Einführung „Das verratene Meer“

Die Wiener Staatsoper streamt die Premiere von Das verratene Meer am 14. Dezember 2020 um 19.00 Uhr auf play.wiener-staatsoper.at weltwelt live und kostenlos. Ö1 stahlt Das verratene Meer am 15. Dezember 2020 um 19.30 Uhr aus. 

Entstehungsgeschichte und Fassung

Hans Werner Henzes Musikdrama in zwei Akten Das verratene Meer beruht auf dem Roman Gogo no eikô (auf Deutsch erschienen unter dem Titel »Der Seemann, der die See verriet«) des japanischen Autors Yukio Mishima (1925-1970). Der Librettist Hans-Ulrich Treichel orientierte sich eng an der Struktur des Romans. Uraufgeführt wurde die Oper 1990 an der Deutschen Oper Berlin. 2003 fand die japanische Erstaufführung in japanischer Sprache statt, mit der ein sich über mehrere Jahre hinziehender Revisionsprozess begann. Diese überarbeitete Fassung erklang 2006 auch bei den Salzburger Festspielen in einer konzertanten Aufführung.

Bei der Erstaufführung an der Wiener Staatsoper wird eine eigene Fassung in deutscher Sprache gespielt, die sich an der Fassung von 2005 orientiert, aber einige damals vorgenommene Striche rückgängig macht. Dirigentin Simone Young: „Sowohl das Regieteam als auch ich geben der etwas längeren 2005er Fassung den Vorzug gegenüber der ursprünglichen von 1990. Wir finden sie insgesamt schlüssiger, musikalisch interessanter. Nicht zuletzt für die zahlreichen phänomenalen Zwischenspiele, genauer: Verwandlungsmusiken, nahm sich der reifere Henze mehr Zeit – insbesondere die leisen und zarten, nachdenklichen, sparsam orchestrierten Passagen bekamen ein größeres Gewicht“.

Die Vorlage

Der japanische Schriftsteller Yukio Mishima wurde 1925 in Tokyo geboren. Der Autor war mehrfach für den Literatur-Nobelpreis im Gespräch, ist aber bis heute eine zwiespältige Figur der japanischen Nachkriegsliteratur: Gegen Ende seines Lebens wandte er sich einem radikalen Nationalismus zu. Im November 1970 nahm er einen Kommandanten des japanischen Militärs als Geisel, hielt eine Rede an die Soldaten und beging dann einen lange vorbereiteten rituellen Selbstmord. In seinen Werken verarbeitet er immer wieder Themen wie Sexualität, Gewalt, Selbstmord, Obsessionen und Tod in unterschiedlichsten Formen und Gattungen – vom Nō-Theaterstück bis zum Spionageroman.

Die Novelle Gogo no eikô erschien 1963 in Japan, bald darauf auch in vielen anderen Sprache. Der Titel bedeutet wörtlich übersetzt »Schiffsschleppen am Nachmittag« und hat im japanischen verschiedene Konnotationen. Unter anderem deutet der Titel an, dass ein Schiff nicht mehr aus eigener Kraft fahren kann und deshalb abgeschleppt werden muss – so wie der Seemann im Roman von den Jungen ins Totenreich gebracht wird, in das er ihrer Ansicht nach gehört.

Die Handlung

Der 13-jährige Noboru lebt in zwei Welten zugleich und ist in keiner von beiden zuhause: Mit seiner Mutter Fusako bildet er seit dem Tod seines Vaters eine nahezu unzertrennliche Einheit, zugleich radikalisiert er sich als Mitglied einer Jungendbande, die der Elterngeneration den Kampf angesagt hat. Beide Welten sind die Negation der jeweils anderen: das von der Mutter dominierte, ganz auf urbane Eleganz, Karriere und Erfolg ausgerichtete Leben einerseits, die Phantasien der Schulkameraden von »männlicher« Kälte, Härte, Heroismus und Gefahr andererseits.

