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Sven-Eric Bechtolf  

Zwei Welten, die sich verbinden

Im Sommer bearbeitete Sven-Eric Bechtolf bei den Salzburger Festspielen die erste Version (1912) von Ariadne auf Naxos. Für die Wiener Staatsoper nimmt er sich nun die zweite, die Wiener Fassung (1916) vor. Im Gespräch mit Oliver Láng erzählt er über windschiefe Dramaturgien, das Heilige in der Kunst und das Wesen des Theaters an sich.

Wieweit lassen sich die beiden Fassungen der Oper miteinander vergleichen?
Sven-Eric Bechtolf: Die beiden Versionen habenÄhnlichkeiten, sind aber dennoch sehr unterschiedlich. Wie etwa zwei sehr verschiedene, aber äußerst attraktive Schwestern.

In vielen Werken lässt sich eine zentrale Sympathiefigur einfach ausmachen. Wie steht es damit bei Ariadne auf Naxos? Gibt es eine solche?
Sven-Eric Bechtolf: Ich glaube, dass die Oper einen Helden und eine Heldin, einen Protagonisten
und eine Antagonistin hat: den Komponisten und Zerbinetta; und im Laufe der Handlung gewinnt man natürlich auch Ariadne lieb. Aber unabhängig von mangelnden oder nicht mangelnden Identifikationsfiguren, ist die Oper Ariadne auf Naxos ein bisschen ein Konstrukt, das zu oft durch die Bearbeitungsmühle gegangen und dramaturgisch nicht ganz ausgewuchtet ist. Ich jedenfalls werde das Gefühl nicht los, dass speziell die Fassung von 1916 ein bisschen windschief zusammen gebastelt wurde. Aber das macht ja nichts! Man muss sich halt überlegen, wie man damit umgeht – und wird es in hundert Jahren noch überlegen.

Die dramaturgische Windschiefe ergibt sich aus den beiden unterschiedlichen Teilen des Abends?
Sven-Eric Bechtolf: Unter anderem. Das Vorspiel und die Oper sind nicht konsequent ineinander verwoben und man könnte zu Recht fragen: „Worum geht es hier eigentlich?“ Als Zuschauer wird man auf eine falsche Fährte gelockt, man glaubt, dass auf der Bühne im zweiten Teil ein Chaos zu erleben sein wird, wenn die beiden Elemente, „Opera seria“ und „Opera buffa“ zusammenstoßen. Dazu kommt es aber nicht wirklich. Es fängt zwar burlesk an, mit einem Blick hinter die Kulissen, auf die Eitelkeiten, die Diven, die Verstiegenheiten der Künstler und Auftraggeber, aber dieser mögliche fruchtbare Konflikt wird weder dramaturgisch noch musikalisch durchgehalten, stattdessen rückt doch die Problematik der Ariadne in den Vordergrund. Max Reinhardts Dramaturg Arthur Kahane hat in seinem Tagebuch des Dramaturgen behauptet, dass das Drama und das Theater zunächst überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Das Theater wolle andere Dinge als das Drama, das die geistige Auseinandersetzung fordere. Das Theater sei dagegen beherrscht von Gefallssüchtigkeit und einer, auf das Wort nicht angewiesenen, Bildlust. Kahane formuliert den Vergleich, dass ein Drama aufs Theater zu bringen dasselbe sei, wie einer „Hure“ das „Allerheiligste“ anzuvertrauen. – Er attestiert allerdings, dass beide Partner aus dieser Mesalliance enorme Vorteile zögen. Das ist schlau! Denn das Theater braucht ja tatsächlich das Durchblutete, Lebendige, auch das Irrationale und Widersprüchliche, um überhaupt zu interessieren. Ariadne auf Naxos bringt immerhin diese entferntesten Enden des Theater zusammen und freundlich betrachtet könnte man sagen das Postulat lautet: Nur wenn diese beiden, auch fälschlich, zusammen kommen, geschieht – paradoxer Weise – das Richtige.

Wieweit lassen Sie diese beiden Welten: erster Teil – zweiter Teil miteinander in Kontakt kommen?
Sven-Eric Bechtolf: Ich versuche, mehr Querverbindungen zu schaffen, um den Opernteil dann doch ein bisschen zu stören. Es ist ja eben dieses Experiment der konstituierende Witz des Werks. Oder sollte es sein. Wenn E und U darin nicht kollidieren, dann ist etwas faul ...

Ariadne auf Naxos wird beherrscht vom Thema der Transformation …
Sven-Eric Bechtolf: Hofmannsthal hat klug an Strauss geschrieben: Das Leben zwingt uns, uns zu verwandeln, aber niemals ohne Erinnerung, sondern immer eingedenk dessen, was und wer wir waren. Es ist unsere Aufgabe, uns dem Leben immer wieder neu zu öffnen – aber in Anerkennung des Gewesenen. Es geht in Ariadne um mehr, als um trauernde Witwen oder Verlassene und Betrogene. Es geht um Transformation im Allgemeinen, um das Auflösen von Verhärtungen in der Kunst und im persönlichen Leben. Wer älter ist, wird diese Herausforderung kennen.

Ich komme noch einmal zum Komponisten und zu Zerbinetta als Sympathieträger. Wieweit sind diese
beiden ein Gegensatzpaar?


Sven-Eric Bechtolf: Zerbinetta gibt uns keinen Anlass, sie nicht zu mögen – ein paar moralinsüchtige Zeitgenossen ausgenommen: sie ist lustig, begnadet und auch ein bisschen traurig. Der Komponist wiederum ist ein jugendlich-naives Genie. Und wirklich unsympathische Figuren treten ja nicht auf. Der Garderoben-Tenor ist vielleicht gewöhnungsbedürftig, aber als Bacchus ist er schon wieder hinreißend.

Ariadne auf Naxos ist natürlich auch eine Hommage an das Theater. Im Gegensatz zum deutlich später entstandenen Capriccio allerdings weniger abgeklärt. Ist die Oper aber wirklich nur Theater auf dem Theater?
Sven-Eric Bechtolf: Sie ist mehr als das! Das Theater stellt alleine durch seine Existenz, die Frage nach der Verbindlichkeit dessen, was wir Realität nennen. Wir gehen ins Theater oder ins Kino
und wohnen einem Geschehen bei, von dem wir wissen, dass es nicht „echt“ ist. Aber unsere Empathie, oder irgendwelche Spiegelneuronen, sorgen dafür, dass wir es – zumindest sekundenweise – für die Realität halten. Dieser Vorgang ist doch für tiefergehende Betrachtungen
geeignet …

Der Komponist mit seinem Glauben an das Heilige der Kunst: Wieweit verliert sich dieser im Laufe eines Künstlerlebens?
Sven-Eric Bechtolf: Man sollte ein Anliegen haben. Und dieses Anliegen mit Leidenschaft vorbringen. Aber man darf dabei das Theater nicht vernachlässigen. Brecht hat einmal gesagt: Einen Mann mit Gallenleiden müsse man für den Kaufmann von Venedig zunächst einmal interessieren. Und das ist wahr! Irgendetwas muss ein Abend über sein Anliegen hinaus können, um wirksam zu werden. Das Theater muss ein Transformator sein, denn das am Papier sich befindliche muss ins Leben zurück oder überhaupt erst hinein gebracht werden. Da kann man nicht zu dogmatisch sein, zu eng denken! Wenn Theater gelingt, dann durch Generosität und Widersprüchlichkeit, nicht durch lineare Ausschließlichkeit. Im Leben ist es ja auch nicht anders.

 
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