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Auch das spontane Empfinden hat seinen Platz

Dass Richard Strauss in KS Angela Denokes breitem Repertoire einen wichtigen Stellenwertbesitzt, belegen zahlreiche Vorstellungen der gefragten deutschen Sopranistin auch an der Wiener Staatsoper. Als gefeierte Interpretin einer Arabella, Marschallinoder Salome konnte sie auch hierzulande ihr Publikumbegeistern. Nun folgt im September eine weitere Rolle im Haus am Ring – die Chrysothemis in der Elektra. Im folgenden Interview mit Andreas Láng spricht sie über Strauss-Interpretation, spontanes Erleben auf der Bühne und ihre Anforderungen an Regisseure.

Frau Denoke, Sie haben einmal gesagt, Sie mögen starke Frauen – das ist ja bei der Chrysothemis nicht eben der Fall, oder doch?

KS Angela Denoke: Das ist eine Interpretationsfrage. Sicher ist Chrysothemis keine starke Frau im klassischen Sinn, weil sie sich auf den ersten Blick ständig unterzuordnen scheint. Auf der anderen Seite hat sie ja durchaus einen fordernden Charakter – sie weiss ganz genau, was sie will, was sie nicht will, und sucht nach Wegen, ihre klar gesetzten Ziele zu erreichen. Ausserdem lässt sich Chrysothemis nicht für Dinge einspannen, die sie nicht machen möchte. So weigert sie sich, ihre Mutter und Aegisth zu ermorden, egal wie eindringlich Elektra dies von ihr verlangt. Ihre Konsequenz ist auch eine Form von Stärke.

Strauss und Wagner haben beide mitunter recht üppig orchestriert. Sie singen weltweit in Werken beider Komponisten – wo sehen Sie die Unterschiede in den Anforderungen für den Sänger?

KS Angela Denoke: Die Strauss-Partien, die mich betreffen, zeichnen sich durch sehr lange und gross ausschwingende Linien beziehungsweise Bögen aus, manche Phrasen empfindet man sogar um ein, zwei Takte zu lang, um sie bequem singen zu können (lacht). Hinzu kommt, dass Wagner in gewisser Weise durchsichtiger komponiert hat, in entscheidenden Momenten ist etwa das Orchester so zurückgenommen, dass man sprachlich sehr plastisch sein kann. Wenn ein Dirigent in Strauss-Opern nicht entsprechend gestaltet, werden die Sänger gnadenlos übertönt, bei Wagner ist diese Gefahr kleiner.

Das heißt, dass man Wagner eher belcantesk singen kann als Strauss?

KS Angela Denoke: Nein, das würde ich so auch nicht sagen, denn die Musik von Strauss verlangt das doch ebenfalls.

Aber fühlt man sich nach einem Strauss-Abend stimmlich grundsätzlich müder? Schließlich verlangt eine Salome so ziemlich alles von der Interpretin.

KS Angela Denoke: Ob man stimmlich nach einer Vorstellung müde ist, hat, denke ich, eher mit den technischen Möglichkeiten eines Sängers zu tun. Gerade nach einer Salome fühle ich mich stimmlich immer recht frisch. Es ist mein Körper, dem ich dieAnstrengungen einer Salome am nächsten Tag anmerke. Ein Opernabend hat ja auch einen sportiven Charakter, und eine Salome-Aufführung würde ich mit einem etwas längeren Sprint vergleichen.

Sie singen von Strauss verschiedene Werke: früher entstandene und später komponierte – inwieweit merkt man als Sänger stilistische Unterschiede?

KS Angela Denoke: Die stilistische Entwicklung,die Strauss im Laufe seines Lebens durchgemacht hat, betrifft alle musikalischen Bereiche. Interessant finde ich diesbezüglich allerdings zwei Aspekte: Die Tatsache, dass Strauss in seiner musikalischen Sprache in späteren Werken durchaus manches wieder zurücknahm, was er in früheren bereits eingesetzt hatte, und den Umstand, dass er regelmässig mit Reminiszenzen arbeitete, andere, und vor allem sich selbst gerne zitierte – man denke nur an Capriccio. Und so ein Zitat aus einer frühen Komposition in einem späten Werk hat einen eigenen Reiz.

Gilt das, was Sie bis jetzt über die Musik von Richard Strauss sagten, nur für die Opern oder auch für sein Lied-OEuvre?

KS Angela Denoke: Die Lieder sind grundsätzlich etwas lyrischer angelegt und mit der Feldmarschallin, Arabella und der Capriccio-Gräfin eher vergleichbar als mit den Partien in Elektra und Salome. Aber die Neigung zu lang ausgestalteten Phrasen finden sich bei den Liedern ebenso wie in den Opern.

Kann man Strauss aus dem Bauch heraus interpretieren oder muss man viel strukturell grübeln, lesen, vergleichen?

