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DER AUSDRUCKSWAHRHEIT VERPFLICHTET  

Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst zur Premiere von
Kátja Kabanová

Die Wiener Staatsoper eröffnet mit Kátja Kabanová einen neuen Janácek-Zyklus. Worin liegen die Beweggründe für dieses Projekt?
Franz Welser-Möst: Ich finde, dass zu unseren fünf bekannten Operngöttern – Mozart, Verdi, Strauss, Wagner und Puccini – Janácek als sechster dazugehört. Besonders auch, weil es geographisch zu Wien eine solche Nähe gibt und die tschechische Sprache, und das haben bereits die ersten musikalischen Proben bewiesen, dem Staatsopernorchester eng verbunden und vertraut ist. Für mich ist Janácek neben Alban Berg der wichtigste Opernkomponist im 20. Jahrhundert.

Bei Janácek tritt nun das Paradoxon auf, dass er eigentlich ganz bewusst eine nationale Musik schreiben wollte – und ein internationales Meisterwerk geschaffen hat.
Franz Welser-Möst: Das ist eines der Merkmale des 19. Jahrhunderts: Dvorák schrieb auch eine ganz bewusst nationale Musik, Sibelius ebenso, – um nur zwei Beispiele zu nennen. Eine absolute Zeitströmung, aber sehr spannend, wie das Nationale dann doch international wurde ...

Wie weit muss ein Interpret diesen nationalen Kern kennen, wie weit ist das Komponierte allgemein gültig?
Franz Welser-Möst: Wie es so schön heißt: Jeder Österreicher hat auch eine tschechische Großmutter – oder zumindest eine Köchin gehabt. Für uns sind ja zum Beispiel Dvorák und Smetana nichts Fremdes. Auch wenn wir nicht alle Sagen und Mythen dieses Raumes kennen, fühlen wir uns doch dieser Kultur verwandt. Das hat sicherlich auch mit der Geschichte Österreichs zu tun, dass Teile dieser Kultur bei uns zu finden sind. Denken Sie nur ans Essen: Palatschinken und Germknödel sind für uns österreichisch, dabei kommen diese Speisen aus dem tschechischen Raum. Ich glaube, dass es in der Musik nicht anders ist, der intuitive Wiedererkennungsfaktor ist wahnsinnig hoch ...

Bei Janáceks Jenufa gibt es den berühmten Rekonstruktionskrimi: Man arbeitete sich über lange Jahre Schicht für Schicht bis zur Urfassung des Komponisten vor. Ist die Situation bei Kátja Kabanová ähnlich gelagert?
Franz Welser-Möst: Charles Mackerras hat bei den Werken von Janácek eine umfassende Arbeit geleistet. Aber in den Noten wimmelt es dennoch nur so von „Vorschlägen des Herausgebers“. Und die wurden früher alle ungefragt übernommen, sodass es zu Auffettungen kam. Janácek war ja ein geradezu visionärer Komponist, er war seiner Zeit weit voraus. Ein Beispiel: Es gibt bei ihm sehr oft Akkorde, die unglaublich weit auseinanderklaffen, das bedeutet, dass eine Spannung zwischen hohen Holzbläsern und den Kontrabässen entsteht. Selbst Mackerras hat diesen entstehenden Raum mit Celli und Bratschen zu füllen versucht. Aber genau dieses Loch ist ja ein wesentlicher Ausdruck großer seelischer Spannungen, die in den Figuren und vor allem in der Kátja vorhanden sind. Was also lange gespielt wurde, war nicht hundertprozentig Janácek, sondern, so wie man das auch bei Mussorgski gemacht hat, eine Entschärfung, ein Verschönern. Das alles nehmen wir zurück und versuchen das Fett, das sich da angesetzt hat, wieder wegzukratzen und zu zeigen, wie unglaublich kreativ und vorausblickend die Musik Janáceks war. Für die Ohren vor dreißig Jahren haben die Bearbeitungen vielleicht richtiger geklungen, aber für unsere heutigen Ohren ist das direkte Herangehen ans rohe Fleisch das einzig Richtige.

Der Janácek-Zyklus wird jetzt mit Kátja Kabanová eröffnet. Wieso gerade mit diesem Stück?
Franz Welser-Möst: Da gibt es gar keinen speziellen Grund dafür. Wir haben mit irgendeinem
Stück beginnen müssen und Entscheidungen für ein Werk haben auch mit den Besetzungen, die man bekommen kann, zu tun.

Gleichzeitig ist eigentlich der Stoff vom Libretto her einer der konventionellsten, an die Janácek sich heranwagte. War ihm das bewusst? Hat er einfach als Operndramatiker das gute Sujet gerochen?
Franz Welser-Möst: Ich bin überzeugt davon. Das ist einer der Gründe, warum ich ihn zu den Operngöttern zähle, einfach, weil er sehr, sehr schnell erkannt hat, was ein guter Stoff ist. Das Interessante ist darüber hinaus, was er aus der Vorlage gemacht hat. Er nahm nicht einfach das Stück und komponierte eine Musik dazu, sondern richtete den Text genau ein. Im Grunde wurde ein neues Stück erschaffen. Er hatte schon das, was einen großen Opernkomponisten ausmacht: eine echte Theaterpranke!

Hatte Janácek, der in seinem Leben ja kein Heiliger war, Sehnsucht nach einer Lichtgestalt wie Kátja?
Franz Welser-Möst: Ich finde, dass dieses Übernatürliche auch ein wenig ein slawisches Element ist. Denken Sie nur an den kürzlich seliggesprochenen Papst Johannes Paul II. – auch ein großer Mystiker. Ich glaube, dass Slawen eine viel stärkere Beziehung zu solchen Themen haben, wie sich in den Sagengestalten – etwa der Rusalka – deutlich zeigt.

Wo liegt, als letzte Frage, für den Dirigenten die große Herausforderung an diesem Werk?
Franz Welser-Möst: Also es gibt erst einmal technisch sehr viele Klippen. Diese Kátja Kabanová ist schon ein sehr unruhiges Gewässer, Janácek hat auf engstem Raum wahnsinnig viel zusammengepackt. Es passiert im Orchester sehr viel Lautmalerei und Stimmungsmalerei, in Bezug auf die sprachliche Ebene ist es aber eine Art Konversationsstück, das sehr viel Text transportiert. Dieser Text muss aber sehr genau platziert werden – egal ob man ihn versteht oder nicht. Um die Gestaltung geht es! Ich
kann mich erinnern, dass ich einst in Stockholm Das Puppenheim auf Schwedisch gesehen habe – und ich verstehe diese Sprache nicht. Aber es wurden so viele Emotionen und Farben durch die Textaufbereitung der Schauspieler freigesetzt, dass es ein unheimlich spannender Abend war. Bei Kátja Kabanová ist es genauso. Wenn die Worte dazu benützt werden, echte Gefühle und echten Ausdruck zu erzeugen, dann funktioniert die Oper! 

Das Gespräch führte Oliver Láng

 
bundestheater.at