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Beim Singen frei
Herwig Pecoraro ist als Mime in Wagners Der Ring des Nibelungen zu hören

von Peter Blaha


Herwig Pecoraro als Bob Boles in
PETER GRIMES


Als Herwig Pecoraro im vergangenen Herbst erstmals an der Wiener Staatsoper den Mime in Siegfried sang, jubelten Publikum und Kritik. "Sensationell" lautete das Urteil von Peter Jarolin im Kurier, "perfekt in Stimme, Diktion und Ausdruck" schrieb Karlheinz Roschitz in der Kronenzeitung. Keine Frage: Mit diesem Debüt hat sich Herwig Pecoraro nicht nur als legitimer Erbe einstiger Größen des Charakterfachs wie Gerhard Stolze, Erwin Wohlfahrt oder Heinz Zednik profiliert, sondern wohl auch endgültig den Absprung vom Buffo- in eben dieses Charakterfach geschafft. "Den richtigen Zeitpunkt für diesen Absprung sollte man nicht versäumen", erzählt der Tenor im Gespräch mit dem pro:log. "Man kann Buffopartien wie den Pedrillo nur bis zu einem bestimmten Alter wirklich glaubwürdig singen. Ab einem gewissen Zeitpunkt sollte man trachten, ins Charakterfach zu wechseln, sofern natürlich die stimmlichen Voraussetzungen dafür gegeben sind."
Mit dem Mime hat sich Herwig Pecoraro nun die erste jener drei Partien erobert, mir denen man im Charakterfach gastieren und somit auch Weltkarriere machen kann. Was ihm noch fehlt sind der Hauptmann in Wozzeck und der Herodes in Salome. Allerdings schätzt er die Chancen, als Buffo- oder Charaktertenor heutzutage überhaupt noch Weltkarriere machen zu können, als eher gering ein. "Die goldenen Zeiten, in denen man als Basilio, Pedrillo oder Monostatos an die Met, die Mailänder Scala oder die Covent Garden Opera eingeladen wurde, sind vorbei. Damit kann man als Ensemblemitglied eines Hauses reüssieren, aber nicht als Freelancer. Wenn man in ein Ensemble geht, sollte man sich schon klar darüber sein, worauf man sich einläßt. Man muß wissen, wo man steht und was man erwarten kann. Diese Selbsteinschätzung fehlt leider vielen jungen Sängern. Wer seinen eigenen Stand nicht kennt und mehr will, als er zu leisten imstande ist, der wird unglücklich werden und schließlich im eigenen Frust ertrinken. Das ist die große Gefahr in unserem Beruf."
In seiner eigenen Laufbahn war Herwig Pecoraro immer darum bemüht, sich über seinen eigenen Stand Klarheit zu verschaffen. Selbst die Entscheidung, die Sängerlaufbahn einzuschlagen, geschah nach reiflicher Überlegung. Zwar erregte der in Bludenz geborene Absolvent des Landeskonservatoriums Vorarlberg schon als Student mir seinem Tenor Aufsehen, doch konnte er sich zunächst nicht dazu durchringen, zur Bühne zu gehen. Stattdessen wurde er Gendarmeriebeamter und gründete eine Familie. "Weil aber so viele Leute meinten, ich hätte als Sänger Zukunft, wollte ich es genau wissen. Ich wußte, daß jeden Sommer Elisabeth Schwarzkopf im Montafon Urlaub macht. Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und bin zu ihr gefahren. Sie spielte gerade Tennis als ich ankam. Ich wartete, bis das Spiel zu Ende war, stellte mich danach kurz vor und bat sie, ihr vorsingen zu dürfen. An sich sei sie ja im Urlaub und würde so etwas nicht tun, war ihre erste Reaktion. Wenn ich aber einen Saal und einen Korrepetitor auftreiben könnte, wäre sie dazu bereit. Das hatte ich schnell organisiert und wenig später schon sang ich ihr Herzog, Rodolfo und Tamino vor. Das sei nicht schlecht, lautere ihr Urteil, dann fragte sie nach meinem Dienstplan und bestellte mich in meiner nächsten freien Zeit wieder zu sich. Drei Wochen lang hat sie mir fast jeden Tag Unterricht gegeben, ohne dafür auch nur einen Groschen zu verlangen." Doch damit nicht genug. Am Ende des privaten Meisterkurses ermutigte Elisabeth Schwarzkopf ihren Schützling, zu Professor Pola nach Modena zu gehen, um in der italienischen Schule unterwiesen zu werden. Weil ihm aber der finanzielle Rückhalt dafür fehlte, machte sie sich höchstpersönlich beim Vorarlberger Landeshauptmann Kessler für ihn stark, und erwirkte neben einer Dienstfreistellung auch ein Stipendium von 100.000,- Schilling, womit man vor rund 25 Jahren — wenn auch bescheiden — über die Runden kommen konnte. "In Modena angekommen mußte ich mir ein günstiges Quartier suchen. Am billigsten war eine Zelle in einem Benediktinerkloster, die nun ein Jahr lang meine Bleibe wurde", erzählt Herwig Pecoraro. Schon am nächsten Tag stellte er sich Professor Pola vor, der sofort den Unterricht mit ihm aufnahm. "Eines Tages bestellte er mich für Samstag Nachmittag zu einer Stunde, was mir etwas seltsam vorkam, weil in Italien um diese Zeit normalerweise niemand arbeitet. Als ich mich einfand, begannen wir mit Vokalisen. Plötzlich läutete es an der Tür und ein großer, stattlicher Mann mit Bart trat herein. Diesen kannte ich vom Fernsehen: Es war Luciano Pavarotti. Wenig später läutete es abermals. Diesmal betrat eine blonde Frau den Raum. Auch sie war mir vom Fernsehen her bekannt: Es war Mirella Freni. Da begriff ich erst, in wessen Hände ich mich begeben hatte. Ich war bis dahin in Sachen Oper so unbedarft, daß mir der Name Pola nichts gesagt hatte. Nun stellte sich heraus, daß er der Lehrer solcher Gesangsgrößen war."
