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Eine Oper für ein Königreich ...
Die Oper Kopenhagen versucht den Anschluß an Europa - und hat jetzt zumindest das Haus dafür
von Joachim Lange
Einen prominenteren und selbstbewußteren Standort hätte Arnold Maersk Mc-Kinney Møler für sein "Geschenk" kaum finden können. Der milliardenschwere Däne hat die imposante neue Oper seiner Königin in Kopenhagen genau vor die Nase gesetzt. Von deren Stadtschloß Amalienborg aus ist es sozusagen nur einen Barkassensprung ans andere Ufer, wo das weitüberragende Dach zwischen Bühnenturm und gläserner Foyerfassade ziemlich bedeutend prangt. Oder man nimmt die etwas beschwerlichere Autofahrt "hinten herum" übers Land, durch das noch nicht ganz so nobel erschlossene, bisher eher randstädtisch wirkende Sanierungsgebiet, das seiner Erschließungsrendite durch den repräsentativen Kulturbau erst noch entgegen sieht. Die 335 Millionen Euro, die der bourgeoise Autokrat jenseits der Neunzig da großzügig investiert hat, bringen natürlich auch ihm etwas: den Ruhm des Mäzens und natürlich auch Steuerersparnisse. Auf umständliche Ausschreibungen und lange Diskussionen über das "Wer" und "Wie"
des Baus hat er sich gar nicht erst eingelassen. Er habe ein Geschenk gemacht und keinen Geschenkgutschein ausgegeben, ließ er die Kritiker des Verfahrens wissen. Ein hübsches Bonmot, das sich am Ende sogar gegen den eigenen Architekten Henning Larsen wandte, mit dem er sich zu guter Letzt dann auch noch wegen Ausstattungsdetails überwarf. Im Zuschauerraum etwa sollte gegen dessen Willen Blattgold an die Decke, also kam Blattgold an die Decke ...
Technisch freilich ist dieser Neubau luxuriös: Den Bühnenraum gibt es gleich sechsmal, die Ausmaße des riesigen Orchestergraben sind stufenlos veränderbar, Probenmöglichkeiten für Orchester, Chor und Ballett, ein zusätzlicher kleiner 200 Plätze fassender Saal — alles ist da. Einschließlich der über 1000 Räume für die Verwaltung, die Technik und die Künstler. Im gemäßigt modernen Zuschauerraum mit seinen 1500 Plätzen gibt es zwar keine Loge für die Königin. Soweit gehen selbst die Dänen nicht. Die klassischen Ränge, dunkel gepolsterte Sitze — all das strahlt vor allem Seriosität aus. Wie gut die Akustik wirklich ist, wird man wissen, wenn sie in alle Richtungen hin erprobt worden ist. Gelungen sind die von Laufstegen durchzogenen großzügigen Foyers mir dem offenen Blick auf das Hafen- und Stadtpanorama. Daß der in edlem Holz-Look verkleidete Zuschauersaal von außen den ironischen Witz eines Riesenkürbis beisteuert, ist wohl mehr von unfreiwilliger Heiterkeit. Sicher: Mit dieser Oper ist in der urbanen Architektur Kopenhagens eine sichtbare Verbindung zwischen Kultur, Krone und wirtschaftlicher Macht hergestellt worden, die man in solch verblümter Offenheit selten sieht. Doch die Erregungswogen werden sich wohl bald ganz legen. Das Haus wird zu einer Attraktion werden. Kurz nach seiner Eröffnung ist die neue Oper jedenfalls erst mal bis auf weiteres ausverkauft. Bisher nur im alten Königlichen Schauspielhaus zu Gast, hat die dänische Hauptstadt jetzt das erste Mal eine wirklich große und großzügige Oper. Und die hätte es ohne Mc-Kinney Møllers mäzenarischen Starrsinn nicht gegeben. Selbst wenn es indirekt vom Steuerzahler nicht nur bei den laufenden Kosten mitgetragen werden muß. Hätte er die Steuern nicht gespart — in ein Opernhaus wären die an die Staatskasse gezahlten Kronen mit Sicherheit nicht geflossen. Das ist in Dänemark vermutlich auch nicht anders als es hierzulande wäre. Und bei den laufenden Kosten von mindestens 20 Millionen Euro im Jahr, da dürfte die Kraft des Faktischen ihre glättende Wirkung entfalten. Ab jetzt kommt es auf den künstlerischen Inhalt und auf seine "Vermarktung" an.
