© Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn

Konzentriert auf die Vielfalt

Das Musiktheater mit all seiner Vielfalt und Mehrschichtigkeit: Da ist für einen Sänger die Konzentration auf das Wesentliche von entscheidender Bedeutung. Wenn man Ihnen bei Ihrer Arbeit zuschaut, hat man das Gefühl, dass Sie wie kaum ein anderer die Fokussierung beherrschen.

Tomasz Konieczny: Wobei ich mir das erst allmählich erwerben musste. Als junger Mensch haben mich sehr viele unterschiedliche Dinge interessiert und ich war in meinen Beschäftigungen mit ihnen stets hin und her gerissen. Es fiel mir schwer, mich auf nur eine Sache in einem Moment zu konzentrieren. Ich hatte einfach so vieles im Kopf – und wollte am liebsten alles gleichzeitig machen! Im Schauspielstudium kam mir eine Lehrerin – Zophia Petri – dazu Hilfe. Sie ließ uns eine einfache Übung – und die einfachen Dinge sind oftmals diebesten – absolvieren. Wir sind mit Büchern auf dem Kopf umhergegangen und haben dazu unsere eben einstudierten Rollen rezitiert. Das führte dazu, dass man sich tatsächlich auf nur eine Sache – die unmittelbare Situation – konzentrieren musste und konnte. Mir hat diese Übung sehr geholfen meine Gedanken zu bündeln und zu fokussieren.

Wie sieht diese Fokussierung in Ihrem Sänger-Alltag aus? Geht es nur um ein Ich-konzentriere-mich-auf-den-Auftritt oder schlägt sich das schon im Wie der Rollen-Auseinandersetzung nieder?

Tomasz Konieczny: Zweiteres. Denn für mich ist die Perspektive einer Figur die wesentliche Frage. Ich muss mir klar werden, in welche Richtung sich ein Bühnencharakter entwickelt. Wenn ich einen Zielpunkt gefunden habe, dann suche ich nach den Möglichkeiten, diese Richtungs-These zu bestätigen und zu untermauern. Und ich suche nach den geeigneten Momenten, diese Ausrichtung hervortreten und plastisch werden zu lassen. Wenn man sich so mit ganzer Energie auf eine Richtung konzentriert, dann gibt es eben wenig Raum für anderes, das einen ablenkt. Dass man sich im Moment des Auftritts ganz auf diesen konzentriert ist selbstverständlich – und das passiert ja fast von selbst.

In der Opernliteratur gibt es allerdings auch Bühnenfiguren, die sich in keine besondere Richtung bewegen und die nur wenig dramatische Entwicklung zeigen. Wie gehen Sie mit diesen Situationen um?

Tomasz Konieczny: Es gibt Charaktere, die man überhaupt nie ausschöpfen kann, wie etwa den Wotan. Dann gibt es auch etwas einfacher gestrickte Typen. Den Don Pizarro zum Beispiel. Ich finde Figuren wie ihn komplizierter, weil er eben eindimensional ist und sich innerhalb des Charakters wenig tut. Bei Don Pizarro weiß man sehr wenig über die Vorgeschichte, man erlebt, wie er den Brief bekommt, man erlebt seine große Szene, dann am Ende, wie er in Ungnade fällt. All das zeigt keine besondere Entwicklung, sondern vermittelt eine charakterliche Statik. In solchen Fällen muss man einen anderen Zugang finden. Bei Pizarro bemerke ich die ganze Zeit eine Art Beben, das sich durch all seine Auftritte zieht. Diese Vibration – die Beethoven auch in die Musik gelegt hat –, dieses ständige Unter-Spannung-Stehen ist etwas, was ich ins Innere der Figur lege. Daraus schöpfe ich das Material für die Plastizität des Pizarro.

In unserem letzten Interview sprachen Sie darüber, dass Sie am Musiktheater interessiert, etwas zu finden, das größer ist als Ihre eigene Existenz. Bedeutet das auch, dass Sie für Ihre eigene Existenz lernen?

Tomasz Konieczny: Ja natürlich! Auf der Bühne zentrale Momente im Dasein einer Figur zu durchleben kann eine fast ebenso große Erfahrung sein wie das unmittelbare Erleben selbst. Wenn man sich mit den Schwierigkeiten und den Fragen einer Bühnenfigur auseinandersetzt, dann kann das eine Gewichtung bekommen, die dem tatsächlichen Leben nahekommt. Das bedeutet aber auch, dass solche Rollenerlebnisse mein Leben bereichern. Wir Sänger und Schauspieler sind diesbezüglich sehr glückliche Wesen, weil wir das Dasein anderer Personen gleichsam durchleben können.

Das alles aber in Grenzen.