KS Angela Denoke: Das Interessante für mich bei den grossen (Strauss)-Partien ist, sie immer wieder neu zu erleben und immer wieder neu zu erarbeiten. Ich bereite sie grundsätzlich sehr gut vor, lese viel, informiere mich über die Hintergründe. Aber das spontane Empfinden hat auch seinen Platz, zumal ich durchaus gerne ungeplante Risiken eingehe, um einer Rolle aus dem Moment heraus eine Farbe zu geben. Wenn man auf der Bühne dann noch Partner hat, die ebenfalls aus dem spontanen Erleben heraus arbeiten, können sich beglückende Momente ergeben, in denen Neues kreiert wird. Natürlich ist der grundsätzliche musikalische und szenische Fahrplan vorgegeben. Aber für die Nuancen einer Partie und wie sie sich im Laufe des Abends entwickelt, habe ich gewisse Freiheiten, die ich gerne nutze, um die Rolle immer wieder neu zu erleben. Ein immer gleiches Abziehbild ist mir nicht genug und wäre mir wohl bald langweilig. Ich möchte den Charakteren, die ich singe, Leben geben und mich auch für den jeweiligen Abend mit ihnen identifizieren.

Besteht aber bei einer zu emotionalen Beteiligung nicht die Gefahr des Verlustes der Grundkontrolle?

KS Angela Denoke: Eine Grundkontrolle muss natürlich immer da sein, sonst sind diese schweren Partien nicht zu bewältigen. Man darf nicht so weit in sie eintauchen – das musste auch ich lernen –, dass man von ihnen davongetragen wird. Dennoch bleibt Raum für das eigene Erleben.

Singen Sie lieber Rollen, die Ihnen neu sind, oder bereits oft gesungene?

KS Angela Denoke: Das Neue hat seinen Reiz, weil man ganz frisch und unvoreingenommen an die Sache rangeht. Dennoch sehe ich es als großes Glück an, wenn man eine Rolle öfter gestalten darf, insbesondere in mehreren Neuproduktionen mit unterschiedlichen Regisseuren, weil sich einem dadurch immer neue Zugänge zum Werk und zu der Partie eröffnen. Als ich zuletzt in Florenz die Marschallin sang, wurde ich in Interviews zur Interpretation dieses Charakters befragt. Dabei habe ich für mich festgestellt, dass ich im Laufe der Jahre immer wieder eine andere Sicht auf diese Frauhatte, je nachdem, was ich persönlich erlebte, wie sich der Blick auf das eigene Leben veränderte. Dadurch änderte sich natürlich auch der interpretatorische Ansatz gerade für diese Rolle. Diese Form von Reflexion hält den Beruf sehr lebendig,wie ich finde.

Ein Regisseur, der mit Ihnen arbeitet, der muss aber schon einiges bieten können, damit Sie zufrieden sind.

KS Angela Denoke: Die schönsten Erfahrungen habe ich mit Regisseuren gemacht, die mich sehr stark gefordert und meine Möglichkeiten weiterentwickelt haben, von denen ich gelernt habe. Man trifft aber heute auch auf Regisseure, die uns lediglich fürs erste „etwas machen, etwas anbieten lassen“ – möglichst auch noch jeden Tag etwas Neues. Gegen diese Arbeitsweise habe ich grundsätzlich nichts, solange ein solides Fundament, eine Vorbereitung vorhanden ist, womit der Regisseur dann arbeiten kann. Diese Voraussetzungen sind aber eben manchmal nicht gegeben, und dann ist die Arbeit wirklich unbefriedigend. Man fühlt sich regelrecht unterfordert, im schlimmsten Fall ausgenutzt.

Vielleicht nimmt diese Arbeitsweise zu, weil heute viele Schauspielregisseure in der Oper arbeiten.

KS Angela Denoke: Man arbeitet im Schauspiel tatsächlich ganz anders als in der Oper, soweit ich weiß. Das Interessante ist aber, dass man den Eindruck hat, dass gerade Schauspielregisseure uns Sängern szenisch oft weniger zutrauen als den Schauspielern.

Kann Ihnen ein Regisseur mehr geben als ein Dirigent?

KS Angela Denoke: Nein. Im Idealfall bekomme ich von beiden neue Impulse, beide sind mir gleich wichtig. Der Unterschied ist nur, dass ein Dirigent sein Handwerk beherrschen muss – bei manchen Regisseuren wünschte ich, es würde ebenso abverlangt... Eine gute Besetzung kann eben viele inszenatorische Leerläufe überdecken.

Sie wirken selbst auf einer großen leeren Bühne nie verloren, kann man so eine Aura, so ein Ausfüllen des Bühnenraumes lernen?

KS Angela Denoke: Ich glaube, es ist eine Mischung aus Gabe und Erfahrung. Manches kann man sich auch erarbeiten: Dass beispielsweise die Konzentration und kleine Gesten oft mehr sagen als große, dramatische Bewegungsabläufe, habe ich gelernt. Dieses Ausfüllen des Bühnenraumes, wie Sie es nennen, interessiert mich sehr und ich hoffe, mich weiter entwickeln zu können, da mir ein Stehenbleiben auf einem bereits erreichten Niveau eigentlich in keinem Bereich genug ist.

Das Interview führte Andreas Láng

 
bundestheater.at