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Esa Ruuttunen
Ein Hang zum Exhibitionismus
Esa Ruuttunen singt wieder die Titelpartie in Oedipe

von Andreas Láng



"Ich weiß nicht, ob ich es in einem Interview schon erwähnt habe: Meine zweite Erinnerung an Enescus Oedipe ist jene, daß ich die falsche Rolle gelernt habe!" Das war 1996, als Esa Ruuttunen statt der Titelpartie die Figur des Tirésias für die Berliner Premiere einstudiert hatte. Dem Schock, der sich beim Erkennen des Irrtums zwangsläufig einstellte, folgte dann der Rekord seines Lebens, wie der finnische Baßbariton ironisch feststellt: "In nicht mehr als vier Wochen mußte ich die Rolle lernen, die so gewaltig ist, daß man eigentlich ein halbes Jahr einkalkulieren sollte. Auf diese Leistung bin ich stolz — wiederholen will ich sie aber nicht." Ist also die "zweite Erinnerung" an das einzige Opernwerk des rumänischen Komponisten George Enescu nur bedingt erfreulich, die erste und prägende bringt ihn heute noch ins Schwärmen. "Als ich dieses Stück beim Rollenstudium kennenlernte, war ich bis ins Innerste getroffen. So eine packende und zugleich intelligente Musik hatte ich nicht erwartet. Man spürt einerseits den Einfluß von Fauré und Wagner, sieht aber, wie Enescu etwas völliges Eigenständiges und Neues geschaffen hat. Eigentlich halte ich das Werk, bei aller Wertschätzung Richard Wagners, für bedeutender als alles, was der Bayreuther Meister geschrieben hat." Mittlerweile sang er den Oedipe, der gewissermaßen zu seiner Lebenstolle geworden ist, mit großem Erfolg auch beim Enescu-Festival in Bukarest und — letztes Jahr — bei der Wiederaufnahme an der Wiener Staatsoper.
Etwas traurig stimmt ihn die geringe Popularität dieser Oper, deren Ursache er auf mehrere Faktoren zurückführt. "Einerseits wird von den Sängern Enormes abverlangt, was die Besetzbarkeit nicht gerade erleichtert. Dadurch wird die Oper nicht so oft angesetzt, wodurch der Bekanntheitsgrad wiederum sehr niedrig ist. Die damalige Produktion an der Deutschen Oper Berlin wurde sogar als 'Ausgrabung des Jahres' bezeichnet — das beweist, welch geringen Stellenwert Oedipe in den Spielplanerstellungen bis dahin besaß." Aber auch in der zutiefst idealistischen Einstellung des Komponisten Enescu, nur der Musik und nicht dem eigenen Ruhm dienen zu wollen, sieht Esa Ruuttunen einen gewissen Stolperstein für den Siegeszug des Werkes. "Ein ganz klein wenig Verkaufstalent ist sicherlich nicht schädlich. Was nützt es, wenn ein Stück musikalisch und von der Handlung her unendlich bedeutend ist, aber nicht aufgeführt wird? Punkto Eigenvermarktung war Wagner zweifelsohne begabter als der in Armut verstorbene Enescu."
Selbstverständlich konnte Esa Ruuttunen, unabhängig von seiner Oedipe-Vorliebe, weltweit auch mit zahlreichen anderen Partien reüssieren. Neben so charakterlich vielschichtigen Bühnengestalten wie Wotan, Holländer oder Wozzeck sind es in erster Linie die typischen Bösewichter der Opernwelt, die er zu verkörpern hat: Klingsor, Alberich, Telramund, Scarpia. "Leider sind die komischen Rollen in meinem Fach eher dünn gesät. Immerhin sang ich am Beginn meiner Laufbahn unter anderem auch den Antonio in Mozarts Figaro oder den Herrn Fluth in den Lustigen Weibern von Windsor." Seine Opernkarriere selbst begann allerdings mit einem handfesten Fluch. Nach einem erfolgreichen Vorsingen an der Nationaloper in Helsinki durfte er sein Debüt als Monterone in Rigoletto geben, der ja bekanntlich den ersten kurzen Auftritt mit der Verdammung des Herzogs und seines Hofnarren krönt. Dieser Bühnen-Einstand stand somit im Grunde im genauen Gegensatz zum ursprünglichen Beruf Esa Ruuttunens. Von 1975 bis 1985 war er nämlich evangelischer Pfarrer und hatte in diesen zehn Jahren zahllosen Menschen den Segen erteilt. Kein Wunder also, daß er seinem Bösewichter-Repertoire immer wieder gerne auch die eine oder andere priesterliche Rolle hinzufügt, so den Jochanaan in Strauss’ Salome, einen Propheten Jonas, Pater Grigoris in Martinus Griechischer Passion und die Titelfigur Paavo in Jonnas Kokkonens Die letzte Versuchung.
