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La Diva
Zur Phänomenologie eines Begriffs
von Therese Gassner
Wenn Hinz und Kunz sich streiten, interessiert das keinen Menschen, höchstens ein paar belustigte Zaungäste. Wenn aber zwei Primadonnen sich auf offner Bühne befetzen, amüsiert sich halb Europa! So geschehen 1726, als Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni am 6. Juni bei der Premiere der Oper Astianatte von Giovanni Battista Pollarolo am King’s Theatre in London für einen Eklat sorgten. Welche persönlichen Eifersüchteleien der Auslöser für diesen unbeherrschten Auftritt waren, ist im nachhinein unwichtig, auf jeden Fall machten mdie beiden Damen sehr von sich Reden. In der Folge konnten sie sich ihre Engagements aussuchen und wurden zu den bestbezahlten Sängerinnen ihrer Zeit.
Einerseits läßt sich der Begriff der „Diva“ also mit „Erfolg“ gleichsetzen, andererseits steht er für „Launenhaftigkeit und Exzentrik“. Francesca Cuzzoni, eine der bereits erwähnten Streithennen, hat sicher zur Bildung dieser Assoziationen beigetragen. Sie war äußerst launenhaft und pflegte einen so aufwendigen Lebensstil, daß sie zweimal wegen Schulden ins Gefängnis mußte. Völlig verarmt bestritt sie ihren Lebensabend als Knopfmacherin in Bologna. Auch heute gibt es immer wieder „Möchtegerndiven“, deren Launen und Allüren in keinem Verhältnis zu ihrem tatsächlichen Talent und Können stehen, wodurch dem Begriff Diva bisweilen ein schlechter Beigeschmack anhaftet. Im allgemeinen denkt man beim Begriff Diva an eine Opernsängerin, aber auch Filmstars (Sophia Loren, Greta Garbo) und Popsängerinnen (Mariah Carey, Cher, Celine Dion, Withney Houston) werden als Diven bezeichnet. Ja, sogar manche Sportlerin, wie Merlene Ottey, wurde mit diesem Titel mittlerweile schon geadelt. Auf alle Fälle haben Cuzzoni und Bordoni vorgemacht, daß man als Diva auch abseits der Bühne für Aufsehen sorgen muß. So dürfen wir die persönlichen Vorlieben der heutigen Diven in der Klatschpresse mitverfolgen, denn eine Diva ist in ihrem gesellschaftlichen Status einer gebürtigen Prinzessin quasi ebenbürtig und somit „Eigentum“ der Öffentlichkeit. Schon der lateinisch griechische Götterkult macht es uns vor: Götter leben unerreichbar in den Höhen des Olymps und trotzdem kennen wir all ihre Affären und Streitereien. Ursprünglich stammt der Begriff Diva aus dem Lateinischen und ist die weibliche Form von „divus“, was göttlich, der Göttliche bedeutet. Eine Diva ist also die Göttliche, eine Göttin.
Im 17. und 18. Jahrhundert waren die Kastraten die „Götter“ der Opernbühne. In der frühen Opera Seria gab es einerseits Prima und Seconda Donna, die meist von weiblichen Sopranen und Mezzosopranen gesungen wurden, während der Primo und Secondo Uomo, ebenfalls meist Sopranrollen, Kastraten übertragen wurden. Mit dem ausklingenden Barock und dem Verbot der Kastration verschwanden die Kastraten aber zusehends von der Bildfläche und die Primadonnen, mit denen sie um die Gunst des Publikums gestritten hatten, nahmen die Bühne für sich allein in Anspruch. Abgesehen von der historischen Entwicklung existiert der Begriff Diva auch als Fachbezeichnung in der Operette. Dort ist die Diva die weibliche Hauptrolle und ihre Partie ist stimmlich eher in der Mittellage, mit einigen Spitzentönen, angesiedelt, wodurch sie einen Gegensatz zur zweiten weiblichen Hauptrolle, der tanzenden spielerischen Soubrette bildet. Eine Operettendiva wird außerdem meist schon im Libretto als Frau beschrieben, die durch ihr Auftreten und ihre Ausstrahlung beeindruckt.