Als Noboru und seine Mutter den Offizier eines großen Frachtschiffes kennenlernen, verlieben sich beide in ihn. Eine Amour fou, die die Mutter zunächst alle Vorsichtsmaßnahmen vergessen lässt, mit der sie ihr Leben und das ihres Sohnes umzäunt hatte. Dann aber verführt sie umgekehrt ihren Geliebten zum »Verrat« am Meer und lernt ihn als Mitarbeiter in ihrer Modeboutique an. Aus dem ungebundenen, todesmutigen tragischen Helden wird ein spießiger Familienvater, der sein Gnadenbrot als »Ladenschwengel« fristen wird. Seine Entzauberung kann ihm Noboru nicht verzeihen. Mehr und mehr gerät er in den Sog des dämonischen Anführers seiner Bande. Die Dynamik des Geschehens mündet in eine zynische Bluttat, die die minderjährigen Täter im Bewusstsein begehen, dass sie im Falle ihrer Entdeckung straffrei ausgehen werden.

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Die Musik

Als „Liebestragödie von klassischen, archaischen Ausmaßen“ charakterisierte Hans Werner Henze den Roman. Vertont hat er ihn als „Musikdrama“ mit großem Orchesterapparat. Diesen Orchesterapparat setzt der Komponist teileweise mit voller Wucht ein, in anderen Momenten hingegen in kammermusikalischen, solistischen Teilbesetzungen. „Dieses Aufeinanderprallen des reifen Henze, mit seiner Ruhe und Transparenz und des früheren, wilden, orchestralen intensiven Henze der später 1980er-Jahre macht den Reiz der Spätfassung aus, zumal dadurch die Konfrontation der drei Hauptfiguren und die daraus resultierenden Emotionen noch besser zur Geltung kommen.“ (Simone Young)

Zur Inszenierung

„Bei der Uraufführung 1990 gab es durchaus auch kritische Stimmen, die Henze vorwarfen, er habe das Grauen der Geschichte durch den Wohlklang seiner Musik ästhetisiert. Wir haben das Gefühl, dass gerade diese Melodiösität ganz viel mit dem Genre des Psychothrillers zu tun hat: Wie bei einem guten Psychothriller ist Musik von einer verführerischen Schönheit, die dramaturgisch eingesetzt wird. Dahinter lauern Abgründigkeit und Gewalt,“ beschreibt Sergio Morabito den Blick des Regieteams auf die Oper.

Als „Kammerspiel“ beschreibt Jossi Wieler die Handlung, nicht aber die Oper als Ganzes: „Sieben Figuren, kein Chor, aber ein Riesen-Orchesterapparat mit archaischen Klangdimensionen – dieser Klang führt uns in die Abgründe und Albträume der Figuren. Unter der naturalistischen Oberfläche, die dieser Roman aufzuweisen scheint und der auch die Oper äußerlich folgt, liegen sehr viel traumatischere, obsessivere Bilder“.

Bühnenbildnerin Anna Viebrock hat einen Raum geschaffen, der die verschiedenen Handlungsorte Boutique, Hafen, Schiff usw. assoziativ ineinander verschachtelt. Die Verwandlungsmusiken Henzes werden in der Inszenierung zu Musiken des Innenlebens der Figuren und lassen die Erinnerungen, Träume und Ängste Noborus, seiner Mutter Fusako und des Seemannes lebendig werden.

Zur Besetzung

Hans Werner Henze besetzt die Hauptfigur Noboru nicht mit einer Knabenstimme, sondern mit einem lyrischen Tenor. Der junge kanadische Tenor Josh Lovell, seit 2019/20 Mitglied im Solistenensemble der Staatsoper, verkörpert den hin- und hergerissenen Jugendlichen. Die neu ins Ensemble der Staatsoper eintretende Sopranistin Vera-Lotte Boecker hat gerade auch durch ihre Darstellung von Henze-Partien wie der Natalie im Prinzen von Homburg oder der Autonoe/Proserpina in den Bassariden international auf sich aufmerksam gemacht. Mit der Fusako erweitert sie nun die Reihe ihrer Henze-Heldinnen. Der in Wien etablierte dänische Bariton Bo Skovhus kehrt als Ryuji an den Mittelpunkt seines künstlerischen Wirkens zurück. Sein Hausdebüt gibt Countertenor Kangmin Justin Kim als »Nummer Zwei«.

Ebenso debütiert das Regieteam Jossi Wieler/Sergio Morabito an der Wiener Staatsoper, an der Seite der Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock, mit der gemeinsam sie weltweit bereits über 20 Opern inszeniert haben.