Zum "feierlichen" Auftakt im Jänner gab es eine mit Roberto Alagna als Radames aufgemotzte Repräsentations-Aida Die Uraufführung einer Kafka-Oper (Kafka’s- Trial) von Poul Ruders wird im März folgen. Und der 31-jährige Hausherr Kaspar Holten wird mit einer Walküre seinen eigenen Ring fortsetzen. Logistik, Akustik und das standing beim Publikum werden sich da in alle Richtungen austesten lassen. Zwischen den sieben Übernahmen der laufenden Saison und den Neuproduktionen ist Peter Konwitschnys Elektra zweifellos das herausragendste Bühnenereignis. Gleich hinter die Aida platziert, setzt sich Holten damit bewußt dem internationalen Vergleich aus, den solch ein Haus fast von selbst gebietet.
Und obwohl der deutsche Starregisseur auch im Falle dieses archaisch blutrünstigen Monolithen aus der Erfolgswerkstatt des kongenialen Gespanns Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal alle seine Qualitäten einbringt, ist es doch kein Paukenschlag geworden. Ohne die musikalische Hochspannung im Graben und eine wirklich "erspielte" Interpretationsintensität auf der Bühne bleibt selbst dem gescheitesten Konzept der Schritt zum überwältigenden Gesamtkunstwerk verwehrt. Nun kann nicht jeder Richard Strauss so spielen wie die Sächsische Staatskapelle in Dresden, aber Michael Schønwandt blieb mit seinem Orchester doch allzu sehr an der Oberfläche und erreichte kaum jene Momente des Abgründigen und des hörbaren Schauderns, die eine Elektra erst "komplett" machen. Auch wenn man sich offensichtlich nicht aus dem Pool der internationalen Spitzen-Stars bedienen will, Eva Johansson als Atridentochter war keine so überzeugende Wahl, daß sie alles andere hätte ausgleichen können. Tina Kiberg als Chrysothemis wirkte gar überfordert und Poul Elming absolvierte seinen Ägisth-Auftritt mit allem ihm zu Gebote stehenden (etwas verblichenen) Wagnerglanz. Immerhin vermochte Johannes Mannov den ins Morden gedrängten Orest zu profilieren, während Susanne Resmark als Klytämnestra sowohl stimmlich als auch darstellerisch auf Konwitschny-Niveau überzeugte. Sie war die Couchgarniturfurie, die er für seine Projektion der Tragödie aus ihrem archaischen Kontext in die bürgerliche Alltäglichkeit brauchte. Mehr als eine ausladende Sitzmöbelgarnitur und eine antike Badewanne hatte Hans-Joachim Schlieker nämlich nicht in den schlichten Bühnenkasten gestellt, zu dem sich die Spiegelwände öffneten, nachdem der erste Ton erklungen und Konwitschnys Vorspiel "auf dem Theater" vorüber war. Beim Stimmen der Instrumente hatte da nämlich der Kriegsheimkehrer Agamemnon den liebenden Familienvater gegeben, der mit den Kindern zusammen beim Baden herumrollt. Die Idylle bricht zusammen, so wie er unter den Hieben seiner Mörder. Die Kinder, die das mit ansehen müssen, sind gezeichnet für ihr Leben. Die Wanne wird zum Blutbad, Elektra kommt von deren Anblick nicht los, in ihrer Welt ist denn auch der tote Vater stets anwesend. Bei Konwitschny spielt er sogar gelegentlich als Geist mit. Fällt seiner Tochter in den Arm, wenn sie mit der Axt ausholt. Doch dem Verhängnis entkommt niemand. Die Uhr läuft. Und zwar als Digitalanzeige vor den Wolkenprojektionen im Hintergrund. Wenn Sie bei "00.00" blinkt, ist Klytämnestra tot. In der Wanne bei Agamemnon. Ein Familienbad der ganz besonderen Art. Was dann anhebt ist ein finaler Massenmord. Immer mehr Menschen strömen auf die Bühne und werden regelrecht niedergemäht. Der untergemischten Maschinengewehrsalven hätte es jedoch nicht bedurft, um das Grundsätzliche dieses Finales deutlich werden zu lassen. Hier entkommen auch die beiden Schwestern dem Gemetzel nicht. Und die Uhr beginnt rasend schnell erneut zu laufen. Über dem Leichenberg zum projizierten Feuerwerk. Racheobsessionen und Haß sind tödlich. Und Anlaß für Optimismus gibt es kaum. Man darf gespannt sein, wie das bei der Übernahme nach Stuttgart in neuer Einstudierung (zur nächsten Saisoneröffnung) wirken wird. Für Kopenhagen war dieser Konwitschny ein ehrenwerter Versuch. Szenisch spannend und musikalisch ehrlich. Vor allem was den Abstand betrifft, der zwischen der noblen königlichen Opernschachtel und ihrem tatsächlichen künstlerischen Inhalt besteht.
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