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Jonas Kaufmann 

Ein ganzes Bouquet von Glücksgefühlen

Wie oft und wo haben Sie die Partie des Faust schon gesungen?
Jonas Kaufmann: Bislang dreizehn Mal, davon sechs Mal in der Spielzeit 2004/2005 in Zürich, und im vergangenen Oktober/November sieben Mal an der Met.

Wo liegen die Herauforderungen dieser Partie, wo die Lieblingsstellen?
Jonas Kaufmann: Die besondere Herausforderung liegt darin, dem alten, resignierten Faust stimmlich und darstellerisch genauso gerecht zu werden wie dem jungen (oder besser: äußerlich verjüngten) Faust, der aber eben nur in der Optik des jungen Liebhabers erscheint; vom Kopf her kann er ja nicht jung sein, denn mit der Verwandlung hat er ja nicht sein bisheriges Leben und den Pakt mit dem Teufel vergessen. Er bleibt vom Wissen und Denken her der Alte und erlebt, wovon so viele träumen: Mit der Erfahrung des reifen Menschen noch einmal jung zu sein. Dass aus dem Traum ein Alptraum wird, dass Faust Täter und Opfer zugleich wird – das glaubhaft darzustellen, erfordert nicht nur schauspielerische Differenzierung, sondern auch stimmliche Flexibilität. Und damit meine ich nicht nur das Ansteigen der Tessitura, vom baritonalen Beginn bis zum hohen C in der Kavatine, sondern die vielen verschiedenen Klangfarben. Das Dunkle, Brütende des resignierten Mannes muss ja genauso in der Stimme zum Ausdruck kommen wie die Lyrik in „Salut, demeure chaste et pure“ und die Leidenschaft im Liebesduett. Die Partie ist von Anfang bis Ende so reich an Farben und Nuancen, dass es mir wirklich schwer fällt, Ihnen jetzt meine „Lieblingsstellen“ zu nennen.

Wo liegen für einen Sänger die Qualitäten des französischen Repertoires?
Jonas Kaufmann: Ich kann nur für das Tenorfach sprechen, und da bietet das französische überaus interessante und differenzierte Charaktere, die musikalisch und darstellerisch eine besondere Wandlungsfähigkeit erfordern. Denken Sie nur an José, Werther, Des Grieux, Hoffmann und natürlich auch Faust. Für deutsche Sänger liegt sicher auch ein besonderer Reiz darin, die Feinheiten der französischen Klangsprache zu erfassen und umzusetzen.

Gibt es für Sie – jetzt einmal unabhängig von jeder stimmlichen Entwicklung – ein Repertoire von dem Sie sagen: Das würde ich nie machen!
Jonas Kaufmann: Sie meinen, Stücke, die so schlecht sind, dass ich sie nie singen würde? Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, und lieber konzentriere ich mich auf all das, was ich am liebsten noch singen würde. Falls Ihre Frage auf modernes Repertoire zielt: Ich habe keine Berührungsängste bei zeitgenössischen Werken, so lange ich von der Qualität des Stückes überzeugt bin und den stimmlichen Anforderungen gerecht werde. Es gibt Sänger, die verordnen sich viele Pausen zwischen den Opern, den Auftritten.

Wie viel Zeit muss für Sie zwischen den Auftritten sein?
Jonas Kaufmann: Das ist je nach Oper sehr unterschiedlich und kommt auch darauf an, ob es sich um eine Neuproduktion oder um eine Wiederaufnahme handelt. Leider ist mein Kalender zwischen den Auftritten mit so viel anderen Dingen gefüllt, dass ich es rot ankreuze, wenn ich einen wirklich freien Tag habe, ganz ohne Verpflichtungen und Termine.

Warum üben Sie eigentlich den Job des Sängers aus? Weil Sie Freude daran haben, weil Sie anderen eine Freude machen? Welcher Aspekt dieses Berufes ist der Schönste?
Jonas Kaufmann: Teil eines großen Ganzen zu sein und dennoch als Individuum in Erscheinung zu treten, in eine Figur hineinzuschlüpfen und mit Gesang und Darstellung beim Zuschauer Emotionen auszulösen, mit Kollegen, Dirigenten, Chor und Orchester im Augenblick etwas entstehen zu lassen, das die Zuschauer berührt und bewegt – das ist ein einmaliges Gefühl, mit nichts in der Welt zu vergleichen. Manchmal, wenn alles gut läuft und die Chemie zwischen allen Beteiligten stimmt, ist es ein ganzes Bouquet von Glücksgefühlen. Und das möchte man dann beim nächsten Mal wieder erleben, das ist der Motor der die meisten von uns antreibt.

