zu tun haben. Aber von Anfang an beabsichtigt war das nicht!
Sie haben dieses in vieler Hinsicht ausergewöhnliche Konzert erstmals an der Wiener Staatsoper aufgeführt – war Ihr Adrenalinspiegel damals, knapp vor dem Auftritt, höher als bei sogenannten typischen Liederabenden? Und haben Sie diesen großen Erfolg vorausgesehen?
Der Adrenalinspiegel war definitiv höher als sonst, gerade weil man bei solchen Projekten oft erst im Nachhinein merkt, ob sie funktionieren oder nicht. Zumindest geht es mir so. Ich habe Bogdan Roščić sogar gewarnt und ihn gefragt, ob er tatsächlich bereit wäre, diese Reise mit ungewissem Ausgang zu wagen. Wörtlich sagte ich zu ihm: »Was, wenn wir Schiffbrüche erleiden, wenn unser Boot kentert?« Nun, das ist nicht passiert und ich bin ihm daher sehr dankbar, dass er mir vertraut und diese Idee sogar unterstützt hat, an der wir übrigens unentwegt weiterbasteln, um etwas noch Größeres daraus zu machen. Beim ersten Mal kam dem Unvorhergesehenen ein sehr großer Stellenwert zu, inzwischen haben wir das Programm schon drei- oder viermal aufgeführt und können die Reiseroute klarer überblicken.
Was hat sich denn konkret am Programm von Mal zu Mal geändert?
Manches am Beginn haben wir gekürzt, dafür ein paar Arien und Pop-Songs zusätzlich aufgenommen. Vor allem haben wir die Funktion des Pianisten insofern geändert, als Hyung-ki Joo nun nicht mehr der fiese Typ ist, der mich ständig schikaniert, sondern so etwas wie meine innere Stimme. Ich selbst bin es also, die mit mir zum Teil so unbarmherzig umgeht. Ich habe oft festgestellt, dass ich auf der Bühne die Gabe habe, Menschen zum Weinen zu bringen. Und selbst bei diesem Konzert, das eigentlich eine Komödie sein soll, gibt es im Publikum gar nicht wenige, die zu Tränen gerührt werden – einfach, weil ich hier sehr ehrlich und offen vor die Zuschauer trete. Ich fühle mich richtig nackt, weil ich so sehr ich selbst bin, nichts verbergen kann. Das macht diesen Abend ja so herausfordernd für mich. Abgesehen davon, dass es stimmlich sehr, sehr anspruchsvoll und schwierig ist, in kürzester Zeit von der Klassik zum Pop und vom Pop zur Klassik zu springen.
Es gibt in der Tat nur sehr wenige Opernsängerinnen, die so perfekt und glaubhaft das Genre in Richtung Pop wechseln können wie Sie. Woher kommt das?
Ob ich wirklich so gut darin bin, weiß ich nicht, aber ich lerne unentwegt weiter: Zuerst nahm ich viele Unterrichtsstunden in New York und jetzt arbeite ich in Wien mit einem wirklich großartigen Coach. Ich muss sie übrigens bald wieder anrufen und einen Termin vereinbaren. Ich beginne diesen Prozess zu genießen, lerne immer neue Lieder und mache wirklich Fortschritte. Natürlich habe ich definitiv nicht vor, Pop-Sängerin zu werden, sondern mache diesen Ausflug nur zum Spaß. Aber ich nehme ihn wirklich ernst, weil ich denke, dass das auch zu mir passt und ich in allem, was ich tue, versuche, mein Bestes zu geben.
Sie haben sogar den Programmzettel grafisch selbst gestaltet – weshalb?
Weil auch er zur Show und dazu passen soll. Ein typischer Abendzettel würde dem Abend nicht gerecht werden.
Lampenfieber und Angst sind ein ständiger Begleiter von Künstlern, die live auftreten müssen. Trotzdem überwindet man sich und geht auf die Bühne. Warum?
Es stimmt, das Lampenfieber, die Angst, künstlerisch nicht zu genügen, der Kampf gegen die Panikattacken waren ein großes Problem für mich während meiner gesamten doch schon zwanzigjährigen Karriere. In den letzten Jahren ist es aber – Gott sei Dank – besser geworden, und ich bin sehr glücklich, weil ich mein Dasein auf der Bühne im Moment jetzt viel intensiver genießen kann.
Sie sind extrem charismatisch. Ist das etwas, was einem selbst auffällt?
Vielen Dank. Natürlich habe ich mich selbst nie als charismatisch empfunden, solche Urteile können immer nur von anderen kommen. Aber mit der Zeit bemerkt man dann doch, dass eine Kraft von einem ausgeht. Ich spüre, besonders wenn ich auftrete, wie sich die Aufmerksamkeit der Menschen mir zuwendet, dass das Publikum bereit ist, mich anzusehen, mir zuzuhören, sich grundsätzlich mit mir zu verbinden. Und genau darum geht es in der Kunst ja auch: Menschen miteinander zu verbinden.
Aber ist Charisma erlernbar?
Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Ich glaube, dass man wahrscheinlich alles lernen kann. Aber in diesem Fall geht es nicht ums Lernen, sondern ums Zulassen. Jede und jeder von uns hat eine bestimmte Ausstrahlung. Die Frage ist nur, ob wir uns erlauben, wir selbst zu sein, authentisch zu sein. Gestehen wir uns diese Freiheit zu, sind wir automatisch charismatisch.
Die Wiener Staatsoper gibt im November/Dezember Janáčeks »Věc Makropulos«. In diesem Werk geht es um ein geheimes Rezept, das hier auf der Erde unendliches Leben samt Jugend ermöglicht. Würden Sie dieses Rezept zumindest lesen? Vielleicht sogar benützen?
Ich glaube ohnehin an ein ewiges Leben – ob hier auf der Erde oder sonst wo im oder außerhalb des Kosmos, jenseits von Raum und Zeit. Ich gehe davon aus, dass ich schon sehr lange auf der Erde lebe. Vielleicht habe ich also schon eine Ewigkeit hinter mir – warum also nicht eine weitere Ewigkeit anhängen? Aber unserem körperlichen Dasein sind natürlich Grenzen gesetzt, und damit bin ich einverstanden. Ich hoffe jedenfalls, in 25 Jahren damit klarzukommen, alt zu werden, zu akzeptieren, wie sich mein Körper verändert. Das ist zwar schwierig, aber ich würde lieber lernen, mein Älterwerden zu akzeptieren, als dagegen anzukämpfen und zu versuchen, einen Kalender mit unendlich vielen Tagen zu erzwingen.