Auch die Opernsängerin, die den Ehrentitel der Diva trägt, zeichnet sich durch eine große Persönlichkeit, eine unverwechselbare Stimme und außergewöhnliche Ausstrahlung aus. Von selbst verstehen sich die überdurchschnittliche künstlerische Begabung und Perfektion auf der Bühne. Ihre Attribute bei „Auftritten“ als Privatperson sind exklusive Kleider, erlesener Schmuck und Pressefotografen, die ihr Erscheinen bei offiziellen Anlässen mit einem Blitzlichtgewitter erhellen. Eigentlich ist sie die „Prinzessin“, die es aus eigener Kraft durch ihre Begabung und ihren Fleiß auf den Thron geschafft hat und so, zusätzlich zu ihrer Gesangskunst, Bewunderung und Sympathie für sich gewinnt.
Große Operndiven erhalten bisweilen auch liebevolle Beinamen zu ihrem ehrlich verdienten „Adelstitel“. Wenn man von der Primadonna des Belcanto spricht, weiß jeder, daß von Edita Gruberova die Rede ist. Joan Sutherland trägt den Beinamen „La Stupenda“, und Agnes Baltsa wird von ihrer Fangemeinde auch als „die letzte große Diva“ bezeichnet. Aber eigentlich sagt schon die Verkürzung auf den Nachnamen, „die Nilsson“, „die Schwarzkopf“ oder „die Norman“ alles über die Größe der Sängerin aus, da der Name selbst zum Markenzeichen wird. Der Inbegriff der Diva ist natürlich Maria Callas. Sie wird bis heute als Primadonna Assoluta oder als La Divina verehrt. Durch ihre Selbstinszenierung, ihr medienwirksames Auftreten und ihr Privatleben (man denke nur an ihre Affären mit dem Millionär Onassis), hat sie das Interesse der Öffentlichkeit bis zu ihrem Tod 1977 und darüber hinaus wie keine andere Opernsängerin geweckt. Auf der Bühne war sie eine unglaublich intensive Schauspielerin, die vom ersten Atemzug an mit ihrer Rolle verschmolz, ohne dadurch bei der musikalischen Perfektion Abstriche zu machen. Und wenn die Callas, auf DVD verewigt, einen so bekannten Opernschlager wie „O mio babbino caro“ singt, starrt man für zwei Minuten mit offenem Mund auf den Bildschirm. Sie lebt das Glück der ersten Verliebtheit und die Verzweiflung einer eventuellen Ablehnung des Liebsten durch den Vater mit unvergleichlicher Intensität. Kein Vater könnte ihr widerstehen, denn er würde zittern, sie spränge doch in den Arno! Alles ist ernst bei der Callas, der Schmerz und die Freude. Schon im Video oder auf CD werden ihre Intensität und Persönlichkeit spürbar. Wie atemberaubend muß da erst ein Liveauftritt gewesen sein! Eine andere Diva, deren Auftritte dem Publikum den Atem rauben, ist Edita Gruberova. Allerdings ist sie in vielerlei Hinsicht das genau Gegenteil der Callas, denn sie konzentriert ihre „Auftritte“ ausschließlich auf die Bühne. Nach mehr als 30 Jahren gilt Edita Gruberova weltweit wegen ihrer ausdrucksstarken perfekten Koloraturen als „Königin des Belcanto“. Sie zeigt auch vor, wie eine Diva ihre Vorrangstellung nützen kann, um vernachlässigtes und wenig gespieltes Repertoire wieder auf den Spielplan zu bringen, denn jeder Operndirektor und Konzertveranstalter kann das Risiko eines unbekannten Stückes tragen, wenn ihr Name auf dem Plakat steht.