Viele sehen Oper lediglich als Unterhaltung, die „einen dem üblichen Trott entheben soll“. Was würden Sie solchen Besuchern sagen?
Jonas Kaufmann: Nichts gegen gute Unterhaltung, im Gegenteil. Natürlich ist Oper auch Unterhaltung, und natürlich ist es gut, wenn die Zuschauer für drei, vier Stunden ihren Alltag vergessen und sich in die Zauberwelt der Oper entführen lassen. Nur finde ich, dass eine gute Vorstellung weit mehr sein sollte als gepflegte Abendunterhaltung oder ein Fünf-Gänge-Menü, das man genüsslich konsumiert. Sie sollte den Zuschauer nicht einlullen, sondern
wachrütteln, mitreißen, sensibilisieren, auf Missstände aufmerksam machen und einem auch die Dinge vor Augen führen, die man lieber verdrängt. Kurzum: Im besten Fall sollte sich der Zuschauer nach der Vorstellung anders fühlen als vorher. Nur dann kann man überhaupt von einem Erlebnis sprechen. Kürzlich sah ich in Berlin eine grandiose Inszenierung von Patrice Chéreaus. Danach kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, das hallt noch lange in der Seele nach.

Es gibt Opern, die sind inhaltlich seicht oder weisen schwer nachvollziehbare Handlungen auf. Würden Sie solche Opern auch singen?
Jonas Kaufmann: Das habe ich wahrscheinlich schon!! Auch seichte Stoffe und lächerliche Texte können mit der richtigen Musik zu großen Kunstwerken werden. Denken Sie nur an all die kruden Libretti in italienischen Opern, über die man sich seit Generationen lustig macht. Zum Beispiel Verdis Trovatore: Selbst wenn man die Parodie der Marx Brothers gesehen hat, verliert Verdis Musik doch nichts von ihrer Größe und Würde.

Marcel Prawy sagte einmal: Eine gute Oper muss eine Liebesgeschichte aufweisen. Ist das Verhältnis Faust-Marguerite überhaupt eine Liebesgeschichte?
Jonas Kaufmann: Es hätte eine werden können, wenn es eine Beziehung auf gleicher Augenhöhe wäre. Doch der Erfahrungsunterschied zwischen den beiden ist einfach zu groß, viel größer als die gesellschaftliche Kluft. Faust hat eben nicht mehr die Unschuld, die vielleicht zu einer glücklichen Liebe hätte führen können, und spätestens bei der so genannten Gretchenfrage wird ihm klar, dass er und sie in unterschiedlichen Welten leben. Sagen wir: Es ist die Illusion einer Liebesgeschichte, und deshalb hat sie natürlich auch kein Happy-end.

Oft wird davon gesprochen, was ein Sänger darf, worauf er achten muss, welche Rollen er wann singen darf, wie sich andere die Stimme ruiniert haben. Woher weiß man als Sänger, welche dieser Warnungen wahr sind und welche nicht?
Jonas Kaufmann: Man muss auf seine innere Stimme hören und gute Ratgeber haben, auf deren Urteil man vertrauen kann. Und man sollte sich die Zeit nehmen, die Sänger zu studieren, die sich ihre Qualitäten über 40, 50 Jahre erhalten konnten. Denken Sie an Domingo, Gedda, Kraus und Bergonzi, an Ludwig, Rysanek, Scotto, Horne und so viele andere, die Jahrzehnte lang Hauptrollen an führenden Häusern gesungen haben. Natürlich gibt es für jeden Sänger Partien, die äußerst riskant sind. Da muss man halt seine Möglichkeiten kennen, ehrlich zu sich selbst sein und bestimmten Verlockungen widerstehen, auch den Lobeshymnen in Kritiken.