Tomasz Konieczny: Besser in Grenzen! Natürlich ist ein Tod auf der Bühne kein echter Tod. Aber wenn ich einen Mörder spiele, dann kann ich mich mit ausreichend Fantasie in die Situation hineinversetzen, in der sich der Verbrecher befindet. Ich kann mir vorstellen, wie er sich unmittelbar vor der Tat fühlt, ich kann mir vorstellen, wie es ihm nach der Tat geht. Es ist immer nur eine Frage der Intensität. Ist das „Fantasierte“ intensiv genug – und jetzt sind wir wieder bei der Fokussierung – dann wird es fast zum Erlebnis. Ich habe also die emotionale Ebene durchlebt, ohne real gehandelt zu haben.

Bei einer solchen Bedeutsamkeit des Charakters stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien Sie neue Rollen annehmen. Denken Sie sich: Hm, dieser Typus fehlt mir noch, den möchte ich einmal darstellen?

Tomasz Konieczny: Als junger Künstler begann ich immer genau mit dieser Vorstellung: Ich ging vom Charakter aus. Inzwischen bin ich ein wenig schüchterner geworden und fange beiden technischen beziehungsweise musikalischen Fragen an. Ich beschäftige mich also am Beginn wirklich nur mit den Noten, ich lerne sie „weiß“, ganz ohne szenische Darstellung und ganz ohne Emotionalität. Das zu schaffen war für mich ein langer Weg – aber es bringt mir enorm viel. Denn beherrsche ich die technische und musikalische Seite einer Partie erst einmal, habe ich viel mehr Möglichkeiten verschiedene charakterliche Zugänge auszuprobieren und zu experimentieren. Wenn ich mich allerdings schon am Anfang festlege, verschließe ich mich dieser Chance. Mein Ratschlag an junge Kolleginnen und Kollegen ist also: Lernt einmal die Form, lernt die Grundlage und legt dann den Charakter darüber.

Im April singen Sie u.a. Wotan/Wanderer an der Wiener Staatsoper. Natürlich ist der Wotan allein von seiner Polydimensionalität her ein attraktiver Charakter. Fragen Sie sich aber inmitten all seiner Bemühungen nicht, warum er die Dinge nicht ganz zu Ende denkt?

Tomasz Konieczny: Wotan ist zweifellos eine sehr intelligente Figur, wie die meisten Charaktere bei Wagner. Aber er ist auch ein wenig faul. Anfangs hat er sich ins Zeug gelegt, das erfährt man in der Handlung in Erzählungen. Dann aber ruht er sich aus und lässt die Dinge schleifen. Loge übernimmt – und das sorgt für die Schwierigkeiten, die wir alle miterleben. Die Bequemlichkeit Wotans führt zu vielen Schwierigkeiten und Verwicklungen. Ich würde sagen, er ist intelligent, aber nicht wirklich klug. Vor allem fehlt es ihm an emotionaler Intelligenz, wie wir immer wieder sehen.

Ist sein Handeln letztlich ein großes Scheitern?

Tomasz Konieczny: Ja und nein. Er scheitert in seinen Plänen, das steht fest. Dass am Ende der Ring vom Fluch erlöst wird, ist Brünnhildes Werk. Aber dennoch: Wotan ist uns allen ja sehr sympathisch, er bleibt in unserer Erinnerung als positive Figur, er ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Bei allen Fragwürdigkeiten, die er macht ist er in unseren Köpfen der „Gute“, Alberich hingegen der „Böse“. Es gibt eine Ambivalenz in der Figur, das ist klar – aber er hat eine imposante Größe. Insofern scheitert er in diesen Dingen nicht. Ich würde das Bild also nicht allzu dunkel zeichnen.

Wenn Sie die einzelnen Teile vergleichen: Welcher der Wotane ist Ihnen am sympathischsten?

Tomasz Konieczny: Jener aus der Walküre. Da ist das Dramatische wie ein Band durchgezogen und die Amplitude der Emotionen ist einfach großartig. Man erlebt eine faszinierende Bühnenfigur, mit allen Höhen und Tiefen.

Und musikalisch?

Tomasz Konieczny: Auch musikalisch ist er mir am liebsten: der Walküren-Wotan trägt nämlich viel anderes aus Wagners Schaffen in sich: den Amfortas, den Telramund, den Holländer. Es ist eine Partie voller Farben und Schattierungen: und die Richtungen, die sich einem Sänger bieten, sind unüberschaubar!

Wenn man aber eine Ring-Serie absolviert hat: Kann man danach einfach etwas anderes singen? Scheint einem vieles aus dem herkömmlichen Repertoire nicht unbedeutend nach einer so komplexen Handlung, Figur?

Tomasz Konieczny: Das ist eine gute Frage – sie weist nämlich auf ein Paradoxon hin: Es ist genau umgekehrt! Nach dem Wotan packt mich eine große Sehnsucht nach etwas Einfacherem, Kleinerem. Der liebe Gott hat uns hier geholfen und uns den Wunsch nach Kontrast und Abwechslung geschenkt!

Oliver Láng


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