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Zwölf Fragen zu Mozart

Mozart wird gemeinhin als genial bezeichnet, was ist an Mozart – als Beispiel bei der von Ihnen geleiteten Oper – das Geniale?
Adam Fischer: Das kann man eigentlich nicht sagen. Es ist einfach unglaublich, besonders bei der Clemenza, mit welch einfachen und wenigen Mitteln Mozart eine so weite Palette an Emotionen ausdrücken kann.
James Gaffigan: Bei Don Giovanni zunächst und an vorderster Stelle die Kombination des tragischen Helden mit den buffo-Aspekten der Oper. Nur Mozart beherrschte diesen blitzschnellen Wechsel zwischen Lachen und Schrecken, von einer Sekunde auf die nächste. Und, vielleicht weise ich damit auf das Offensichtliche hin, aber die Musik ist einfach grossartig. Sie unterstützt jedes Wort in Da Pontes Libretto vollkommen.

Warum hat Mozart so vieles in Dur geschrieben, auch Trauriges und Tragisches? Läge Moll mitunter nicht näher?
Adam Fischer: Es ist ein romantisches Missverständnis, dass Trauriges in Moll zu sein hat und Lustiges in Dur. Es stimmt nicht, besonders im 18. Jahrhundert. Dur und Moll hatten in dieser Zeit mit Heiter oder Traurig nichts zu tun.
James Gaffigan: Ich denke, Mozart behielt sich Moll für die wahrhaft grossen emotionalen Momente vor, wobei diese Momente eine gegenwärtige Periode in seinem Leben sein können, zum Beispiel der Tod seiner Mutter, oder etwas wie das Zerstörerische der Verwirrung Donna Annas am Beginn von Don Giovanni.

Wie viel agogische Freiheit darf man bei Mozart zulassen, ohne in Romantizismen zu verfallen?
Adam Fischer: Auch das ist ein Missverständnis! Agogische Freiheit hat nichts mit Romantisieren zu tun. Im 18. Jahrhundert wurde vieles nicht notiert, weil der Komponist gleichzeitig der Dirigent war. Das bedeutet aber nicht, dass der Komponist gewisse agogische Momente nicht gewollt hätte! Ich würde fast sagen: Mozart braucht mehr, besonders bei der Clemenza. Die berühmten Accompagnato-Rezitative muss man sehr leidenschaftlich und frei interpretieren.
James Gaffigan: Ich glaube, dass ein Rubato immer wie das Dehnen eines Gummibandes sein sollte, also immer zum Ausgangspunkt zurückkehrend. Wenn man sich Zeit nimmt, dann sollte das organisch gemacht werden. Ich denke, Mozarts Musik ist (unbewusst) in einer mathematischen Art und Weise gebaut, und wenn einer sich im strukturellen Rahmen zu viele Freiheiten nimmt, kommt ein Ungleichgewicht ins Spiel. Wenn Sie die Perfektion zu sehr in Unordnung bringen, wird das Publikum das merken.

Was schätzen Sie an „Ihrer“ Oper am meisten: Die Arien, die Ensembles, die Ouvertüre?
Adam Fischer: Das kann ich nicht sagen; es ist so, als ob man mehrere Kinder hätte und sagen müsste, welches man am liebsten hat.
James Gaffigan: Das mag nun wie ein Klischee klingen, aber das ist eine Frage, die man nicht beantworten kann. Don Giovanni ist ein Meisterwerkund ich liebe alle genannten Elemente.

Gibt es für Sie eine Lieblingsgestalt in der jeweiligen Oper?
Adam Fischer: Man kann jede Figur so zeigen, dass man Mitgefühl mit ihr hat. Und ich fiebere und leide mit allen gleichermassen mit.
James Gaffigan: Wenn Sie mich im Alter von 20 gefragt hätten, hätte ich gesagt: Leporello. Mit 25: Don Giovanni. Nun, mit 33 sage ich Donna Anna. Ich finde ihre Musik und ihren Charakter sehr interessant. Ihre Beziehung zu Don Ottavio ist sicherlich seltsam, und ihre „Beziehung“ zu Don Giovanni sogar noch seltsamer.

Kann man „den“ Mozart-Klang definieren?
Adam Fischer: Es gibt mehrere Mozart-Klänge. Der Wiener Klang ist etwa ein typischer, weicher Klang, aber man kann Mozart auch ganz anders präsentieren. Für mich hängt es immer von den Partnern ab ... In Wien wäre ich schlecht beraten, den philharmonischen Klang nicht zu nützen und in meine Vorstellungen einbauen zu wollen.
James Gaffigan: Bis zu einem bestimmten Ausmass, ja. Es ist sehr wenig Druck in Mozarts Klangwelt; es ist so natürlich wie das Sprechen. JedePhrase hat ihren eindeutigen Beginn und ihr Ende und der Klang ist immer durchsichtig und niemals deckend.

