© Wiener Staatsoper GmbH / Ashley Taylor
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Mahler, live: Aufbruch in eine neue Ära

Der neue Direktor des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer präsentiert mit der Premiere Mahler, live nicht nur sein erstes eigenes Programm in der Wiener Staatsoper, sondern stellt sich mit seiner Uraufführung 4 zu Gustav Mahlers 4. Symphonie auch als Choreograph vor. Entstanden ist ein großes Ballett für das gesamte Ensemble, dem zur Eröffnung des Abends mit Hans van Manens Live eine intime Miniatur vorausgeht: Eines der Schlüsselwerke des Niederländers, erstmals mit dem Wiener Staatsballett zu sehen, das erste Videoballett der Tanzgeschichte und raffiniertes Spiel mit den Mechanismen der Wahrnehmung. Axel Kober dirigiert das Orchester der Wiener Staatsoper, als Solistinnen sind in der Premiere die Leipziger Bach-­Preisträgerin Schaghajegh Nosrati am Klavier sowie die Sopranistin Slávka Zámečníková aus dem Ensemble der Wiener Staatsoper zu erleben.

Eine Frau sucht einen Weg. Vorsichtig tastend setzt sie leicht hinkend einen Schritt vor den anderen. Plötzlich bricht sie zusammen, richtet sich aber so­ gleich wieder auf und führt gedankenversunken eine Hand an den Kopf. Sie wendet sich nach vorne, zum Orchester und seinem Dirigenten, dann zu uns Zu­schauern – und als würde sie ihren sich langsam öff­nenden Armen entströmen, setzt sie ein, die Musik: die ersten Takte von Gustav Mahlers Symphonie Nr. 4 G­-Dur, jenes berühmte Schellengeklingel, das meist als kindliche Erinnerung an eine Kutschenfahrt gedeutet wird. Doch die Idylle ist gestört, die »Fahrt« läuft direkt aus dem Ruder. »Als ob er nicht bis drei zählen könnte«, beginnt dieser 1. Satz – so Mahler laut den Erinnerungen von Nathalie Bauer­-Lechner, in denen sich aber auch noch eine andere Notiz findet. Im Rahmen der Münchner Uraufführung am 25. No­vember 1901 soll Mahler geäußert haben: Es »fängt doch gleich charakteristisch genug mit der Schellen­ kappe an«. Gemeint waren also wohl gar nicht die Glöckchen am Zaumzeug eines Pferdegespanns, son­dern die an der Kappe eines Narren. Und überblickt man die gesamte Komposition, erhalten die Schellen noch eine andere Konnotation: Im Verbund mit dem die Symphonie durchziehenden Volkston werden sie zu einer Art Arm­-Sünder­-Läuten, das im Finale ge­radezu dämonische Züge annimmt.

»Wir genießen die himmlischen Freuden« beginnt das Gedicht Der Himmel hängt voll Geigen aus Des Knaben Wunderhorn, das Mahler zunächst als eigen­ ständiges Lied komponiert, dann als Finale der 3. Sym­phonie geplant und schließlich in den Schlusssatz seiner 4. Symphonie aufgenommen hat – gesungen von einer Sopranstimme. »Mit kindlich heiterem Aus­druck, durchaus ohne Parodie!«, schrieb er für diese vor. Doch es schwebte ihm kein gekünstelter »Kinder­ton«, keine scheinbar »naive Unschuld« vor, denn: »Im letzten Satz erklärt das Kind, welches im Puppen­ stand doch dieser höheren Welt angehört, wie alles gemeint sei. (...) Es ist die Heiterkeit einer höheren, uns fremden Welt darin, die für uns etwas Schauer­lich­-Grauenvolles hat«, erweisen sich die »himmli­schen Freuden« doch als sehr irdisch­handfeste Ge­wohnheiten rund ums Essen und seine Beschaffung – gezeichnet mit einer teils lautmalerischen Deutlich­keit, die an die Naivität alter Heiligenbilder erinnert: Der Himmel als ein Schlachthaus, in dem der Kinder­mörder Herodes die Stelle des Metzgers eingenommen hat. Keine transzendierende Vision eines himmlischen Paradieses ist dieses Finale, sondern vielmehr ein böser Scherz, in den die Narren­-Schellen und krei­schende Orchestereinwürfe schrill dreinfahren. Ein ganz und gar nicht heiteres Stück, sondern ein radi­kaler Kommentar Gustav Mahlers zum Lauf der Welt.

