Stephan Thoss, Christopher Wheeldon, Jerome Robbins

Thoss | Wheeldon | Robbins

Ballett

„Fächerübergreifend“ – so ließe sich die thematische Klammer des Abends bezeichnen. Mit "The Four Seasons", uraufgeführt 1979 durch das New York City Ballet im New York State Theater, schuf Jerome Robbins eine Choreographie zu Musik von Giuseppe Verdi, die unmittelbaren Bezug zur Oper – konkret "I Vespri Siciliani", ergänzt um Ausschnitte aus "I Lombardi" und "Il Trovatore" – nimmt. "Fool’s Paradise" von Christopher Wheeldon basiert dagegen auf Musik von Joby Talbot, welche ursprünglich für einen Film komponiert wurde. "Blaubarts Geheimnis" schließlich stützt sich auf Musik von Philip Glass, die sowohl für Film als auch den Konzertgebrauch konzeptioniert wurde. Auf diese Wiese klingen in der Musikauswahl der drei Choreographen interdisziplinäre Komponenten an, die sich über den Faktor Musik hinaus noch in vielen weiteren Aspekten der Ballette finden lassen, wobei sich die Querverbindungen vom Modedesign bis hin zur Psychoanalyse spannen. "Blaubarts Geheimnis" war auch an der Volksoper Wien zu sehen und wird in der aktuellen Werkzusammenstellung für die Wiener Staatsoper ohne die "Präludien" gezeigt.

21 November
Montag
19:00 - 21:45
2 Pausen
Preise C in den Kalender übernehmen

Besetzung | 21.11.2016

Blaubarts Geheimnis (Ausschnitt)

Dirigent Alexander Ingram
 
Blaubart Eno Peci
Judith Alice Firenze
Blaubarts Mutter Rebecca Horner
Blaubarts Alter Ego Andrey Kaydanovskiy
 

Fool's Paradise

Dirigent Alexander Ingram
 
Tänzerin 1 Ioanna Avraam
Tänzerin 2 Nina Tonoli
Tänzerin 3 Gala Jovanovic
Tänzerin 4 Ketevan Papava
Tänzer 1 Eno Peci
Tänzer 2 Davide Dato
Tänzer 3 Greig Matthews
Tänzer 4 Richard Szabó
Tänzer 5 Roman Lazik
 

The Four Seasons

Inhalt

Erwärmt von Judiths tiefen Gefühlen entwickelt sich die eisige Atmosphäre von Blaubarts Schloss vom Dunkel ins Licht: Ob sie gemeinsam die Helle und Freude des von unterbewussten Qualen befreiten Tages erreichen werden, bleibt in der choreographischen Interpretation des vielfach adaptierten Stoffes „Blaubart“ von Stephan Thoss (geb. 1965) jedoch offen – ganz im Gegensatz zur bekannten Opernfassung von Bela Bartok (1881 bis 1945), an deren Ende sich Blaubarts drei ermordete Frauen als die ins Dunkel verklingenden Tageszeiten Morgen, Mittag und Abend hinter der letzten Türe verbergen, denen sich Judith (von Blaubart zuvor noch als „seines Lebens Lichtstrahl bzw. Helle“ und „seines Schicksals Sonne“ bezeichnet) als die finale Nacht hinzugesellt, die sodann unwiderruflich über Blaubarts Schloss und ihn selbst hereinbricht („Nacht bleib’ es nun ewig, immer, ewig, ewig.“).

Auch in „Fool’s Paradise“ von Christopher Wheeldon (geb. 1973) spielt das Licht eine zentrale Rolle: „Bathed in warm light, the dancers move through solos, duets and trios, occasionally settling into still, sculptural tableaux. The work contains a moving pas de deux and builds to a spectacular arrangement for the whole ensemble, as gold petals shower down on the stage”, vermerkte das Royal Opera House Covent Garden. Als Begriff ist Fool’s Paradise in den bekannten „Paston Letters“ 1462 nachweisbar und wurde u.a. auch von William Shakespeare in „Romeo und Julia“ gebraucht (2. Akt, 4. Szene). Er meint den trügerischen Zustand des Glücklichseins, welcher auf falscher Hoffnung basiert, entweder weil die Einsicht in die Reale persönliche Situation fehlt oder aber bewusst verweigert wird.

Das Ballett „The Four Seasons“ von Jerome Robbins (1918 bis 1998) folgt schließlich – ergänzt um weitere Werke aus dessen Hand – Giuseppe Verdis (1813 bis 1901) originalem Konzept zu seiner Ballettmusik für die Oper „Les Vȇspres siciliennes (Die sizilianische Vesper)“ und damit der symbolischen Entwicklung Winter – Frühling – Sommer – Herbst. Der finale Herbst ist dabei von Robbins als choreographischer Hohepunkt angelegt: Der Choreograph feiert ihn in seiner ursprünglichen etymologischen Bedeutung als überquellende Zeit der Reife und Ernte, als Ziel- und Hohepunkt des Lebens und dessen Vollendung. Damit setzt der Lauf der Jahreszeiten einen Schlusspunkt unter eine Programmfolge, die als eine ihrer thematischen Klammern auf den Prozess des Reifens verweist.