Wieweit sind für einen Dirigenten Eingriffe wie Striche in das Werk Mozarts erlaubt?
Adam Fischer: Grundsätzlich waren in Mozarts Zeit Striche ganz normal. Das Problem ist, dass seine Musik zu schön ist, um etwas wegzulassen. Ein Beispiel aus Don Giovanni: Für die Wiener Aufführung hat er eine neue Arie für Don Ottavio geschrieben, die leider auch sehr gut ist: daher bricht es heute einem das Herz, wenn man eine der beiden weglassen muss. Aber Mozart selbst hat es nie so gesehen, dass beide gespielt werden müssen. Aber ich kann sie einfach nicht weglassen …
James Gaffigan: Das ist für mich immer eine schwierige Sache, weil ich das Gefühl habe, ich könnte vom Blitz getroffen werden, wenn ich das mache. Ich habe keine Einwände wenn vom Regisseur Striche behutsam und „geschmackvoll“ vorgenommen werden und der Plot schlüssig bleibt. Die Frage betrifft in Wahrheit den richtigen, durchgängigenFluss der Produktion oder im Falle von Così fan tutte das stimmliche Durchhaltevermögen des Tenors.

Gibt es in der von Ihnen geleiteten Oper eine Spezialität, die in keinem anderen Werk vorkommt?
Adam Fischer: Ich würde sagen, es ist erstaunlich, dass Mozart in seinen letzten Monaten einen neuen Weg eingeschlagen hat. Es hat etwas Abgeklärtes, er drückt mit minimalen Mittel so viel aus! Im Vergleich mit Idomeneo oder Nozze kommt er mit einem Drittel oder Viertel der Noten aus – aber die Emotionen verlieren nichts an Intensität.
James Gaffigan: Egal ob in Dur oder Moll: Es gibt eine undefinierbare dunkle Wolke über Don Giovanni,die mich bewegt.

Wie viel Spontaneität erlauben Sie sich selbst bei einer Aufführung?
Adam Fischer: In der Oper kann man sich nur auf eines verlassen, nämlich dass nichts so ist, wie zuvor besprochen. Derjenige, der nicht spontan gestalten kann, ist in der Oper verloren! Meine schönsten Mozart-Aufführungen waren jene, die sehr lange und genau vorbereitet wurden, wir uns aber die Freiheit ließen, manches einmal so und einmal so zu spielen.
James Gaffigan: Im Falle der Wiener Staatsoper ist es so, dass diese Musik zum Repertoire des Orchesters gehört. Und zu meinem Repertoire. Wir haben das spannende Vergnügen, dass wir mit diesem Stück bei der Vorstellung erstmals zusammentreffen: was könnte spontaner sein?

Wie weit interpretieren Sie Mozart aus dem Bauch, wieweit aus dem Kopf?
Adam Fischer: Das kann ich nicht trennen. Es ist meine grundsätzliche Aufgabe als Dirigent, das, was der Komponist will, zu verwirklichen. Nicht „Dienstnach Vorschrift“, das wäre ganz falsch, sondern ich muss seine Musik zu meiner eigenen Überzeugung machen, muss verstehen, was der Komponist wollte. Das ist gewissermassen „Kopfarbeit“. Wenn dieser Schritt gelungen ist, kann ich spontan aus dem Bauch heraus die Musik gestalten.
James Gaffigan: Ich glaube, dass das Publikum eine emotionale Erfahrung haben sollte, und als Musiker sollten wir dies beachten. Auf der anderen Seite sollten wir diese „transzendenten“ Momente mit Zurückhaltung anbieten und der Schönheit von Mozarts Einfachheit immer treu bleiben.

Was ist das Schwierige am Mozart-Dirigieren?
Adam Fischer: Technisch dürfte nichts schwierig sein. Das Wichtigste ist: den Inhalt zu präsentieren.Die interpretatorischen Freiheiten, die feine Fantasie, die man als Interpret braucht, sind bei Mozart schwieriger als etwa bei Tschaikowski.
James Gaffigan: Es ist wie nackt sein. Man kann sich nirgends verstecken.

Eine Frage, die Sie Mozart gerne stellen würden?
Adam Fischer: Mich würde interessieren, in welche Richtung er weiterkomponiert hätte. Aber ich würde wahrscheinlich keine Antwort bekommen, denn diese Frage würde Mozart nicht verstehen: denn er hat geschrieben, was man von ihm bestellt und verlangt hat.
James Gaffigan: Ich würde ihn entweder bitten, seinen Lieblingswitz zu erzählen oder ihn zu einem Drink mit meinen Freunden einladen.

Das Interview führten Andreas Láng und Oliver Láng

 
bundestheater.at