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Anja Harteros 

Alles ist ausdruck  

Die weltweit gefeierte Sopranistin Anja Harteros beeindruckt stets auf Neue: Mit ihrer edel geführten, wunderschön timbrierten Stimme, ihren stilsicheren Interpretationen, ihrem schauspielerischen Talent und ihrem facettenreichen Repertoire das Barock, Mozart, Verdi ebenso umfasst wie Wagner, Puccini oder das französische Fach. Mit der Titelpartie von Händels Alcina kehrt sie nun an die Wiener Staatsoper zurück.

Frau Harteros, Sie singen regelmäßig Partien wie Desdemona, Violetta, Elsa, Don Carlos-Elisabeth – und gleichzeitig die Alcina. Fällt diese Barockpartie nicht aus der Reihe, hat sie nicht ganz andere Anforderungen?


Anja Harteros: Aufs erste würde ich diese Frage mit ja beantworten, da beispielsweise eine Desdemona natürlich eine andere Art des Singens erfordert als die Alcina. Andererseits konnte ich feststellen, dass es sich positiv auswirkt, wenn man unterschiedliche Komponisten und Werke im Repertoire hat und dass, wenn man die notwendigen stimmlichen Voraussetzungen mitbringt, ein Verdi oder Mozart einen Wagner nicht ausschließt und ein Händel oder Wagner das französische Fach nicht ausschließt. Ganz im Gegenteil. Durch die verschiedenen Anforderungen profitiert die Gesangstechnik und die Stimme wird gewissermaßen von allen Seiten geformt.

Barocke Hauptpartien sollen ja eine möglichst breite Skala an Emotionen zeigen. Sind solche Charaktere diesbezüglich mehrdimensionaler als etwa eine Mimì von Puccini?


Anja Harteros: Alcina ist eine heroische, aristokratische Person, eine Königin, die einer antiken Figur nachempfunden ist. Sie hat das Herrschertum gewissermaßen im Blut. Das muss natürlich auch hörbar und sichtbar sein, was eine sehr groß dimensionierte musikalische Ausdruckpalette erfordert. Die von Ihnen genannte Mimì ist von ihrer Persönlichkeitsstruktur ja gänzlich anders. Deren Größe besteht ja in der Bescheidenheit mit der sie Leid, Liebe, Einsamkeit, Verzweiflung erträgt und die dieses stille, gelassene Sterben am Schluss überhaupt erst möglich macht.

Bei manchen Barockpartien sind Koloraturen, Verzierungen und Ähnliches oftmals Selbstzweck,  um den Sängerinnen und Sängern publikumswirksame Virtuosität zu ermöglichen. Wie sieht es
diesbezüglich bei der Rolle der Alcina aus?


Anja Harteros: Man kann grundsätzlich sagen, dass bei dieser Partie alles dem Ausdruck dient, da sich die musikalische Struktur der Alcina nicht auf das bloße Zur-Schau-Stellen von vokalen Fähigkeiten reduzieren lässt. Die Koloraturen in ihrer vierten Arie sind eindeutig Stil-Mittel, um den inhaltlichen Hinweis auf die Unterwelt deutlich zu machen, jene in der fünften Arie sollen Hass und Wut symbolisieren. Von virtuosem Selbstzweck kann also sicher nicht die Rede sein. Und in den restlichen Arien sind ohnehin keinerlei Koloraturen, sondern große Legato-Bögen gefragt.

In der Barockmusik hat der Interpret oft die Möglichkeit, die vorgegebene Melodielinie nach Belieben mit Verzierungen anzureichern...


Anja Harteros: Ich glaube, es ist eine Auffassungssache, wie weit man da gehen sollte. Ganz ohne solche Abänderungen und Zusätze kommt man in der Barockmusik wahrscheinlich tatsächlich
nicht aus. Marc Minkowski hat aber diesbezüglich einen sehr interessanten Satz gesagt: so wenig Verziehrungen wie möglich und so viel wie nötig. In meiner letzten Alcina-Produktion an der Mailänder Scala hat der damalige Dirigent Giovanni Antonini, ein Barockblockflöten-Spezialist, extrem viele Auszierungen vorgeschlagen. Ich selbst habe Spaß an gelegentlichen, schönen Abwandlungen, kann aber auch ganz gut schlafen, wenn ich diese nicht bis zum Exzess geführt habe oder wenn ich sie überhaupt ganz weglasse. (lacht)

Gibt es einen Punkt in der Rolle der Alcina, an dem Sie sagen: Wenn ich diese Arie hinter mir habe, kann ich aufatmen, der Rest geht von selbst?


Anja Harteros: Leider, den gibt es nicht. Die sechste Arie liegt teilweise im unangenehmen Passaggio-Bereich, die fünfte Arie verlangt gestochene Koloraturen, die Koloraturen der vierten Arie sind wiederum von der Intonation sehr schwer, die dritte Arie ist lang und emotional unheimlich mitreißend, die zweite Arie ist ein Kunstwerk in sich, schwer zu gestalten – szenisch wie musikalisch – und die erste ist auch nicht leicht und wenn bei dieser etwas schief ginge, ist der Start schon verpatzt. Also: Langer Rede kurzer Sinn: Alles ist schwer, bis zum letzten Ton.

Sie haben die Alcina zunächst an der Bayerischen Staatsoper gesungen. Wie kam es zu diesem Rollendebüt?


Anja Harteros: Nun, ich wurde eines Abends vom damaligen Münchner Intendanten Sir Peter Jonas angerufen der gemeint hat, dass ihm die Sängerin der Alcina der geplanten Neuproduktion abgesprungen sei und er sich keine andere Sängerin in dieser Rolle vorstellen könne als mich. Ich war vorerst ziemlich skeptisch, zierte mich ein wenig, sah aber trotzdem die Noten durch und verliebte mich sogleich in diese Musik. Heute bin ich froh über diesen abendlichen Anruf, über Peter Jonas’ Hartnäckigkeit, mich zu dieser Partie überredet zu haben und über meine letztlich doch erfolgte Zusage.

Sind Sie vom Typ her jemand, die mit einer Rolle ringt bis die Interpretation steht, oder fühlen Sie sich eher als Bauchmensch?


Anja Harteros: Das eine schließt das andere nicht aus, finde ich. Ich würde mich als ein Bauchmensch bezeichnen, der mit seinen Partien ringt. Während der Probenphasen und auch zu Hause beim Einstudieren. Wie oft dachte ich mir doch schon: Nein, diese Rolle ist nichts für mich, ich muss sie zurückgeben. Und dann geschieht es, dass ich beim Versuch, einen bestimmten Klang herstellen zu wollen, plötzlich einen Charakterzug der Figur erkenne, der dann für die Interpretation den entscheidenden Weg aufzeigt. 

Das Gespräch führte Andreas Láng

  

 
bundestheater.at