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KS Ferruccio Furlanetto 

Die grosse Erfahrung

Herr Kammersänger Furlanetto, wie von einigen anderen Verdi-Opern gibt es von "I vespri siciliani" eine italienische und eine französische Fassung. Wieweit bevorzugen Sie eine der beiden?


KS Ferruccio Furlanetto: Im Falle dieser Oper bin ich in beiden Fassungen auf der Bühne gestanden. Amüsanterweise einmal in einem Jahr in Paris in der italienischen Version und kurz danach in Rom in der französischen. Grundsätzlich finde ich, dass Vespri siciliani jene Oper von Verdi ist, die in der französischen Version am besten funktioniert. Wobei ich freilich sagen muss, dass mir die italienische näher am Herzen liegt und ich sie als ideale Fassung empfinde.

Im Jahr 1998 sangen Sie in der Premiere der bestehenden Produktion hier am Haus; zwischenzeitlich
sind Sie an der Staatsoper erneut in der Oper zu erleben gewesen. Wie lange dauert es, bis Sie sich eine
Produktion und die Rolle wieder vergegenwärtigen?



KS Ferruccio Furlanetto: Das ist sehr unterschiedlich und hängt natürlich jeweils von der Oper, der
Partie und der jeweiligen Produktion ab. Bei Vespri siciliani sind es nur einige Tage, da ich die Oper seit Jahrzehnten im Repertoire habe. Erstmals sang ich sie in den frühen 80er-Jahren in New York, ganz am Anfang meiner Karriere. Solche großen Werke, die man wirklich gut kennt, können manchmal sogar
ein, zwei Jahre liegen bleiben, und man hat sie dennoch schnell wieder im Kopf.

Greifen Sie bei der Vorbereitung auf Notizen zurück, die Sie vielleicht während der Proben für die Premiere erstellt haben?


KS Ferruccio Furlanetto: Nein. In diesem Falle erinnere ich mich sehr gut an die Produktion, da
wir alle gemeinsam sehr genau an der Inszenierung gearbeitet haben. Einzelne Details, die ich nicht mehr im Kopf habe, kehren bei den Proben schnell wieder zurück.

Die erste – französische – Fassung von "Vespri siciliani" entstand unmittelbar nach Verdis berühmter trilogia popolare. Schlägt sich dies in der Musik des Werkes nieder?


KS Ferruccio Furlanetto: Vespri siciliani verkörpert eine Mischung aus dem, was zuvor geschrieben worden war, und dem, was noch folgen sollte. Die Reife des Komponisten ist in dieser Oper bereits deutlich zu erkennen, nichts wirkt einfach konventionell hingeschrieben. Vor allem aber sind die Charaktere sehr genau ausgearbeitet und weisen ins Komplexe. Verdi greift hier auf kein einfaches Modell zurück, sondern arbeitet mit Mehrdimensionalität und großer Tiefenschärfe. Hier zwei junge Verliebte, da ein düsterer Gegenspieler, das wäre für den Verdi der Vespri siciliani zu einfach gewesen.

Wie sieht Verdis Charakterzeichnung also bei Procida aus?


KS Ferruccio Furlanetto: Nun, er ist eine genau und lebensecht gezeichnete Persönlichkeit, wie
gesagt: mehrdimensional. Aus der Sicht der Sizilianer ist er ein großer Patriot, ja ein Held: Er steht treu zu seiner Heimat, zu seinem Kampf. Aus der Sicht der Franzosen ist er wiederum ein gefährlicher Terrorist. Diese Möglichkeit der doppelten Betrachtung ist etwas, was uns sehr heutig und modern vorkommt. Mir gefällt es, genau diese beiden Aspekte besonders zu vertiefen und herauszustreichen, dass das, was für den einen positiv konnotiert ist, für den anderen genau das Gegenteil sein kann. In der Weltpolitik von jeher und auch aktuell ein wichtiges Thema. Verdis Procida ist also mehr als nur ein finsterer Bösewicht, der nur Vendetta, Vendetta schwört. Man erhält da als Darsteller ganz andere Möglichkeiten!

Trägt Verdi diese Komplexität auch in puncto stimmliche Herausforderungen an seine Darsteller heran?


KS Ferruccio Furlanetto: Procida zählt nicht zu den schwersten Rollen in diesem Fach, ein Zaccaria in Nabucco ist zum Beispiel herausfordernder. Procida enthält zahlreiche wunderschöne Passagen, aber auch dramatische Momente. Und sie ist lang. Hier fangen die Gefahren an: Ein Sänger muss mit seinem „Bordcomputer“ die Rolle und ihren Verlauf genau im Auge behalten und sich seine Kraft einteilen. Takt für Takt genau wissen, wo wie viel zu geben ist. Es gibt bei solchen Partien immer die große Verführung, sich mitreißen zu lassen und einen übergroßen dramatischen Ausdruck einzubringen. Das allerdings führt dazu, dass der Interpret zu schnell ermüdet und nicht bis zum Ende durchhalten kann. Es hängt also sehr stark von der Erfahrung ab, die der Sänger mit dieser Rolle hat. Umso mehr Erfahrung, desto sicherer und gefahrenloser kommt man durch den Abend. Wenn man wirklich jeden Winkel der Oper genau kennt und sich auch der Körper an die Rolle erinnert, ist es ideal.

