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SPEKTRALFARBEN DER INNENWELT

Mit Katerina, der Titelfigur in »Lady Macbeth von Mzensk« – für den Komponisten eine Sympathieträgerin – und ihren tyrannischen Schwiegervater Boris schuf Dmitri Schostakowitsch zwei sehr gegensätzliche, genau gezeichnete Charaktere. Wir baten die Wiederaufnahme-Interpreten dieser zentralen Rollen zu einer kurzen Interviewrunde.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, Schostakowitsch persönlich zu sprechen: Was würden Sie ihn in Hinblick auf Lady Macbeth von Mzensk fragen?

GÜNTHER GROISSBÖCK Neben der Lady Macbeth von Mzensk, die ich schon vor vielen Jahren als Zuschauer kennenlernen durfte, bin ich, was sein Œuvre betrifft, mit seiner 13. Symphonie – Babi Jar – sehr vertraut, da ich gleich in mehreren Aufführungen dieses Werkes mitwirken durfte. Ansonsten bin ich noch kein ausgesprochener Schostakowitsch-Experte, würde mit ihm also weniger über konkrete kompositorische Fragen sprechen, sondern eher allgemein: Etwa über das Leben und die Schrecken in der stalinistischen Sowjetunion, über die Codes, die Schostakowitsch in seine Werke versteckt hat und durch die er Kritik am System formulieren konnte, welche diese wären und ob wir heute schon alle aufgedeckt haben?

Schrieb Schostakowitsch – bedenkt man etwa das große Orchester – sängerfreundlich?

GG In Bezug auf die 13. Symphonie kann ich die Frage mit »Ja« beantworten. Der Basspart ist sehr lang, aber angenehm zu singen, nicht ermüdend und weist schöne Linien auf. Der Boris in der Lady Macbeth von Mzensk ist hingegen zu großen Teilen sogar absolut sängerunfreundlich komponiert. Vielleicht würde ich Schostakowitsch, um auf die erste Frage zurückzukommen, noch darauf ansprechen, ob er das absichtlich gemacht hat, um dem nicht eben edlen Charakter des Boris musikalisch zu entsprechen? Einen schönen italienischen Stimmklang wollte er, etwa in der Auspeitschszene, sicher nicht – aber war ihm klar, dass sich Sänger an solchen Stellen ordentlich »verbrüllen» können, wenn sie nicht aufpassen?
 

Inwieweit können Sie sich in die Rolle, die Sie diesmal verkörpern, hineinversetzen, die Beweggründe des Handelns nachempfinden?

GG Boris ist ein Scheusal, ein Tyrann, brutal, sadistisch, übergriffig – einfach grauslich. Andererseits versucht man natürlich auch, seine Paranoia, seine Angst vor dem Älterwerden, seine Einsamkeit zu verstehen. Und wenn Boris in seiner Todesangst nach dem Popen ruft, um die Beichte ablegen zu können und sein Seelenheil zu retten, wird es richtig berührend: Da kommt aus diesem Monster plötzlich etwas Aufrichtiges heraus. Ich sehe da sogar eine Parallele zum sterbenden Fafner in Wagners Siegfried. Es ist ja unsere Aufgabe als Sänger und Schauspieler, keine eindimensionalen Charaktere zu zeigen, nicht nur eine offensichtliche Farbe der darzustellenden Charaktere für das Publikum greifbar zu machen, sondern das ganze Spektrum der jeweiligen Innenwelten. Also beispielsweise bei einem Monster wie Boris auch dessen Bereuen und umgekehrt, bei so hehren Figuren wie Sarastro auch die latente Grausamkeit.


Das Werk hat viele dramatische Momente: Wo liegt Ihrer Meinung nach der Kulminationspunkt dieser Oper?

GG Es gibt gleich mehrere. Aber der dramaturgisch wie musikalisch gleichermaßen wohl wesentlichste ist in meinen Augen die schon angesprochene Auspeitschszene des Sergej. Denn dieser in seiner Brutalität musikalisch ungemein und unvergleichlich präzise gezeichnete Moment bewirkt erst Katerinas Entschluss, Boris zu vergiften, was aber dann letztlich auch ihr finales Schicksal besiegelt.


Weitere Informationen & Karten 

Termine: 28. (Wiederaufnahme) / 31. Mai / 3. / 8. / 12. Juni 2023