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EDEL WIE REIFER WEIN


von Karlheinz Roschitz
   

Im Schreiben von Lobeshymnen und Erfinden „goldener Worte“ überbieten einander Kritiker und Journalisten seit Jahrzehnten: „Königin der Koloraturen“, „Weltmeisterin der Koloratur“, „Koloraturwunder“ ... Die Liste der Kategorisierungen, die Edita Gruberova ebenso wenig schätzt, wie wenn man sie als Diva oder Primadonna bezeichnet, ist endlos lang. Jetzt feiert die Sopranistin aus Bratislava, deren sagenhafter Aufstieg 1968 dort am Opernhaus begann, ein Wiener Jubiläum: Es sind genau 25 Jahre, daß sie als Lucia di Lammermoor jenen legendären Triumph feierte, der ihr sensationelle Schlagzeilen einbrachte wie „Ein neuer Stern am Opernhimmel!“ oder „Da wurde ein Weltstar geboren“.
In zwei Aufführungen von Donizettis Lucia di Lammermoor im Juni beweist sie nun, daß sie diese Partie bis heute in perfekter Makellosigkeit, in wundervoller Kunstfertigkeit beherrscht, ja daß ihre Interpretation gegenüber früher in beispielhafter Weise gereift ist. Aber das konnte man bei all ihren Partien bewundern: bei ihrer Zerbinetta wie ihrer Maria Stuarda, ihrer Linda di Chamounix und ihrer Elisabetta, ihrer Elvira oder Gilda - um nur einige der wichtigsten aufzuzählen. Da war die perfekte Technik für diese große Sopranistin stets nur die Basis, die ihr ermöglichte, jede Partie reifen zu lassen, psychologisch zu vertiefen und schließlich der Figur in die Seele zu schauen. „Man muß sie reifen lassen wie Wein. Sie muß in Fleisch und Blut übergehen!“
Seit Dr. Karl Böhm sie 1976 als Zerbinetta „entdeckte“, obwohl sie die Partie schon vorher im Repertoire gesungen hatte, war sie plötzlich das Ereignis, ja die Sensation der Opernwelt. Die Met, die Scala, Covent Garden, Paris, Berlin, München und zahllose andere Opernhäuser rissen sich um das jugendliche Stimmenwunder aus Preßburg, das vor allem dank musikalischer Intelligenz im Rekordtempo die Weltkarriere schaffte. Selbstverständlich träumt die Österreichische Kammersängerin, die längst auch Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper ist, auch heute noch gern von neuen (Extrem-)Partien. Aber sie weiß vor allem auch, welche „Tugenden“ ihrer Stimme guttun: so das Achten auf gesangliche Grenzen, lieber weniger Rollen im Repertoire und diese perfekt, weniger Hast und lange, gründliche Beschäftigung mit einer Partie ... Diese strengen Prinzipien und die „Pflicht, mit ihrer Stimme umsichtig umzugehen“, ermöglichen ihr letztlich, sich selbst viel, ja alles abzuverlangen. Sie tut wirklich alles dafür, daß ihr kostbares Instrument so vollkommen klingt wie möglich.
   
 
     
 
       
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