Zu der einsamen Frau gesellt sich eine zweite dazu. Sie verwickeln sich in einen Tanz voller Schalk und Hinterlist. Mit einer natürlichen, spielfreudigen, manchmal aber auch bewusst ungelenken Bewe­gungssprache zieht Martin Schläpfer die beiden als zwei zentrale Protagonistinnen durch sein Stück, zwei, die kommentieren, intervenieren, irritieren, manchmal staunen, dann wieder mehr als jeder von uns wissen oder einfach nur da sind, in dem, was sich vor unserem Auge zu Gustav Mahlers 4. Symphonie entfaltet: Ein großes Tanzstück, geschaffen für das gesamte Ensemble des Wiener Staatsballetts, mit all seinen verschiedenartigen Künstlerpersönlichkeiten, erstmals in der Geschichte des Ensembles auch den kompletten Corps de ballet der Volksoper Wien inte­grierend.

Ein erster »Run through« im großen Ballettsaal der Wiener Staatsoper durch alle bis zu diesem Zeitpunkt choreographierten Szenen Anfang Oktober lässt die Zuschauenden geradezu sprachlos zurück: Die Vielfalt und Kraft der von Martin Schläpfer aus Gustav Mahlers Symphonie heraus entworfenen Szenen ist überwältigend. Zum Beispiel: Eine große Gruppe von Frauen auf Spitze. Voller Lyrik und Ele­ganz schreiben sie eine Sehnsucht mit der dafür vor­ gesehenen Bewegung aus dem romantischen Ballett in die Luft, doch ihre Körper sind nicht fragil, wie die der Wilis, Elfen, Schattenwesen oder Schwanenmäd­chen, sondern voller Kraft, moderne Frauen, stark, selbstbewusst, aber wissend um die Fragilität alles Lebens. Dann jagt ein Tänzer in riesigen Jetés über die Bühne, doch die klassische Linie ist verdreht und der Tänzer fasst sich immer wieder an den Kopf, als würde er sich fragen: »Was mache ich hier eigent­lich?« Immer neue Paare finden sich in unzähligen Pas de deux, mal von einer bedingungslosen Ergeben­heit in einem völlig befreiten Bewegungsfluss, mal sich voller Hingabe begegnend, dann kämpfend, dann auseinandergehend. Plötzlich bricht eine ganze Horde von Männern herein, wie gerufen zum Appell auf ein Schlachtfeld, aus dem nicht alle lebend herauskom­men werden. Eine andere Gruppe versammelt sich wie zu einem Gebet, der Stärkere den Schwächeren tragend, sechs Christophorusse ...

Martin Schläpfer ist in dieser Probe mittendrin im Geschehen. Immer wieder bricht er ab, greift ein, lässt wiederholen, geht weiter – in höchster Konzen­tration scharf beobachtend und zugleich mit seiner Stimme in Gustav Mahlers Musik genaue Anweisun­gen hineinmodulierend: »Don’t make it from outside, eine starke Körperlichkeit braucht die Kraft von in­nen!“ oder: „Bitte viel romantischer, nicht so rhyth­misch, sonst verlieren wir gegenüber der Qualität der Musik!“ oder: „Achtet darauf, dass Ihr nicht in die Falle der Emotion und der Schönheit geratet!“

Die Musik Gustav Mahlers begleitet Martin Schläpfer seit jungen Jahren und rahmte seine Karriere als Tänzer mit zwei herausragenden Produktio­nen: 1979 schrieb ihm Heinz Spoerli in seinem Ballett Wendung zu den Rückert-Liedern die erste große Hauptrolle auf den Leib; zum Abschluss seiner Solis­tenlaufbahn tanzte Martin Schläpfer 1989 dann die von Maurice Béjart für Rudolf Nurejew kreierten Lieder eines fahrenden Gesellen. Im Herbst 2013 stellte er sich schließlich als Choreograph der Herausforde­rung, den symphonischen Riesenarchitekturen Mah­lers auf Augenhöhe mit dem Tanz zu begegnen in seinem Ballett zur 7. Symphonie, das mit Gastspie­len in Taiwan, Moskau, Bilbao, München sowie beim Edinburgh International Festival ein großes Publi­kum begeisterte. Mit 4 folgt nun an jenem Ort, den Gustav Mahler als Hofoperndirektor so entscheidend und nachhaltig geprägt hat, Martin Schläpfers Auseinandersetzung mit dessen G­-Dur-­Symphonie: ein tänzerisches Welttheater über die Sehnsüchte, Ver­lorenheiten und Verwerfungen des Menschen, hin­eingegraben in Mahlers faszinierende Klangwelten auf der Schwelle zwischen Romantik und Moderne mit all ihren Brüchen, Auftürmungen, aber auch Ent­rückungen und traumverlorenen Gegenwelten. Ein Aufbruch aber auch in eine neue Ära des Wiener Staatsballetts.

Anne do Paço