Anhand von Edita Gruberova kann man die wichtige Rolle der Medien zur Formung des Mythos „Diva“ erkennen. Schon seit Anfang der 70er Jahre war Edita Gruberova im Haus am Ring engagiert, aber erst in der Neuproduktion der Ariadne auf Naxos 1976 fiel sie als Zerbinetta der Presse auf. Bis dahin war nur das Stammpublikum der Wiener Staatsoper sich dieses Koloraturjuwels bewußt und natürlich gilt ein Juwel gleich mehr, wenn es im Licht des Medieninteresses leuchtet. Erst durch die Scheinwerfer des öffentlichen Interesses wird eine Primadonna zur Diva. Natürlich wünscht sich jede Sängerin, Erfolg, Beifall, Ruhm, Geld und Unsterblichkeit, bestätigt durch das Sigel „Diva“. Und auch Plattenfirmen, Agenten und Operndirektoren im Hintergrund sind am Erfolg ihrer Primadonneninteressiert, da sich ihre Existenz nur durch erfolgreiche Künstler rechtfertigt. Insofern kann man beobachten, wie mit Marketingmitteln „Diven“ gemacht werden. Wenn man es brutal formulieren will, werden junge talentierte Sängerinnen heute zu „Produkten“, die genau wie Waschmittel oder Cornflakes vermarktet werden. Erst wird das „Produkt“ nach bekannten, publikumswirksamen Erfolgskriterien ausgewählt. Selbstverständlich muß die potentielle Diva ein sehr gutes gesangliches Niveau mit gefälligem Stimmtimbre und überdurchschnittlicher Schauspielkunst mitbringen, aber das alleine reicht noch nicht aus. Außerdem ist gutes Aussehen und eine erstklassige Figur mit dem obligatorischen Hauch von Erotik mittlerweile unabdingbar, da eine Operndiva als eine Person des öffentlichen Interesses sehr oft auch als Model für exklusive Mode und Schmuckfirmen herangezogen wird. Das Unnahbare der früheren Göttinnen des Olymps oder Opernhimmels ist zur Zeit weniger gefragt, und so werden die Opernstars als möglichst durchschnittliche Mitbürger dargestellt. Das Publikum kann sich mit der modernen Prinzessin leichter identifizieren, wenn diese aus einem normalen Haushalt stammt und ihre Erfolgsstory von dort ausgehend startet. Außerdem muß „das Produkt“ die Rolle der „Diva“ nicht nur auf der Bühne spielen, sondern auch einiges ihrer Privatsphäre den Klatschspalten opfern!

Wenn sich nun eine Sängerin gefunden hat, die die Vorraussetzungen zu einem Verkaufsschlager mitbringt, werden die altbewährten Mittel der Verkaufsförderung aus dem Schrank geholt. Wie schon erwähnt sind die Medien maßgeblich am Werden einer Diva beteiligt. Beiträge in der Presse, im Fernsehen, Radio und im Internet, CDs, aber auch Auftritte bei Megaevents und Gesellschafts-veranstaltungen, gehören zum täglichen Brot einer Diva. Innerhalb kürzester Zeit wollen die Millionen verdient werden, denn das Publikumsinteresse läßt schnell nach und schon morgen kräht möglicherweise kein Hahn mehr nach der vermeintlichen Märchenprinzessin, die das Publikum heute noch zum Träumen und Schwärmen bringt. Dabei ist es erstaunlich, wie groß die Suggestionskraft uralter Verkaufskniffe ist. Eigentlich lassen sich immer wieder Menschen den „Liebestrank“ oder die wundersame „rosarote Brille“ aus Hoffmann’s Erzählungen verkaufen. Nur so kann das Phänomen einer „gemachten Diva“ funktionieren, eben weil der Betrachter, sprich, das Publikum, es zuläßt. Vielen genügt der positive optische Eindruck und ansonsten sind sie schon froh, wenn sie einen Namen wiedererkennen, nachdem er ihnen in den Medien oft genug vorgesetzt wurde.
Im Schatten der überbelichteten Megastars schauen andere Sängerinnen, oft zu unrecht, wie graue Mäuslein aus. Allerdings gibt es auch dort begnadete Wesen, die mit innigsten Tönen und schauspielerischer Intensität für einen kurzen Augenblick die Oper in den Himmel verwandeln und dem Publikum wunderbare Sternstunden bescheren. Eine Frau mit solch göttlichen Gaben wird deswegen aber noch lange nicht automatisch Diva genannt. Vielmehr dient sie im Tempel der „heiligen Kunst“ Musik als ihre Priesterin. Ob man nun aber von „echten“ und „gemachten“ oder „unerkannten“ Diven spricht, als „Markenname“ ist der Begriff überaus positiv besetzt und einige branchenfremde Betriebe versuchen auch etwas von seinem Glanz zu erhaschen. So findet man vom Escortservice über Immobilienfirmen und Gastronomiebetrieben bis hin zur Computerbranche immer wieder Firmen, die sich mit dem Namen Diva schmücken. Wenn der Begriff allerdings auf Menschen angewandt wird, die nicht zur Gattung der Topsängerinnen gehören, schwingen zumeist negative Assoziationen mit. So weiß zum Beispiel jedermann, was er sich unter einer männlichen Diva vorzustellen hat, die es ja auch geben soll.
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