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Hinter den Kulissen

Die stumme Mehrheit
Die Statisterie im Haus am Ring

von Andreas Láng



Der Traum, auf der Bühne der Wiener Staatsoper aufzutreten, läßt sich mitunter sogar verwirklichen, auch wenn man keinerlei musikalische oder tänzerische Ausbildung abgeschlossen hat. Daß sich mit dieser "Traumerfüllung" sogar — wenn auch nicht sehr viel — Geld verdienen läßt, ist ein willkommener Nebeneffekt, spielt aber für die meisten eine nur untergeordnete Rolle. Theaterluft zu atmen, die aufregenden Proben mitzumachen, ein Teil des Ganzen, also der Produktion zu werden und die großen Stars aus nächster Nähe zu erleben, das sind die unbezahlbaren Anreize, die die Tätigkeit eines Statisten auszeichnen. Und so mancher von ihnen machte sogar später innerhalb der Theaterwelt Karriere, wie etwa Bundestheater-Holding Geschäftsführer Georg Springer, der immerhin gut zehn Jahre lang kleinere und größere stumme Rollen absolviert hatte. Was für Fähigkeiten muß also jemand mitbringen, wenn er zu János Molnár, dem Leiter der Komparserie (so der Namen der Abteilung) geht um sich zu bewerben? "Verläßlichkeit, eine gewisse Portion Idealismus, Freude an der Sache und ein bißchen Flexibilität. Da die einzelnen Dienste sehr oft nur durch Telefonanrufe geregelt werden, besitze ich gar keine wirkliche rechtliche Grundlage, jemanden zu belangen, wenn er am Abend einfach nicht zur Vorstellung kommt. Als Leiter der Statisterie muß man also eine gewisse Menschkenntnis besitzen, um zu wissen, auf wen man sich verlassen kann", erklärt János Molnár, der selbst lange Jahre als Ballettänzer an der Budapester und der Wiener Staatsoper tätig war. "In den meisten Neuinszenierungen in der aktuellen Saison sind pro Werk mindestens 60 stumme Protagonisten in Aktion. Diese Zahl an jedem Abend sicher zur Verfügung zu stellen, ist nicht immer leicht." Stolz ist er darauf, daß er die rund 700 ihm unterstellten, in Frage kommenden Statisten alle persönlich kennt. Dadurch weiß er auch, wen er zu welchen Produktionen am ehesten einteilen kann. "Viele kommen während ihrer Studentenzeit, finden dann großen Gefallen an der Sache und bleiben dabei, manchmal über Jahrzehnte hinweg. Da diese aber nach dem Eintritt ins Berufsleben nicht mehr die Zeit haben an den Proben teilzunehmen, können sie nur mehr bei einigen alten Produktionen mitmachen, die sie schon gut kennen. Wieder andere, so einige Pensionisten oder eben Studenten, können von mir häufiger herangezogen werden."
Selbstverständlich müssen János Molnár und sein Mitarbeiter Christof Hartmann alle Werke des Repertoires gut kennen. Und zwar nicht nur die Handlung und die Regie, um die notwendige Zahl der Statisten bereitstellen zu können, sondern auch viele Details, wie die Beschaffenheit der Kostüme etwa. "Wenn jemand ausfällt, der zum Beispiel einen Kellner zu mimen hat und ich für Ersatz sorgen soll, muß ich wissen ob derjenige, den ich einsetzen will, von der Statur her überhaupt in das vorhandene Kostüm hineinpaßt."
Da sich in den letzten 15 Jahren mit der Veränderung der Regieästhetik auch die Anforderungen an die Statisten gewandelt haben, ist auch die Verantwortung der Statistenchefs — die übrigens seit jeher fast immer mit ehemaligen Ballettänzern besetzt wurden — gewachsen. "Früher war es doch so, daß im Stück x beispielsweise 30 stumme Soldaten hereinmarschiert sind und dann stramm herumstanden. Da konnte nicht wirklich viel passieren. Aber heute wird getanzt, gefechtet, wirklich geschauspielert — denken wir nur an die Ketzerszene in der Don Carlos-Neuproduktion im vergangenen Herbst. Wenn da während der Aufführung in meiner Abteilung was schiefgeht, bin ich verantwortlich!“
Manchesmal kommen diese "Kleindarsteller" gar nicht von außerhalb, sondern direkt aus dem Haus — nur eben von anderen Abteilungen. Das jüngste Beispiel ist Albert Reh, der an der Wiener Staatsoper lange Zeit als Bühnentechniker beschäftigt war und danach als beliebter Portier im Haus seinen Dienst versah. Seit seiner Pensionierung vor einigen Monaten ist er wieder an seine ursprüngliche Wirkungsstätte, auf die Bühne, zurückgekehrt. "Daß ich zur Statisterie komme, habe ich mit János Molnár schon vor Jahren besprochen, noch lange bevor ich in den Ruhestand getreten bin. Schon in meinem ersten Bühnenleben, also als Techniker, durfte ich immer wieder einige "schauspielerische" Aufgaben übernehmen. Denn manche aufwendigere Umbauarbeiten auf offener Szene sind von hauseigenen Leuten betreut worden. Die waren natürlich ebenfalls kostümiert, da sie ja vom Zuschauer gesehen wurden. In der alten Trovatore-Inszenierung von Herbert von Karajan war ich zum Beispiel ein Soldat, der eine Fahne auf einem Mast aufzuziehen hatte." Inzwischen hat Albert Reh sein Repertoire erweitert und konnte bei Puccinis Tosca, Massenets Werther und Verdis Don Carlos mitwirken. Zur Freude aller Mitarbeiter des Hauses übrigens, denn mit Albert Reh als interne Promi¬nenz gewinnt der Auftritt der Statisten eine zusätzliche Bedeutung.
       
 
     
 
       
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