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Das fordert die eigene Gefühlswelt heraus

Am 12. November wird die international viel gefragte französische Sopranistin Véronique Gens mit der Alceste ihr Debüt im Haus am Ring geben. Anlässlich der Neuproduktion sprach sie mit Andreas Láng über den Charakter von Alceste, über Gluck, ihren eigenen Werdegang, die Langeweile des Übens und ihre Motivation Sängerin zu sein.

Manche im Publikum der Wiener Staatsoperhaben noch nie eine ganze Oper von Gluck gesehen oder gehört. Wie würden Sie für die Zuschauer die Musik Glucks charakterisieren?
Véronique Gens: Zunächst möchte ich vorausschicken, dass ich Gluck wirklich über alles liebe! Aber wie soll ich seine Musik beschreiben? Sie ist das fehlende Bindeglied zwischen der Barockmusik, genauer der französischen Barockmusik und Mozart, quasi eine Mixtur aus beiden: Manchmal erkennt man schon mozartische Ansätze, dann meint man noch einen Lully vor sich zu haben. Ich weiß, der arme Gluck hat mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass seine Opern langweilig wären, die Gesangspartien keine melodische Entfaltungsmöglichkeit besäßen usw. – ich kenne all diese falschen und ungerechten Verurteilungen, habe mich aber lange genug und intensiv mit Gluck beschäftigt, um sie aus tiefster Überzeugung zurückweisen zu können. Man muss halt genauer hinhören, oberflächlicher Musikkonsum ist bei ihm nicht möglich. Es geht Gluck nicht vordergründig um nette, gefällige Melodien, sondern um das Erzählen einer Geschichte in einer ganz besonderen Form. Er hat ja unter anderem in der Alceste, ganz der französischen Tradition der Tragédie lyrique folgend, eine vollkommen eigene Art der Wortausdeutung, der Prosodie, die dem Hörer unter die Haut geht und ihn berührt. Es gibt kein unnötiges Beiwerk, also kein Zuviel an Koloraturen oder Verzierungen, sondern nur das Nötigste. Die Musik soll bei Gluck die inhaltliche und atmosphärische Essenz der jeweiligen Situation zum Erklingen bringen. Manchmal, in dem einen oder anderen Rezitativ, geschieht im Orchester nicht sehr viel: ein Akkord, ein zweiter vielleicht, aber über diesem muss der Interpret den Weg finden, den Geist der Musik, so wie sie Gluck gewollt hat, zu transportieren. Als Französin genieße ich natürlich die Tatsache, dass es sich, zumindest in der vorliegenden Fassung, die wir spielen, um eine französische Oper handelt.

Gluck ist ja kein Franzose gewesen …
Véronique Gens: Aber seine Art zu komponieren war durch und durch französisch.

Und kennen Sie die italienische Fassung der Alceste,die ja doch ganz anders ist, auch vom Notentext her?
Véronique Gens: Ich kenne manche Arien sehr gut, aber nicht jedes Detail. Die französische Version kenne ich natürlich besser (lacht).

Wie schwer oder leicht empfinden Sie Gluck vom Sängerischen her?
Véronique Gens: Grundsätzlich liegt mir, wie ich finde, seine Musik, weil ich früher viel Barock gesungen habe. Speziell in der Alceste bewege ich mich darüber hinaus viel in der Mittellage, was auch nicht unangenehm ist. Und die hohen Spitzentöne in der Arie Divinités du Styx am Ende des ersten Aktes sind auch verkraftbar, da die Stimmung während der ganzen Oper tiefer, genauer bei 430 Hz,liegt. Allerdings sind die vokalen Passagen bei Gluck eher instrumental geführt und kommen den natürlichen stimmlichen Voraussetzungen nicht immer entgegen, wobei ja das Französische an sich nicht sehr sangbar ist. Außerdem muss man vergessen, dass man singt und obwohl man singt, denken, dass man spricht. Eine etwas komplexe Sache.

Was haben Sie von Gluck schon gesungen?
Véronique Gens: Die beiden Iphigenien, also Iphigénie en Aulide und Iphigénie en Tauride sowie Alceste. Lauter Tragödien um starke Frauen mit großen Gefühlen, was mir an sich schon sehr gut gefällt.