Nach dem Jahr in Modena erhielt Herwig Pecorara ein Engagement an die Grazer Oper. Sieben Jahre gehörte er deren Ensemble hat und hat in dieser Zeit alles gesungen, was einem Tenor nur möglich ist, von Don Curzio bis Don Ottavio, von Musical und Operette bis zur italienischen Oper. "Ich habe dort bis zu 140 Vorstellungen pro Saison gesungen. Das war die beste Schule, zumal für einen blutjungen Anfänger wie mich, der nie eine Opern- oder Schauspielklasse besucht hatte." Eines Tages meldete sich am Telefon Direktor Eberhard Waechter und lud Herwig Pecoraro nach Wien an die Volksoper ein. "Das wäre für mich eine Einbahnstraße gewesen. Denn als Operettentenor sah ich mich schon von meiner körperlichen Statur her nicht. Was also hätte ich dort zu singen bekommen? Daher habe ich dieses Angebot abgelehnt. Doch am nächsten Tag rief Eberhard Waechter wieder an. Er war damals auch schon desiginierter Staatsopern-Direktor und fragte mich, ob ich Lust hätte, ins Haus am Ring zu kommen. Die einzige Bedingung wäre, für eine gewisse Zeit ein paar Rollen an der Volksoper zu singen, dafür würden mich dort Studienaufträge auf mein Engagement an die Staatsoper vorbereiten. Da habe ich natürlich ja gesagt, denn etwas Besseres konnte mir gar nicht passieren.
Als Steuermann im Fliegenden Holländer hat Herwig Pecoraro 1991 an der Wiener Staatsoper debütiert, seither gehört er deren Ensemble an. Mit mehr als 50 verschiedenen Partien in rund 500 Auftritten konnte er bisher seine Wandlungsfähigkeit ebenso beweisen, wie sein Talent, selbst aus einer kleinen Rolle eine große Sache zu machen. Zu den Glanzpartien seines Repertoires zählen neben dem Mime vor allem der David in den Meistersingern, die vier Buffo-Partien in Les Contes d'Hoff¬mann, Jaquino in Fidelio sowie der Klammerschneider in Cerhas Der Riese vom Steinfeld der nicht nur bei Publikum und Kritik, sondern auch beim Komponisten höchstes Lob fand.
Trotz aller Erfolge ist Herwig Pecoraro aber äußerst selbstkritisch geblieben. Vor ein paar Jahren hörte er sich einen Meistersinger-Mirschnitt an und war mir seiner eigenen Leistung als David nicht wirklich hundertprozentig zufrieden. "Das Problem in meinem Fach ist, daß man zu wenig gefordert wird. Daher arbeitet man an sich selbst zu wenig. Als ich nun diesen Mitschnitt hörte, war ich alarmiert. Ich mußte etwas tun. Robert Gambill machte mich mir seiner Gesangslehrerin in Berlin bekannt, die bereit war, mich zu unterrichten. Sie hat sofort gemerkt, was nicht stimmte und mit mir ein paarmal gearbeitet. Da ich aber nicht allzu oft nach Berlin fliegen konnte, hat sie Johan Botha, der ebenfalls ihr Schüler ist, entsprechend vorbereitet, damit er mich hier in Wien unterrichten konnte. Das Ergebnis stellte sich bald ein: Die Stimme ist größer und heller geworden, und auch in der Höhe habe ich jetzt keine Probleme mehr."
Der Wiener Staatsoper ist Herwig Pecoraro mittlerweile nicht nur als Sänger, sondern auch als Betriebsrat und als Präsident des Solistenverbandes verbunden. Mehrere Stunden pro Tag widmet er diesen Aufgaben, die nicht gerade zu den leichtesten zählen. Denn er wird dabei fast tagtäglich auch mit Enttäuschungen konfrontiert, die ihre Ursache darin haben, daß sich vor allem junge Sänger Hoffnungen machen, die aus welchen Ursachen auch immer, nicht erfüllt werden. "Man sollte die Jungen nicht so hinaufpuschen", meint Herwig Pecoraro. "Nur die wenigsten können mir rasch erlangtem Ruhm auch wirklich umgehen. Der Druck aber ist groß. In diesem Beruf wird man mehr und mehr zu einem Wegwerfprodukt. Wenn man nicht so spurt, wie ein Agent es will, wird man rasch fallengelassen. Es stehen ja genug andere bereit."
Gut wäre es, so der Tenor, ein zweites berufliches Standbein zu haben, um gegebenenfalls umsatteln zu können. Herwig Pecoraro hat so ein Standbein. In jenem Benediktinerkloster in Modena, in dem er während seines Studienaufenhalts wohnte, wurde nach alten Geheimrezepten ein Aceto Balsamico hergestellt. Er durfte dabei mithelfen und hat sich diese Kunst von der Pike auf angeeignet. Zwei Fässer dieser kostbaren Gewürzspezialität, die darin zwischen neun und fünfzehn Jahren reifen muß, hat er aus Italien mitgebracht. Sie waren der Grundstock einer eigenen Firma in Klosterneuburg, die mittlerweile 1300 Fässer umfaßt und als einzige außerhalb von Modena diese Spezialität erzeugt. (www.pecoraro.at) "Diese Firma erlaubt es mir, ohne Druck auf die Bühne zu gehen. Ich muß zum Glück nicht vom Singen allein leben. Genau das macht mich beim Singen frei."
       
 
     
 
       
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