Wie spielt diese Erinnerung des Körpers mit dem Kopf zusammen? Laufen bei ausreichender Erfahrung
die Prozesse automatisch ab oder braucht es noch Unterstützung durch aktives Mitdenken?



KS Ferruccio Furlanetto: Das ist sehr eng miteinander verzahnt. Natürlich merkt man sich auch
unterbewusst die Stellen, die einem Schwierigkeiten bereiten oder bereitet haben. Gleichzeitig braucht es selbstverständlich eine ständige Konzentration seitens des Sängers.

Steht diese große Konzentration eigentlich im Widerstreit mit der Freude an der Gestaltung? Anders gefragt: Können Sie sich auf der Bühne über das Geschehen und die Musik freuen?


KS Ferruccio Furlanetto: Auf der Bühne zu stehen und zu singen ist die allergrößte Freude, die man
sich vorstellen kann. Mehr noch: Es ist ein Privileg! Auch sehr anspruchsvolle Partien, die alles abfordern,
wie ein Boris, ein Philipp, ein Don Quixote oder ein Thomas Becket in Assassinio nella cattedrale, erzeugen das größte Glücksgefühl. Natürlich ist es nicht einfach, allerdings kenne ich nichts anderes, was eine solche Freude spenden kann.

Sie haben vor kurzem Ihre – erste – Winterreise aufgenommen. Ein verhältnismäßig später Termin
für eine Ersteinspielung.



KS Ferruccio Furlanetto: Ich habe 1993 begonnen, mich mit diesem Liederzyklus zu beschäftigen und ihn immer wieder erneut herangezogen, allerdings habe ich ihn niemals öffentlich gesungen. Vielmehr wollte ich meine Winterreise wachsen lassen. Nach all den Jahren spürte ich nun, dass die Zeit gekommen ist. Stimmlich ist der Zyklus nicht herausfordernd, die Schwierigkeiten liegen in der Gestaltung: Man braucht Intensität, Farben, es muss unter die Haut gehen, man muss das Werk leben. Was ist die
Winterreise? Die Geschichte eines jungen romantischen Helden. Die Geschichte kann man besser erzählen, wenn man nicht mehr ganz so jung ist. Man kennt das Leben aus einer anderen Perspektive.

Im Frühjahr geben Sie an der Staatsoper ein Solistenkonzert. Am Programm stehen Werke von Mussorgski und Rachmaninow. Wie kam es zu dieser Programmierung?


KS Ferruccio Furlanetto: Auch wenn ich meine, dass Liederabende etwas gänzlich anderes sind als
Opernaufführungen, so ist es doch so, dass Mussorgskis Lieder und Tänze des Todes, die ich unter anderem singen werde, einen gewissen Zug ins Opernhafte haben. Insofern ist dieses Programm für ein so großes Haus wie die Wiener Staatsoper ideal.

In der aktuellen Spielzeit singen Sie hier darüber hinaus auch den Mustafà in Rossinis L’italiana in
Algeri. Das ist neben Bartolo im Barbier Ihre einzige Rossini-Rolle?



KS Ferruccio Furlanetto: Ja, ich liebe die Italiana – vor allem in dieser Produktion, die einzigartig ist. Ponnelle war als Regisseur ein Genie! Er hatte ein Sensationstalent für Komödie, aber auch für das gesamte restliche Repertoire. Für mich ist jeder einzelne Abend als Mustafà in dieser Inszenierung ein richtiger Spaß. Dementsprechend froh bin ich, dass es diese Produktion noch gibt, übrigens nicht nur in Wien, sondern auch in München und New York.

Gibt es eigentlich eine wesentliche Rolle, die Ihnen in Ihrem Repertoire noch fehlt?


KS Ferruccio Furlanetto: Ich sang niemals den Ochs im Rosenkavalier. Es bot sich die Möglichkeit, diese Partie in Amerika zu gestalten – und ich lernte die Rolle. Allerdings ist für jemanden, der Deutsch nicht als Muttersprache spricht, die Menge und Kompliziertheit des Textes eine echte Herausforderung. Ich konnte ihn zwar komplett, musste aber während des Singens dennoch immer über den nächsten Satz nachdenken. Wenn man das machen muss, dann bekommt die Gestaltung niemals jene Selbstverständlichkeit, die sie braucht. Also habe ich, aus Respekt vor dem Rosenkavalier und manchen großartigen Darstellern des Ochs, von öffentlichen Auftritten in dieser Partie abgesehen.

Das Gespräch führte Oliver Láng

 
bundestheater.at