Können Sie Alceste als Person etwas näher beschreiben?
Véronique Gens: Sie ist extrem sensibel und verletzlich und agiert dennoch als starke Persönlichkeit. Ich liebe gleich den Beginn, wenn sie vor die Menge tritt, eine Ansprache an das Volk zu halten hat und als Herrscherin erstmals die gesamte Verantwortung alleine tragen muss, da ihr Mann, der König, im Sterben liegt. Alceste weiß nicht, wie sie sich verhalten soll, die Situation ist für sie ungewohnt,sie fühlt sich allein und überfordert, aber sie füllt ihren Platz aus. Und sie wird auch trotz ihrerAngst den Göttern selbstbewusst entgegen treten. Dazu kommt, dass sie eine Person mit großer Liebesfähigkeit ist. Sie liebt ja ihren Mann so sehr, dass sie bereit ist, für ihn zu sterben, das ist ja nicht nichts. Und dann wird sie von ihrem Mann Admète sogar noch aggressiv beschimpft, dass sie ohne seine Zustimmung an seiner Statt in den Tod geht. Die Probenzeit in Aix-en-Provence, wo wir diese Produktion schon gezeigt haben, war sehr intensiv, da wir uns tagtäglich mit Tod, Sterben, dem Zurücklassen von Mann und Kindern zu beschäftigen hatten. Das fordert auch die eigene Gefühlswelt auf Dauer ziemlich heraus.

Aber die Reaktion von Admète ist doch verständlich. Er liebt Alceste wie sie ihn. Wenn sie für ihn stirbt, bleibt er allein mit den Kindern zurück: Unterm Strich hat sich nichts geändert – einer der beiden bleibt übrig.
Véronique Gens: Das stimmt einerseits. Alceste geht aber andererseits davon aus, dass Admète König und daher wichtiger ist als sie und ihr Tod eine weniger große Lücke reißt.

Sie haben ja auch eine andere Alceste gesungen …
Véronique Gens: Ja, jene von Lully. Die Musik ist natürlich anders. Aber die Geschichte ist dieselbe, auch wenn Alceste erst im dritten Akt auftritt – und auch in dieser Oper gibt es wunderbare Momente, etwa den großen, fast endlosen Trauermarsch. Ach, was für herrliche Musik!

Zurück zu Glucks Alceste: Die Titelfigur hat mehrere Arien, welche ist Ihnen am liebsten?
Véronique Gens: Ja, in der Tat, Alceste hat eine Menge Arien – lange und kürzere Ariosi. Letztere mag ich ganz besonders: Sie sind wie Lichtpunkte in den dunklen Rezitativen, andere Welten, die die Atmosphäre positiv aufheitern, ehe es zur eigentlichen Tragödie zurückgeht.

Die Inszenierung von Christof Loy geht über die übliche Darstellung der Geschichte hinaus.
Véronique Gens: Die Inszenierung finde ich sehr clever, sehr intelligent, sehr schlüssig, sehr gutgebaut, wobei es sich, wie Sie richtig sagen, nicht um eine konventionelle Regie mit großen stilisierten antiken Szenerien handelt. Man wird sie also mögen oder ablehnen – kalt lassen wird sie niemanden. Das Angenehme in der Zusammenarbeit mit Christof Loy besteht unter anderem darin, dass er nicht einer jener Diktatoren ist, die den Darstellern lediglich Befehle geben. Im Gegenteil. Er geht auf jeden einzelnen Interpreten und dessen Besonderheiten ein, deshalb möchte Christof Loy ja die Sänger schon vor dem ersten Probentag privat kennen lernen. Seine Inszenierung bindet jene, die auf der Bühne stehen und singen, in sein Konzept ein und benützt darüber hinaus deren Erfahrungen für die Regie. Dadurch entsteht schlussendlich ein glaubwürdiges Ganzes, in dem sich jeder Interpret wiederfinden kann.

Und wie sieht es mit Dirigenten im Allgemeinen aus? Wie viel von der Interpretation an einem Opernabend stammt von Véronique Gens, und wie viel vom Dirigenten?
Véronique Gens: Ein guter Dirigent gibt einem viele Impulse und viel Energie, schafft Möglichkeiten, unterstützt, gibt Ratschläge. Ivor Bolton beispielsweise ist ein wunderbarer Partner und weiß, wie vieler von mir verlangen kann, wie sehr er mich fordern darf und muss – wir kennen einander von vielen früheren Barockproduktionen. Aber letztlich singe ich und nicht der Dirigent im Graben. Das Publikum hört somit meinen Zugang, erkennt meine Seele, mein Leben, mein Herz, meine Gedanken.

