© Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn

"Alles auf höchstem Niveau Vorhanden"

Klagte man in den frühen 2000ern noch darüber, dass allzu viele jüngere Dirigenten den Operngraben zugunsten des Konzertpodiums vernachlässigen, hat sich in den letzten Jahren eine neue Generation an Kapellmeistern im besten Sinne des Wortes herausgebildet, die in beiden Bereichen – im symphonischen wie im Musiktheater – gleichermaßen zu Hause ist. Einer von ihnen ist der aus Tschechien stammende Tomáš Hanus, seines Zeichens Musikdirektor der Welsh National Opera und Garant für gleichermaßen tiefschürfende wie lebendig-packende Interpretationen. An der Wiener Staatsoper debütierte der dementsprechend international Vielgefragte 2017 mit einer Rusalka-Serie und kehrt nun mit Humperdincks Hänsel und Gretel zurück an das Haus am Ring.

Sehr geehrter Maestro, eine ganz allgemeine Frage: Wie bekannt ist das Hänsel und Gretel-Märchen in Ihrer Heimat?
Tomáš Hanus: Die Protagonisten haben andere Namen und ein paar Details der Geschichte unterscheiden sich von der gängigen Version, aber im Prinzip kennt man den Stoff. Hinsichtlich der Humperdinck-Vertonung gibt es im gesamten slawischen Raum aber leider noch ziemlichen Nachholbedarf und daher auch wenig Möglichkeiten, das Stück aufzuführen respektive zu erleben. Umso glücklicher war ich, als mir Nikolaus Bachler angeboten hat, dieses von mir so hoch geschätzte Werk 2013 bei einer Premiere an der Bayerischen Staatsoper zu dirigieren.

Von seiner Wagner-Nachfolge sind schon viele Seiten vollgeschrieben worden, aber was ist nun originär an diesem Werk Humperdincks? Was bleibt, wenn man von Hänsel und Gretel Wagner abzieht?
Tomáš Hanus: Wenn man von Hänsel und Gretel Wagner abzieht bleibt Humperdincks Hänsel und Gretel übrig (lacht). Nein, im Ernst: Natürlich stand Humperdinck in einer bestimmten Tradition, insbesondere in der sogenannten Wagner-Nachfolge. Nichtsdestotrotz ist die Art, wie er zum Beispiel das Volksliedhafte und das große Musikdrama, die gesungenen Teile mit den symphonischen Abschnitten miteinander zu einer wunderbaren Einheit verschmolzen hat, absolut einzigartig und authentisch.

Und wie sieht es mit dem rein Handwerklichen aus? Immerhin war Hänsel und Gretel Humperdincks erste Oper?
Tomáš Hanus: Ein oft bemühter, aber dennoch wahrer Satz besagt, dass man wahrer Kunst die zugrundeliegende Anstrengung ebenso wenig anmerken dürfe wie die Mittel und Handgriffe. Und genau das trifft auch auf Hänsel und Gretel zu: Dass hinter dem so natürlich Lebendigen, dem gelegentlich fast improvisiert Klingenden eine komplexe, aber niemals starre Struktur existiert, in der zum Beispiel wie in einem Mosaik unterschiedliche Formen und Techniken verknüpft werden, in der die einzelnen Phrasen meisterhaft dem Text angepasst sind, in der vieles aufeinander bezogen ist, das alles kann nur einer ermessen, der sich intensiver mit dem Stück auseinandergesetzt hat.

Apropos „vieles auf einander bezogen“: Gibt es eine Tempodramaturgie, eine Gesamtarchitektur, die der Interpret zu beachten hat?
Tomáš Hanus: Selbstverständlich. Schon in der Ouvertüre erklingt etwa manches, das im Laufe der Oper aufgegriffen wird und so ist es von Anfang an notwendig, die Partitur als ein Gesamtbild zu begreifen.

Und ebendiese Partitur hat schon Strauss als Herausforderung für den Interpreten erkannt.
Tomáš Hanus: Natürlich: Schließlich geht es darum die eben erwähnte Natürlichkeit zum Ausdruck zu bringen – der Dirigent muss somit nicht zuletzt bei diversen Tempo- und Agogik-Forderungen sehr wichtige Entscheidungen treffen, um dieser Vorgabe gerecht zu werden. Es geht aber auch darum, den vom Komponisten intendierten elegant-schlanken, detailreichen und filigranen Stil trotz des doch sehr großbesetzten Orchesters umzusetzen. Anders gesagt: Der Dirigent muss darauf achten, dass das Publikum nicht einen, die Sänger zudeckenden Klangteppich vernimmt, sondern all das, was Humperdinck komponiert hat.

Das Instrumentarium etwas auszudünnen, wäre kein gangbarer Weg?
Tomáš Hanus: Wenn man das Werk in einem kleineren Haus aufführen möchte, dann ist das ein notwendiges Übel, das allerdings letztlich einer Bearbeitung gleichkommt. Ansonsten – wozu?

Um es dem Dirigenten leichter zu machen, die Klangmassen aus dem Orchestergraben zu minimieren ...
Tomáš Hanus: Ich glaube, dass es für einen Dirigenten wichtig ist, sich mit den Problemen seriös auseinanderzusetzen. Es geht nicht darum, es „bequem“ für sich selbst zu machen, sondern alle Mittel zu verwenden, die der Dirigent hat.

Zurück zum erwähnten Strauss: Ist ein Niederschlag von Humperdinck bzw. Hänsel und Gretel im Werk von Strauss auszumachen – immerhin hat dieser das Stück ja uraufgeführt?
Tomáš Hanus: Diese Frage könnte man durchaus als Forschungsauftrag vergeben. Sicher ist, dass Strauss allein als Dirigent vielerlei Stilen und Inspirationen ausgesetzt war und garantiert einiges absorbiert und in seine persönliche Handschrift umgegossen hat.

Warum wirkt diese Oper auf Kinder so faszinierend?
Tomáš Hanus: Kinder möchten, zu recht, ernst genommen werden – und die Musik von Humperdinck tut genau dies. Hier wird nichts verniedlicht, nichts vereinfacht. Im Gegenteil – das Märchen wird in eine überaus breite, durchaus herausfordernde musiktheatrale Palette eingebettet: von melancholisch bis dramatisch, von ernsthaft bis witzig, von spannend bis vertraut-familiär, von düster bis hell, von klanglichen Naturschilderungen bis zu psychologischen Feinzeichnungen – alles ist auf höchstem Niveau vorhanden (übrigens vergleichbar mit Janáceks Schlauem Füchslein), sodass sich einerseits alle Altersstufen abgeholt fühlen und andererseits jeder und jedem mit fortschreitendem musikalischen Verständnis neue Reichtümer offenbaren.

Das Gespräch führte Andreas Láng


Hänsel und Gretel | Engelbert Humperdinck
27., 30. Dezember 2019
2., 5. Jänner 2020

KARTEN & MEHR