Sie singen viel Lied, kann man die interpretatorische Qualität, die man als Liedsänger mitbringt auch in den Operngesang hineinbringen?
Jonas Kaufmann: Aber ja, und genauso auch umgekehrt. Eine Opernpartie kann nur gewinnen, wenn man sie auch mit den Feinheiten des Liedgesangs gestalten kann, und manche Lieder, z. B. einige von Richard Strauss, profitieren durchaus davon, wenn
man bei bestimmten Phrasen mit der ganzen Kraft des Opernsängers zulangt.

Als Liedsänger hat man viel Freiheit, als Opernsänger ist man Regisseuren, Kollegen, Dirigenten etc. „ausgeliefert“. Wo bleibt auf der Opernbühne da noch Raum für eine eigene Interpretation?
Jonas Kaufmann: „Ausgeliefert“ würde ich das nicht nennen. Auch in der Oper gibt es ja einen Prozess, der im Idealfall am Ende alle zu einem Team formt, in dem jeder dem anderen die Bälle zuspielt und genauso auch nach vorne stürmt und ein Tor schießt. Falls Sie auf die Allmacht der Regisseure anspielen: Selbst wenn ich darstellerisch an die kurze Leine genommen werde, so kann ich doch innerhalb eines begrenzten Radius noch immer eine kreative Freiheit ausleben, von der musikalischen Gestaltung gar nicht zu reden.

Verwenden Sie immer neue Klavierauszüge, oder arbeiten Sie immer mit demselben – der durch diverse Einträge immer bunter wird?
Jonas Kaufmann: Wenn möglich lasse ich mir von dem entsprechenden Opernhaus einen eingerichteten Auszug schicken, mit allen Strichen, Änderungen etc., den ich dann mit meiner Ausgabe abgleiche.

Hat man als unbekannter Sänger weniger Lampenfieber oder als ein so bekannter wie Sie?
Jonas Kaufmann: Ich denke, das ist eine Typfrage, und es hängt auch davon ab, welche Partie man singt und an welchem Haus. Etwas mehr Adrenalin im Blut zu haben, kann durchaus auch hilfreich sein, aber man sollte sich nicht allein darauf verlassen. Das beste Mittel gegen Nervosität ist immer noch eine gute Vorbereitung. Man braucht eine Portion Exhibitionismus wenn man Bühnenkünstler sein will.

Wie kann man diesen exhibitionistischen Anteil vom rein künstlerischen separieren? Gibt es Momente, wo man entscheiden muss: Gib dem Affen Zucker, oder nein, hier geht es um hehre Kunst?
Jonas Kaufmann: Die gibt es immer wieder. Beim Schlussterzett Rosenkavalier zum Beispiel fände ich es grotesk, wenn sich da die drei Frauen den Kampf der Stimmgiganten liefern würden. Dort gilt’s der Kunst, und je mehr die drei aufeinander eingehen, desto schöner klingt’s. Und dann gibt’s wieder Stellen, bei denen das Publikum diese Extra-Portion „Exhibitionismus“ erwartet, zum Beispiel bei den „Vittoria!“-Rufen in Tosca. Da macht es mir auch großen Spaß, dem Affen Zucker zu geben, da bin ich nicht mehr so zurückhaltend wie noch vor vier, fünf Jahren. Nach meiner ersten Tosca in Wien kam Christa Ludwig zu mir in die Garderobe und sagte sinngemäß: „Sie singen das alles so fein und kultiviert, aber als Cavaradossi muss man manchmal auch die Rampensau rauslassen, so wie der Corelli das gemacht hat.“ Sie hat recht. Wir Mitteleuropäer sind ja, was die Lust an der Selbstdarstellung betrifft, eher gemäßigt. Uns fällt es nicht leicht, so ungeniert loszuschmettern wie es die meisten Italiener und Spanier können. Aber genau das wünscht sich das Publikum, es will diesen Extra-„Thrill“, diese große Emotion, die man fast körperlich spürt. Das ist ein wesentlicher Bestandteil des Faszinosums Oper, und wenn ich im Publikum sitze, wünsche ich es mir ganz genauso.

Das Gespräch führte Andreas Láng

 
bundestheater.at