Sie sangen früher viel Barock, dann kam Mozart, Lehár, Wagner. Warum wählten Sie diesen Weg?
Véronique Gens: Als ich noch studierte, meinte mein Gesangslehrer einmal, dass meine Stimme für die französische Barockmusik sehr geeignet wäre. Ich dachte mir daraufhin nur: „Was zum Teufel ist französisches Barock?“ Aber ich kam kurz darauf mit meinem ersten Dirigenten, mit William Christie, zusammen, der ebenfalls am Pariser Konservatorium unterrichtete. Und von ihm bin ich dann Stück für Stück in diese besagte Musik eingeführt worden: Zunächst sang ich unter seiner Leitung im Chor und wurde dann nach und nach mit immer größeren Solorollen betraut. Und so kam ich auf Schiene und sang in den darauffolgenden Jahren unter allen wichtigen Dirigenten, die in diesem Bereich tätig sind, etwa René Jacobs, Marc Minkowski, Philippe Herreweghe. Irgendwann aber kam dann der Punkt, an dem meine größer gewordene Stimme sich in diesem Repertoire nicht mehr so wohl fühlte, sich eingeengt vorkam. Ich brauchte ein Repertoire, in dem meine Stimme mehr Raum hatte. Als ich dann das Angebot bekam, den Cherubino zu singen, griff ich zu und hatte eine neue Welt betreten: Andere sagen, dass Mozart schwer zu singen wäre, weil bei ihm jede technische Schwäche zum Vorschein käme – ich, die von der feinen, delikaten, ziselierten französischen Barockmusik herkam, empfand Mozart fast als Erleichterung. Und so folgten bald Contessa, Vitellia und Elvira, letztere werde ich im März auch hier an der Wiener Staatsoper verkörpern.

Hat Ihnen die Barockmusik auch im Hinblick auf Wagner geholfen?
Véronique Gens: Im Grunde genommen: ja. Von Wagner sang ich bislang nur die Eva und ich dachte mir knapp davor: „Um Gottes Willen, ich komme von Lully und singe jetzt Wagner!?“ Aber beim genaueren Hinsehen merkt man, dass das Orchester nicht sehr dick instrumentiert ist und ein lyrisches, feineres Singen erlaubt. Auf jeden Fall hat Albert Dohmen, der Hans Sachs der Produktion, im Nachhinein lobend festgestellt, dass ich es richtig angepackt habe.

Sie singen nun zum ersten Mal an der Wiener Staatsoper– wie ist das Gefühl?
Véronique Gens: Ich habe gehöriges Lampenfieber (lacht). Das ist ja hier eben immerhin die Wiener Staatsoper mit ihrer großen Tradition und einem Publikum, das gewohnt ist, bedeutende Interpreten zu hören. Ich hoffe, ich kann die Zuschauer von meiner Liebe zu Gluck überzeugen und sie dazu bringen, dessen Musik ebenfalls zu schätzen.

Was kommt denn in der nächsten Zukunft auf Sie zu?
Véronique Gens: Die Donna Elvira im März haben wir schon genannt, dann ist noch die Wiederaufnahme der Iphigénie en Tauride im Theater an der Wien geplant, meine erste Agathe in Berlin und viele Liederabende, vor allem mit französischen Liedern, die ich sehr schätze.

Was haben Sie lieber: Liederabende oder Opernauftritte?
Véronique Gens: Ich glaube, dass wir Sänger beides brauchen, da die Herausforderungen unterschiedlich sind. Eine Oper wie Alceste benötigt zwei Monate Probenzeit, ein Liederabend wenige Tage –diesbezüglich ist letzterer angenehmer. Außerdem ist ein Liederabend eine gute Übung, da man sich nicht hinter einer Maske oder hinter Kollegen verstecken kann und dem Publikum räumlich viel näher gegenüber steht als auf der Opernbühne. Andererseits ist für mich der Aspekt des Schauspiels beim Singen von sehr großer Wichtigkeit. Ich mag diese Transformation in der Maske knapp vor Vorstellungsbeginn, wenn ich langsam zu einer anderen Person, einem anderen Charakter werde. Das hat einen ganz eigenen Reiz – auch wenn ich eine dunkle, böse Gestalt darzustellen habe. Nach der Aufführung brauche ich dann eine gewisse Zeit, um wieder Véronique Gens zu werden, sodass ich in der Nacht manchmal erst sehr spät einschlafen kann.

Sind Sie jemand, der viel übt?
Véronique Gens: Ich gehöre nicht zu jenen Sängerinnen, die täglich vier Stunden üben. Das wäre ja furchtbar langweilig (lacht). Heute habe ich z. B. gar nicht geübt. Gerade bei so einer großen, schweren Oper wie Alceste, bei der ich fast durchgehend auf der Bühne stehe, sind Pausen zur Regeneration notwendig. Junge Sänger üben intensiver, mit dem Anwachsen der Erfahrung erkennt man, wie viel wirklich notwendig ist, und vor allem, wie man möglichst gewinnbringend übt. Andererseits: Durch das bloße Lesen einer Partitur lässt sich auch viel lernen.

Zum Abschluss vielleicht eine provokante Frage: Warum üben Sie den Beruf einer Sängerin aus?
Véronique Gens: Das ist gar keine provokante Frage, sie ist durchaus legitim: Also ich persönlich möchte Menschen bewegen und ihnen Geschichten erzählen. Natürlich freue ich mich, wenn jemand nach der Vorstellung sagt: „Wow, eine schöne Stimme!“ Aber das ist nicht mein vordergründiges Ziel. Ich möchte die Zuhörer vielmehr an der Handnehmen und durch die Gefühle einer bestimmten Bühnenfigur führen.

 
bundestheater.at