Harry Kupfers »Elektra« kehrt zurück ans Haus am Ring

Am 23. November 2020 streamt die Wiener Staatsoper hier Harry Kupfers packende Inszenierung der Elektra, ein Meisterwerk der eindrucksvollen Bilder und der genauen Figurenzeichnung. In Wien feierte die Produktion am 10. Juni 1989, am Vorabend des 125. Geburtstags von Richard Strauss, Premiere – und schrieb ein Stück Interpretationsgeschichte. 

Wer die Inszenierung einmal gesehen hat, wird sie nie vergessen: Das riesige, halbzerstörte Standbild des ermordeten Agamemnon dominiert die Bühne, unter seinem Fuß eine Weltkugel. Bedrohlich, beängstigend, allgegenwärtig. An ihm zerren alle Figuren der Oper, kommen nicht los, können sich nicht befreien. Was Harry Kupfer zeigt, ist nicht nur eine antike Geschichte um Mord und Rache, es geht um Gewalt und Gegengewalt, um Macht und Manipulation, um Unterdrückung. Im Schatten der Statue erzählt er die Geschichte aller Diktaturen und ihrer Folgen, es ist eine Anklage und ein Aufbäumen. Und wie in allen seinen Arbeiten rückt er den Menschen vielschichtig ins Zentrum: Elektra ist gleichzeitig Opfer und Rächerin, manipulierend, einsam, destruktiv und zornig. Keine Figurenschablone, sondern eine psychologisch aufbereitete Studie. Wie sagte da die Premieren-Elektra Éva Marton im Laufe der Probenarbeit so richtig? „So etwas Kreatives habe ich überhaupt noch nie erlebt. Er hatte eine feste Hand und doch eine lange Leine.“ Und die Klytämnestra der Premiere, Brigitte Fassbaender: »Kupfer trieb mich an die Grenze des Machbaren, des Singbaren, ich war danach wie aus dem Wasser gezogen. Die sängerische Aktion trat bei dieser Rolle zugunsten der schauspielerischen in den Hintergrund. Es war eine große und wichtige Erfahrung, eine künstlerisch gebändigte Selbstentäußerung, die ich Harry Kupfer zu verdanken hatte.«

Die Intensität der Probenarbeit spiegelt sich in der packenden Aussagekraft der Inszenierung wider: „Harry Kupfer, der alle Sänger zu grandiosen schauspielerischen Leistungen führt, räumt in seiner präzise analysierenden, beängstigenden und packenden Inszenierung mit gängigen Klischees auf. Elektra stirbt nicht nur an der Freude darüber, dass ihr Rachedurst endlich gestillt ist, sondern an der entsetzlichen Erkenntnis, dass nun kein neues Leben beginnen kann, weil der Mordkreislauf nicht mehr abbrechen wird“, kommentierte der Kritiker Ernst Naredi-Rainer die Produktion.

Als erste Wiederaufnahme der neuen Spielzeit stand Elektra – szenisch von der Kupfer-Mitarbeiterin Angela Brandt neu aufbereitet – ab 8. September wieder am Spielplan. Zu hören ein außerordentliches Damenterzett: Erstmals singt KS Ricarda Merbeth im Haus am Ring die Titelpartie, KS Camilla Nylund debütiert als Chrysothemis, Doris Soffel als Klytämnestra. In der Partie des Orest stellt sich Derek Welton, der heuer bei den Salzburger Festspielen größte Erfolge feierte, dem Wiener Staatsopern-Publikum vor.

Zuletzt noch einmal Kupfer, der am 30. Dezember 2019, im Alter von 84 Jahren, starb, zu der Frage nach seinem Antrieb und Credo: „Ich möchte alle Fragen der Welt in dieser schönen, totalen Kunstform, der Oper, durchspielen, um dabei Vorschläge zu machen für das Zusammenleben der Menschen.“

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