... Allen Seelen zur Freude

"Die Musik ist unendlich liebevoll und verbindet alles: ihr ist der Ochs nicht abscheulich – sie spürt, was hinter ihm ist, und sein Faunsgesicht und das Knabengesicht des Rofrano sind ihr nur wechselweise vorgebundene Masken, aus denen das gleiche Auge blickt – ihr ist die Trauer der Marschallin eben so süßer Wohllaut wie Sophiens kindliche Freude, sie kennt nur ein Ziel: die Eintracht des Lebendigen sich ergießen zu lassen, allen Seelen zur Freude.“ So schreibt Hugo von Hofmannsthal, der geniale und Strauss ebenbürtige Librettist des Rosenkavalier in seinem berühmten Ungeschriebenen Nachwort zur Oper.

Füllt das Schrifttum zu Richard Wagners Ring des Nibelungen inzwischen tatsächlich eine kleine Bibliothek, so kann der Rosenkavalier zumindest auf Bücherschränke voll Literatur, Interpretationen und Analysen verweisen. Um wie viel umfangreicher sind noch die in die Herzen des Publikums eingeschriebenen Erinnerungen und Momente! Wer hatte noch nicht seinen Rosenkavalier-Augenblick? Oder gleich mehrere davon? Wer ist im Schlussterzett nicht auch in der verklärten Seligkeit versunken? Die Generationen von Zuschauern, Künstlern und Opernliebhabern, die sich von der Marschallin und ihrem abgeklärt-bitteren Abschied haben einfangen lassen, ist ebenso sonder Zahl wie jene, die den Walzer summend das Opernhaus verlassen haben. Zitierfreudige seufzen gerne „Die Zeit ist ein sonderbar Ding“ und Nostalgiker erzählen über legendäre Aufführungen ihrer Jugend. Der Rosenkavalier ist eines jener Werke, das Publikum und Künstler unter einem Narrativ vereinigt, das eine Musiktheater-Ikone darstellt. Den Rosenkavalier heute als Werk in Frage zu stellen käme vielen ebenso sonderbar vor wie Mozarts Nozze di Figaro in seiner Gesamtheit zu hinterfragen. Der Rosenkavalier ist der Rosenkavalier und Operngeschichte.

Ein Blick in die Aufführungsgeschichte zeigt, dass der Rosenkavalier eines jener Werke ist, das vom ersten Moment an „eingeschlagen“ hat – berühmt ist die Geschichte, dass nach der Uraufführung in Dresden (1911) Sonderzüge organisiert werden mussten, um das überbordende Interesse der Zuschauer zu stillen.

Und in Wien? Da erwartete man den ersten Rosenkavalier sehnlichst, und als am 8. April 1911 die Oper erstmals gegeben wurde – in der berühmten Ausstattung von Alfred Roller –, da kannte die (Vor-)Freude keine Grenzen mehr. Franz Schalk, Wegbegleiter, späterer Partner und noch später Gegner von Richard Strauss, leitete die Erstaufführung im Haus am Ring, mit Lucie Weidt als Marschallin, Marie Gutheil-Schoder als Octavian und Richard Mayr als Ochs stand eine außergewöhnliche (viele meinten: sogar noch bessere als in Dresden) Besetzung auf der Bühne. (Dass Gertrude Förstel und nicht Selma Kurz die Sophie sang, hatte ein kleinliches Missverständnis und Zerwürfnis zwischen Direktor Hans Gregor und der Sängerin als Grund.) So sehr die Sänger auch bejubelt, von der Presse auch gelobt wurden, so wenig zeigte sich die Wiener Presse vom Stück überzeugt. Was man dem Rosenkavalier nicht alles vorwarf: Zu lang, zu uneinheitlich, schwaches Libretto, ein künstlerisch nachlassender Richard Strauss, oder überhaupt: falsch! Posse! Verkennung! Und wenn das Publikum auch frenetisch applaudierte, so war es – laut Kritiken – nur ein Achtungserfolg, den viele nicht teilten. Und so weiter und so fort…
Die Zuschauer machten sich nichts draus und stürmten die Aufführungen: 431mal gab die Wiener Oper das Werk bis 1945, nach der Wiedereröffnung 1955 folgten 568 Vorstellungen, alles, was Rang und Namen hatte und hat, war zu Gast im Wiener Rosenkavalier. Bisher in 999 Vorstellungen – am 21. März wird nun der erste Tausender erreicht sein!

Oliver Láng