Sein Sängerdasein startete Esa Ruuttunen jedoch noch vor seiner Berufung zum Geistlichen und zwar am Flußufer seiner Heimatgemeinde in Nordfinnland. Dort war er noch als Kind auf einen Stein geklettert (um doch ein wenig erhöht stehen zu können) und hat dann aus Leibeskräften laut zu singen begonnen. "Ich hoffte, daß mich jemand hört, denn ich war unheimlich stolz auf meine Stimme! Um es böse zu formulieren: Ich hatte damals schon jene Anlage in mir, die für jeden Sänger unabdingbar notwendig ist — einen Hang zum Exhibitionismus. Wer nicht das Bedürfnis verspürt, sich vor dem Publikum präsentieren zu müssen, der kann die besten musikalischen Anlagen in sich haben, die schönste Stimme — es wird umsonst sein, eine Sängerkarriere wird wohl nicht drinnen sein!"
Zugute kam ihm außerdem die berühmte Chortradition in den skandinavischen Staaten. Allein in dem kleinen Ort, in dem Esa Ruuttunen geboren wurde, sind bis heute acht (!) unterschiedliche Chöre aktiv. Das gemeinsame Singen war somit ein natürlicher Bestandteil des täglichen Lebens. Neben der von allen Bevölkerungsschichten gepflegten Volksliedtradition, sind es vor allem die evangelischen Pfarrgemeinden, die an der Aufrechterhaltung der Chöre maßgeblichen Anteil haben. "Interessanterweise wurde die Instrumentalmusik in meiner Gegend hingegen nicht so sehr betrieben. Ganz im Gegenteil, das Geigespielen zum Beispiel wurde von vielen als etwas Sündiges empfunden — also lernte ich Gelb und Klavier. Als ich mir aber eine Gitarre gekauft habe, rümpften viele die Nase und fragten ganz vorwurfsvoll: 'Weiß dein Vater das, und wenn ja, was sagt er denn dazu?"'
Über die Kirchengemeinde, in der Esa Ruuttunen auch in vielen Oratorien mitsang, war der Kontakt mit der Religion gegeben und der Weg zum Priesterberuf geebnet. Umgekehrt blieb aber der Kontakt mit der Musik eben durch die Kirchenmusik ständig erhalten. Darüberhinaus studierte er, quasi in der Freizeit, an der Sibelius-Akademie Gesang. "Der Übergang vom hauptberuflichen Priester zum hauptberuflichen Sänger ist dann ziemlich natürlich und ohne große dramatische Wendungen vor sich gegangen." Seinem Gesangslehrer, der diesen "Übergang" durch die Förderung seines Talentes letztendlich möglich gemacht hat, ist Esa Ruuttunen bis heute dankbar und freut sich daher, daß dieser, trotz seines Alters, zu einer der Vorstellungen der Oedipe-Serie an der Wiener Staatsoper anreist.
Wenn sich Esa Ruuttunen als Opern- oder Liedsänger auch nicht als Seelsorger versteht, so kommt die Abänderung des berühmten Rätsels der Sphinx, das Oedipe ja bekanntlich löst, seinen theologischen Auffassungen sehr entgegen. "Die ursprüngliche Frage, was geht am morgen auf vier Füßen, zu Mittag auf zwei und am Abend auf drei Füßen, haben Enescu und sein Librettist Edmond Fleg in 'Was ist größer als das Schicksal' abgewandelt. Die Antwort ist in beiden Fällen die gleiche — nämlich: 'der Mensch'. Nur empfinde ich die Enescu-Version als viel stärker und tröstlicher. Die Botschaft die hier weitergegeben wird zeugt nämlich von der Freiheit des Menschen, daß er eben nicht nur ein Spielball des Schicksals ist, wie es im antiken Griechenland vermutet wurde. Die Grundaussage dieser Oper wird dadurch zu einem Plädoyer für das Erkennen der Eigenverantwortlichkeit jedes einzelnen."
       
 
     
 
       
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